Full text: Hessenland (25.1911)

Die Brautwerbung. 
Erzählung von Heinrich Bertelmann. 
Der Mai war im Tale. Die Hecken an Hängen 
und Halden holten wieder ihre weißen Schleier 
hervor, und die alten Buchen am Waldsaum sangen 
ihr Brautlied. 
Der Regen der letzten Tage hatte den Kleeäckern 
und Kornbreiten Mut gemacht. Nun riesen sie es 
in die Wolken Grün, grün ist Trumps! 
Im Dorfe läutete es zum Nachmittagsgottesdienst. 
Den Bornhöser, der gewöhnlich zu dieser Stunde 
sein Mittagsschläfchen hielt, trieb es heute ins 
Feld. 
Von seinem Fenster aus konnte er die Kirchtür 
beobachten. Eben war die alte Tielen, die immer 
die Letzte sein mußte, dahinter verschwunden. Da 
streifte er den funkelnagelneuen Kittel über, griff 
nach seiner Mütze und verließ das Haus. 
Sein Gang war etwas gebückt. Die Fritzen, die 
oben beim Totenhos wohnte, wollte wissen, ihn hätte 
der Böse geritten, weil er sie um einen halben Acker 
Wiese gebracht. 
Der Lütjenbauer an der Brücke lag in Hemd 
ärmeln breit im Fenster und lachte dem jungen 
Birnbaum seines Gärtchens zu, der zum ersten Male 
in voller Blüte stand. 
Der Bornhöser nickte herüber. Der Lütjenbauer 
sagte „Bungschur." 
Das hatte er sich seit seiner Verheiratung an 
gewöhnt. Seine Frau stammte nämlich aus der 
benachbarten französischen Kolonie. 
„Düt is äwer 'n Staat, wi dat blöjet!" *) sagte 
der Bornhöser. 
„Je, dat is et. — Wo fall denn dine Reise 
hünegahn?" 
„Jk wE emal na usem Koren kucken." 
„Da gah ik midde." — 
Gemächlich schoben bald zwei blanke blaue Kittel 
die Dorsstraße hinunter. 
Erhobenen Hauptes ging der Lütjenbauer. Stolz 
schaute er links und rechts und ließ sich grüßen. 
Vor vierzehn Tagen hatte ihm sein dreijähriger 
Grauschimmel auf der Fohlenschau eine Prämie 
eingetragen. Die Freude darüber sah man ihm 
noch an. 
Nun tauchten sie schon unter im lichten Grün 
der Gärten und Felder. 
Von Bestellung und Aussaat, Unkraut und Wachs 
tum redeten sie. Überstandene Mühen und Nöte 
aufzurühren vergaßen sie nicht, bedachten mit Lob 
oder Tadel die offenbaren Werke ihrer Dorsgenossen, 
') blüht. 
je nach dem der Acker zum einen oder anderen 
Anlaß bot. 
Ein gut Stück schwang sich der Weg durch den 
Wald. Wie der wieder zerfahren war! Vor der 
Ernte müßte er absolut in Ordnung, sonst gäbe es 
zerbrochene Räder. Endlich standen sie am Ziele, 
wo ihre beiden Pläne aneinandergrenzten. 
„Dat würd to geil", meinte der Bornhöser. 
„Dat jit luter Lagerkoren", bekräftigte der Lütjen 
bauer. 
„Kuck, de verdammte Rietmus is da auk oll 
Widder twischen" fuhr der Bornhöser fort und 
stampfte den Hohlgängen des schädlichen Tieres 
eine Strecke nach. 
„Wenn ’t feit 2 ) slan füll, wie hat nau Koren 
bis in 'en Oktober" prahlte der Lütjenbauer. 
„Wenn * 7 t da drup ankömmet," glaubte der Born- 
höfer trumpfen zu müssen, „denn schicket use nau 
bis Christag." 
„Heft Du ni Hort, wat de Wete 2 ) gelt?" begann 
aus einmal der Lütjenbauer und sah den Bornhöser 
scharf an, denn er wußte, daß der bereits im März 
alles losgeschlagen hatte. Inzwischen aber war der 
Preis bedeutend gestiegen, und er hatte noch einen 
Boden voll liegen. 
Der Bornhöser ließ sich nichts merken und er 
widerte dünn „Jk, hawe giftert 4 ) de raue Koh an 
7 en Markus verkofft. De vertellte, de Pries wör 
torüje gähn." 
„Torüje gähn? Denn verkeipe ik ni. Neidig 
hawe ik et ni", erwiderte der Lütjenbauer. 
„Awer 't Faselveh^) kostet hellisch Geld", fuhr 
der Bornhöser fort und rieb sich frohlockend die 
Hände. „Drütein Stück het use alle Sitzes smiten, 
un dat Estling siwene. De drütein könn wie olle 
tesammene verkeipen." 
Der Lütjenbauer, dessen Sau es bloß aus fünf 
gebracht, wovon noch zwei eingegangen waren, sah 
gar nicht auf, zog in größter Seelenruh sein rotes 
Taschentuch hervor, entfaltete es umständlich, breitete 
es auf den Rasen und ließ sich mit Würde daraus 
nieder. 
„Denn will ik ontanz^) twe Paar bestellen", er 
widerte er gelassen, nachdem er mit schwerem Seufzer 
gelandet, als ob ihn die zwanzig Ferkel seines 
Nachbars gar nicht rührten. 
„De käst Du kriegen" gab der Bornhöser erfreut 
zurück holte sein gelbes Taschentuch heraus ent- 
') fehlschlagen. 3 ) Weizen. 4 ) gestern. 5 ) Jungvieh. ®) Sau. 
7 ) einstweilen.
	        

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