Full text: Hessenland (25.1911)

Hessische Bücherschau. 
Wolfs W. Die Entwicklung desUnterrichts- 
wesens in Hessen-Kassel vom 8. bis zum 
19. Jahrhundert. Kassel (im Selbstverlag des 
Verfassers) 1911. 
Der durch seine gediegenen Beiträge zur Geschichte der 
Stadt Ziegenhain und andere wertvolle Veröffentlichungen 
auf theologisch-historischem Gebiet bekannte Superinten 
dent a. D. D. W. Wolfs in Kassel gibt hier an der 
Hand von ungedruckten Urkunden und Akten des Mar- 
burger Staatsarchivs, der Landesbibliothek und des König 
lichen Konsistoriums zu Kassel sowie der einschlägigen ge 
druckten Literatur einen Überblick über die Entwicklung 
des Schulwesens in den ehemals kurhessischen Städten. Die 
ersten fünf Kapitel, die s. Zt. in der „Kasseler Allgemeinen 
Zeitung" zum Abdruck gelangt und einem Teil der Leser 
wohl bereits bekannt sind, geben die Entwicklung des 
Schulwesens bis zu Philipp dem Großmütigen unter Dar 
legung der beherrschenden Stellung des Lateinunterrichts, 
die Reform des Unterrichts unter Philipp dem Groß 
mütigen, die Begründung der städtischen Partikular- und 
Trivialschulen in Hessen vom 16.—18. Jahrhundert und 
die Entwicklung der deutsch-lateinischen Schulen vom 16. 
bis 19. Jahrhundert in Hessen. Der zweite Teil, der sich 
auf einem reichen gedruckten und ungedruckten Quellen- 
material aufbaut, enthält Nachrichten über die Dotierung 
der Stadtschulen in 37 hessischen Städten, die Begründung 
von hessischen 'Dorfschulen (seit der Reformation) ans den 
Altar- und Opferpfründen und dem Schulgeld der Orts 
gemeinden. Das in vieler Hinsicht interessante Schluß 
kapitel berichtet von der Verstaatlichung der bisher kirch 
lichen Schulen, der Entstehung des Oberlehrerstandes und 
dem Hervortreten eines besonderen Standes der Volksschul 
lehrer und der Kreisschulinspektoren. 
Die Vorwürfe und Bedenken, die der Verfasser gegen 
den Religionsunterricht nicht theologisch vorgebildeter Ober 
lehrer an höheren Schulen erhebt (S. 494—497), erhält 
er nach einer brieflichen Mitteilung nicht mehr aufrecht. 
Die Ausführungen über den Schulaufsichtsdienst der 
Geistlichen machen, wie auch die übrigen Darlegungen, 
einen durchaus objektiven Eindruck. So bildet das Buch 
einen wertvollen Beitrag zur Geschichte unseres hessischen 
Schulwesens und kann warm empfohlen werden. Es sollte 
in keiner Lehrerbibliothek unserer hessischen Schulen fehlen. 
Dr. W. Schoos. 
Büff Ludwig, Geh. Justizrat. Allerlei in hessischem 
Licht. 111 Seiten. Kassel (Ernst Röttger). 
Preis M. 1—, geb. M. 1,50. 
Die zahlreichen Freunde der volkstümlichen Erzählungs 
kunst Ludwig Buffs werden es diesem Dank wissen, daß er 
wiederholten Wünschen nachgebend sich entschlossen hat, 
alle die Heimatsgeschichten jetzt gesammelt herauszugeben, 
die er in den Jahren 1884—1910 im „Sonntagsboten für 
Kurhessen" veröffentlichte und in denen das Bauern-, Pfarr- 
und Amtshaus im Vordergrund stehen, in denen sich das 
Leben der Familie des Erzählers abspielte. Das in den 
hessischen Farben schmuck gebundene Bändchen wird mit seinen 
schlichtinnigen Erzählungen vielen eine begehrte Gabe sein. 
„Die Goldammer singt ihr uraltes unverfälschtes Lied im 
heißen Sommer über allen hessischen Grasgärten. Sie 
singt es aus den Zweigen niedriger Zwetschenbäume heraus, 
die so bescheiden sind, daß man vieler Orten nicht weiß, 
wie sie geschrieben werden. Ihren Sang sollen diese 
einfachen Geschichten deuten, und des Erzählers Herzens 
wunsch ist, daß der Ruhm der Blindheit, und damit die 
alte Einfachheit, seinem Stamme möchte erhalten bleiben." 
Hbach. 
Deutsche Sagen. Herausgegeben von den Brüdern 
Grimm. Zwei Teile in einem Band. Mit Titel 
bild von L. E. Grimm sowie Einleitung und Register 
herausgegeben von Professor Adolf Stoll. 704 S. 
Leipzig (Hesse & Becker Verlag). Geb. M. 2.—. 
„Wir empfehlen unser Buch den Liebhabern deutscher 
Poesie, Geschichte und Sprache und hoffen, es werde ihnen 
allen, schon als lautere deutsche Kost, willkommen sein im 
festen Glauben, daß nichts mehr auserbaue und größere 
Freude bei sich habe, als das Vaterländische." Also 
schrieben die Brüder in der Vorrede zum ersten, 1816 er 
schienenen Sagenband. Zum erstenmal gibt Stoll zu wohl 
feilem Preis diesen unerschöpflichen Sagenschatz der beiden 
Bände in einer Volksausgabe heraus, die freudig zu be 
grüßen ist und noch wertvoller dadurch wird, daß ihr zum 
ersten Male auch ein die Benutzung ungemein erleichtern 
des Orts- und Personenverzeichnis beigefügt wurde. 
Heidelbach. 
Gubalke Lotte. Das Marienbild der Nonne 
Zeitlose. Erzählung. 215Seiten. Stuttgart (Adolf 
Bonz & Co.) 1911. Preis M. 2,50. 
Speck Wilhelm. Ein Quartett-Finale. Novelle. 
1.—5. Tausend. 96 Seiten. Berlin (Martin Warneck) 
1911. Preis kart. M. 1.60. geb. M. 2.50. 
, Zwei Seelen. Erzählung. 16.—20. Tausend. 
406 Seiten. Berlin (Martin Warneck) 1911. 
Preis M. 4.—, geb. M. 5.— 
Lotte Gubalkes schöpferisches Erzählertalent griff 
diesmal weit in die Vergangenheit zurück. Mit den letzten 
Tagen des am Habichtswalde gelegenen Klosters Weißenstein, 
das 1526 von Landgraf Philipp aufgehoben wurde, setzt 
ihre Erzählung ein. Wir treffen noch die beiden letzten 
Nonnen Jmmiche Konrad und Zeitlose Sinningk, im 
Kloster an, von dessen Räumen nun ein vom Landgrafen 
eingesetzter Vogt mit seiner Schwester Mete Schwartin 
Besitz ergreift. Jmmiche bleibt als Metes Gehilfin, Zeitlose 
zieht heimatlos hinaus in die Welt, zurück aber ließ sie, 
die Kunstreiche, ein von ihrer Hand gemaltes Bild der 
heiligen Jungfrau mit dem Jesusknaben. Fortan hing es 
in der Schreibstube des Vogtes. Bei den Ursulinerinnen 
in Lichtenau findet Zeitlose eine neue Wirkungsstätte in 
der Kindererziehung und Krankenpflege, den Vogt aber auf 
dem Weißenstein zieht es immer wieder vor das geheimnisvolle 
Bild der Gottesmutter, das wie durch ein Wunder die 
Züge Zeitloses trägt, die je länger je mehr sein Herz sich 
in Sehnsucht verzehren lassen. Wie das Schicksal die beiden 
schließlich wieder zusammenführt, wie das Marienbild der 
Nonne, von Wiedertäufern entführt, schließlich doch wieder 
an seinen alten Platz gelangt und wie Zeitlose mählich 
ihre Weltseindschast preisgibt und kurz vor dem ehelichen 
Glück, das ihrer harrt, eines entsetzlichen Todes stirbt, das 
alles hat die Verfasserin fesselnd zu erzählen verstanden. 
Wenn sie auch hier und da von ihrem guten Recht, das 
Historische für ihre Zwecke zu modeln. Gebrauch macht, 
so weiß sie doch im ganzen das Zeitkolorit, das mit 
mannigfachen Fäden in die Handlung hineinspielt, geschickt 
festzuhalten. Vor allem bekundet sie auch in diesem Werk 
wieder die ihr eigene Gabe, Menschen von Fleisch und Blut 
in vollendeter Plastik vor uns hinzustellen. 
Allen Freunden Wilhelm Specks wird es eine 
Freude sein zu hören, daß er uns im „Quartett-Finale" 
eine neue und köstliche Gabe beschert hat. Mit bewunderns 
werter Zartheit hat er diesmal ein an sich delikates Problem 
behandelt. Die Gattin eines Philologen der sein Weib 
wohl liebt aber in seiner Berufsarbeit weder Zeit noch 
Lust findet, die ungestillte Sehnsucht dieser weichen, kind
	        

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