Full text: Hessenland (25.1911)

346 NSSL. 
Wissen und schaffen so gemeinsam mit dem Text ein Kultur 
bild ersten Ranges, das neben vielem anderen auch manchen 
neuen Beitrag zur Würdigung Jakobs und Wilhelms 
bringt. Doch auch dem Lebensgang der übrigen Brüder 
ist der Herausgeber mit unermüdlichem Fleiß nachgegangen, 
er hat das Bild des wackeren Präzeptors Zinckhan, das 
uns die Brüder so anschaulich vermittelt, biographisch 
wesentlich ergänzt, er geht eingehend auf die Kasseler Schul 
verhältnisse zur Zeit der Grimms ein, bringt neue Grimm- 
briefe. hat die Wohnungen und Grabstätten der Familie 
Grimm ermittelt und gibt (auf 28 Seiten!) zum erstenmal 
ein ausführliches Verzeichnis der von Ludwig geschaffenen 
Radierungen. Ölgemälde, Aquarelle. Handzeichnungen, 
Lithographien. Kopien. Eine feinsinnige Charakteristik der 
Brüder und namentlich eine Würdigung Ludwigs als 
Menschen und Künstler leitet das Ganze ein. Gradezu 
erstaunlich ist der fabelhaft billige Preis des umfangreichen 
Werkes, dem außerdem 34. größtenteils bisher noch un 
bekannte Bildnisse, 5 Abbildungen und eine Kartenskizze 
beigegeben sind. Für das Register wissen wir noch be 
sonderen Dank, und wenn wir das Buch mit einem be 
scheidenen Wunsch aus der Hand legen, so wäre es viel 
leicht der den folgenden Ausgaben, die nicht ausbleiben 
werden einige übersichtliche Stammbäume der Familien 
Grimm, Arnim, Savigny, Brentano einzureihen, um auch 
dem weniger Literaturkundigen ihre Beziehungen leichter 
zu veranschaulichen. Heidelbach. 
Ernst Otto. Aus Herkules Meiers Traumleben. 
Leipzig (Hesse & Becker). 
In der äußerst verdienstvollen Sammlung von Hesses 
Volksbüchern ist nun auch Otto Ernst mit drei Erzählungen 
zu finden. Der liebenswürdige und anspruchslose Humor, 
die unverwüstlich gute Laune und der flüssige, anheimelnde 
Stil Ernsts kommt hier vortrefflich zur Geltung. Man 
braucht das Talent des Hamburgischen Dichters nicht allzu 
sehr zu überschätzen, man mag die Grenzen, in denen es 
sich äußert, noch so sehr überschauen, und man wird doch 
freudig begrüßen, daß hier einem weiteren Kreise für wenig 
Geld größere Proben seiner humoristischen, unterhaltenden 
und anregenden Erzählungen geboten werden. Otto Ernst 
mag mit dem Franzosen sagen: Non verre 68t petit, 
mais je bois dana mon verre. Seine frische ungekünstelte 
Art, sein gemütvoller Ton wird ihm zu den alten Freunden 
neue werben. Arnold Latwesen aus Kassel hat dem 
Buch einen, die Eigenart Ernsts würdigenden biographischen 
Essay vorangeschickt. Die hingebende Sorgfalt, mit der 
sich Latwesen in seines Dichters Wesen versenkte, die Wärme 
und der Schwung seiner Darstellung berühren außerordent 
lich wohltuend. Daß er sein Objekt vielleicht etwas zu 
hoch auf der Stufenleiter literarischer Etikettierung stellt, 
kann ihm, da es sich hier um stark subjektive Werturteile 
handelt, nicht zum Vorwurf gemacht werden. Latwesen 
wägt glücklicherweise nicht kühl und in abstrakter Uninter 
essiertheit. Er ist von seinem Gegenstand erfüllt, er weiß 
seinem Dichter nachzuempfinden und in eindringlichen 
Worten zu sagen, was er fühlt. Das Buch verdient daher 
weite Verbreitung. H. Bl. 
Kranz. I. H., und Schwalm I. H. Kreizschwer- 
neng, Spaß muß seng! Gedichte in Schwälmer 
Mundart. I. Band, 2. Auflage. 3. u. 4. Tausend. 
II. Band. 1. u. 2. Tausend. Ziegenhain (Wilhelm 
Korell) 1911. 
Seitdem der 1902 verstorbene Dialektdichter Kurt 
Ruhn mit seinen zahlreichen in der Zeitschrift „Hessen 
land" veröffentlichten Dialektgedichten die Schwälmer Mund 
art literaturfähig gemacht hat, sind durch ihn in neuster 
Zeit zwei aus dem Schwalmtal gebürtige Volksfchullehrer 
angeregt worden, sich weiterhin auf diesem Gebiet zu be 
tätigen. Ihnen ist es gelungen, über die meisten bei Ruhn 
bemerkbaren Mängel glücklich hinwegzukommen, und so 
ist es nicht zu verwundern, daß diese Schwälmergedichte, 
die die beiden befreundeten Herausgeber ihren lieben 
Schwälmer Landsleuten „aus inniger Zuneigung" gewid 
met haben, schon wenige Jahre nach ihrem Erscheinen sich 
einer ganz andern Volkstümlichkeit erfreuen wie die weniger 
lebenskräftigen, vielfach wie Spielerei anmutenden Dich 
tungen Nuhns. die, nebenbei bemerkt, auch für den Mund 
artenforscher wenig zuverlässig und mit großer Vorsicht 
zu benutzen sind. 
Der Inhalt der beiden Bände von „Kreizschwerneng" 
ist. wie schon ihr Titel sehr bezeichnend verraten läßt, meist 
derb und satirisch, aber gerade deshalb auch recht lebens 
voll. Die beiden Dichter, die unbestritten als die besten 
Kenner des Schwälmervolkes gelten dürfen, find ja selbst 
Kinder ihrs Volkes, und so dürfen wir es keineswegs als 
Selbstüberhebung oder Geringschätzung ihrer biederen 
Landsleute ansehen wenn sie deren Schattenseiten mehr 
als deren Lichtseiten in den Vordergrund rücken und für 
alle Schwächen dieses sonst so vortrefflichen, unverfälschten 
Vvlksstammes ein gar feines Auge haben. Klingt doch 
aus allen Gedichten als warmer, stetig mitschwingender 
Unterton eine herzliche Liebe und Zuneigung zu ihren 
braven Landsleuten heraus! — So werden die ver 
schiedensten Schwächen der Schwälmer mit behaglicher, hie 
und da vielleicht etwas ausführlicher Breite und einem 
feinen Spott gegeißelt. Die Darstellung ist fast durchweg 
vortrefflich: frisch, anschaulich, voll von urkräftigem, ge 
sundem Humor, der seine Wirkung nur selten verfehlt. Zu 
dem sind die beiden Verfasser bemüht gewesen, die Schwierig 
keiten in der Schreibweise die die Lektüre der Schwäl 
mer Mundart dem Fremden zu bieten pflegt und die die 
Freude am Lesen stark beeinträchtigt, nach Möglichkeit zu 
beseitigen durch ein von I. H- Schwalm aufgestelltes 
phonetisches System, das die Mitte hält zwischen wissen 
schaftlicher und volkstümlicher Schreibart, um dem an hoch 
deutsche Wortbilder gewöhnten Leser das betreffende Wort 
der Schriftsprache ins Gedächtnis zu rufen und so das 
raschere Einlesen und Verstehen zn fördern. So bieten 
diese Gedichte schon vom sprachlichen Standpunkt au8 in 
teressante Einzelheiten von großer Zuverlässigkeit, an denen 
der Mundartenforscher nicht gleichgiltig vorüber gehen kann. 
Aber auch vom rein künstlerischen Standpunkt find die 
meisten wertvoll. Prachtstücke des ersten Bandes wie „Die 
Jnfluänz" „Das Axtrawängche". „Das Bruche düs helft 
doch". „Vor'm Kammerfänster", „D8 Schulexame", „Kopf 
arbeit" u. a. find bereits in aller Mund und es erübrigt 
sich, noch weiteres über diesen Band zu sagen, der jetzt in 
neuer, ziemlich unveränderter Auflage vorliegt. Wenn 
der zweite Band auch keine allzu großen Überraschnngen 
bietet, so finden sich doch auch hier köstliche Perlen des 
Humors wie „Das folgsame Jengelche". „DaS Kuchebläch", 
„Dä Dellegraf" „Engerschedlich", „Dä Geißehannel" u. 
a. m., in denen uns das biedere Schwälmervolk in seiner 
ganzen Urwüchsigkeit und Ursprünglichkeit entgegentritt. 
Daß daneben sich auch dichterische Stoffe finden, wie „Dä 
Alkehol" „Die Genshaut". „Dä Deiwel in dä Kerch". die 
nicht spezifisch schwälmerische Eigenart darstellen, braucht 
dem Ganzen keinen Abbruch zu tun. 
Wir sind überzeugt, daß auch dieser neue Gedichtband 
seinen Siegeszug durch den Hessengau nehmen und über 
die rot-weißen Grenzpfähle hinaus überall da treue Freunde 
finden wird, wo sich Hessen zu gemeinsamen Erinnerungen 
an die Heimat zusammenscharen werden. Noch einen Wunsch 
möchten wir dem neuen Büchlein mit auf den Weg geben: 
daß sich die Herausgeber entschließen möchten, selbst ihre
	        

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