Full text: Hessenland (25.1911)

Pflanzen und Kräuter nach der Natur zu zeichnen, 
den Charakter der Bäume zu betrachten — das sei 
der Weg, um etwas zu lernen, freilich sei der Weg 
mühsamer, aber der Geist habe dabei doch zu tun, 
während man beim Kopieren solcher geistlosen Ori 
ginale stumpf und immer weiter von der Natur 
entfernt werde. Das sei meine Meinung, die ich 
nach der Aufforderung Ihrer Durchlaucht geglaubt 
hätte ausrichtig sagen zu müssen; wenn ich schon 
kein Landschaftsmaler sei, so wüßte ich doch den 
rechten Weg anzugeben. 
Die Fürstin schien nicht unwillig zu sein, sie 
sagte zur Prinzeß: „Siehst du, da hören wir aus 
einmal ganz andere 
Sachen!" 
Es seien in Bir- 
steinsoherrlicheStu- 
dien für die Land 
schaft zu machen, 
sagte ich, und sie 
seien ganz nahe ich 
machte das Fenster 
auf und ersuchte die 
Fürstin, sich nur jene 
Bamngruppe zu be 
trachten — sie war 
gerade sehr schön 
im Halbschatten—, 
einige Originale 
hielt ich daneben 
und bat, man möge 
sich von dem Unter 
schied überzeugen. 
„Ja, Sie haben 
recht," sagte sie, 
„aber es ist zu schwer, 
so was zu zeichnen." 
Ja, es müsse nur 
angefangen werden, 
sagte ich, nach der 
Natur zu arbeiten, 
dann komme man 
dahin, aber der ersteingeschlagene Weg führe ab vorn 
Richtigen. 
Ich schrieb ihr nun gute, neu herausgekommene 
Sachen aus. Pflanzen, Bäume u. dgl., und sie sagte 
auch, sie wolle sie gleich bei Artaria bestellen lassen, 
ob es geschehen ist, weiß ich nicht. 
Nun wurde unten der Tee getrunken und noch 
Kunstwerke besehen, mit der Gräfin konnte ich nicht 
sprechen; sie sagte nur: „Sie haben Ihr Wort nicht 
gehalten mit Ihrem Zeichenbuch", als auch die 
Fürstin sagte: „Wir werden doch Ihr Skizzenbuch 
zu sehen bekommen?", versprach ich, es mitzu 
bringen. 
Den andern Tag hatte der Vetter Poppelmann 
die Fürstin gesprochen, als er mich dann sah, machte 
er erstaunlich kleine, freundliche Augen: „Die Frau 
Fürstin hat sich sehr lobend über Sie geäußert, mon 
eher cousin! Sie hat auch gesagt, man wisse bei 
Ihnen, woran man sei," und es werde ihr sehr 
lieb sein, wenn ich von Zeit zu Zeit ihre Arbeiten 
sehen könne. 
Der schönen Gräfin hätte ich so gerne etwas 
Angenehmes über ihre Zeichnung sagen mögen, es 
war nicht möglich, so schlecht war sie! Die Hand 
arbeit, woran sie mit bunter Farbe arbeitete, wickelte 
sie jedesmal, wenn sie den Tee zurecht machte, zu 
sammen und steckte 
sie lachend unter das 
Kissen. Ich erwischte 
das Bündel aber 
doch einmal, machte 
es aus und besah es, 
sie wollte es nicht 
gerade wegnehmen 
und sagte nur: „Ach 
nein!" Es war übri 
gens schön gearbeitet, 
was ich ihr auch 
sagte. „Ach, Sie 
sind mit nichts zu 
frieden," antwortete 
sie, „und nichts 
gefällt Ihnen!" — 
sagte ich, „Sie 
tun mir sehr unrecht, 
ich könnte Ihnen 
doch etwas nennen, 
was mir ausneh 
mend gefällt, ich 
darf es Ihnen aber 
nicht sagen." — 
„Auch etwa eine 
Landschaft?" — 
„Nein, gnädige Grä 
fin, ein Bildnis!" — 
„Von van Dyck?" — „Nein, besser." — „Von 
Tizian?" — „Viel besser ist's gemalt, es ist wie 
lebend." — Sie mochte wohl gemerkt haben, wen 
ich meine, und frug befremdet, in welcher Galerie 
ich das gesehen habe. „Hier im Schloß", sagte ich; 
das war ihr deutlich, und sie beschäftigte sich schnell 
mit dem Tee. 
Die Prinzeß sprach sich so schön, so deutlich und 
mit soviel Milde zu meinen Äußerungen über die 
Zeichnungen aus, und wie gern sie die Galerie in 
Selbold mit mir ansehen möchte, daß sie aber zu 
sehr angegriffen dazu sei, und was sie noch von 
früheren Zeichnungen habe, wolle sie mir alles zeigen. 
Jakob und Wilhelm Grimm. 1843. 
Nach L. E. Grimm. 
Aus: Brüder Grimm, Deutsche Sagen. Leipzig. Hesse & Becker Verlag.
	        

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