Full text: Hessenland (25.1911)

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Das Erdwerk nördlich der Mühle ist ein vom 
Herzog von Broglio gegen die Approchen der 
Alliierten 1761. errichtetes Ravelin. 
Der große Finkenherd bei der Altstädter Mühle 
hat sich noch gut erhalten mit seinen zwei Lust 
häuschen auf den Spitzen und feinen Kasematten 
mit den Schießscharten vom 16. und 17. Jahr 
hundert. Nur die Wälle sind verschwunden. Mit 
geringen Mitteln ließen sich die Kasematten zu 
einer Sehenswürdigkeit Kassels ausgestalten. 
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Das Idyll in Birstein. 
Nach Ludwig Emil Grimm. 
Ludwig Grimm hatte den Winter 1819/20 bei der 
Familie Brentano verlebt, hatte einige Tage in Hanau 
verbracht und folgte dann einer Einladung eines in Isen- 
burgschen Diensten stehenden und 1853 als Archivrat ver 
storbenen Vetters Poppelmann nach dem im Kreise 
Gelnhausen am Fuße des VogelsbergS gelegenen Dorfes 
Birstein, in dem sich ein Schloß des Fürsten von Isenburg- 
Birstein befand. Wir geben nachstehend Grimms anmutige 
Schilderung des Idylls, mußten aber aus Raumrücksichten 
die erläuternden Anmerkungen des Herausgebers fortlassen. 
(Vgl. unsere „Hessische Bücherfchau" Seite 345 f.) 
Nach einigen Tagen verließ ich dann Hanau, 
um die Verwandten in Birstein zu besuchen, und 
wanderte über das Schlachtfeld von Hanau und 
durch den Lamboiwald nach Langenselbold; Balde 
hatte mich bis dahin begleitet, und wir verabredeten 
uns, nach vierzehn Tagen in Soden bei Salmünster 
bei der Familie Duprö zusammenzukommen. 
Nun wanderte ich bei Lerchengesang an der Ronne 
burg*) vorbei durch schöne Wiesen, Täler und Wälder 
nach Büdingen, einem schönen Städtchen mit alten 
gotischen Toren; es liegt da von Bergen einge 
schlossen, sehr warm, nur nach Süden eröffnet sich 
ein schönes, grünes Wiesental, in dem Störche fried 
lich herumspazierten. Ich sah mich im Städtchen 
und in der Umgegend um und blieb die Nacht über 
da, weil ich etwas Kopsweh hatte. 
Von da wurde der Weg ungleich, die Gegend 
bergig und kälter; in Birstein freuten sich meine 
Verwandten über meine Ankunft; ich bewohnte das 
Bibliothekszimmer von meinem alten Vetter, worin 
ich vor fünf Jahren mit Denhard schon einmal 
ein paar Wochen gehaust hatte; aber bei den zwei 
alten Leuten war alles unverrückt noch an der alten 
Stelle. Da standen in den Ecken noch die alt 
modischen Stahldegen mit Kettengehänge, einer zur 
Trauer, blau angelaufen, eine Klinge ging gar nicht 
mehr heraus, die andere hatte große Rostflecken; 
da hingen drei bis vier kleine viereckige schwarz 
*) Wir bringen in einem der nächsten Hefte mit Kom 
mentar ans der Feder des Fürsten Friedrich Wilhelm zu 
Isenburg und Büdingen den bisher noch unveröffentlichten 
Briefwechsel zwischen dem Grafen Nikolaus Ludwig von 
Zinzendorf und dem Grasen Ferdinand Maximilian II. 
zu Isenburg und Büdingen über die Erbpachtung der 
Ronneburg. Die Redaktion. 
seidene Hütchen, womit er zu Hof ging und die 
unter dem Arm getragen wurden, in einem alten 
Bücherschränke mit großen Folianten hing auch seine 
Hosunisorm, dunkelblaues seines Tuch mit hellblauem 
Kragen und Aufschlägen von Samt mit goldnen 
Stickereien. Mein großes Bett mit Himmel und 
grobblumigen Kattunvorhängen war schneeweiß mit 
dem feinsten Linnen gedeckt. 
Mein guter Vetter, der gut und gern einige 
vierzig Jahre älter war als ich, war ein Mann nach 
dem alten Schnitt, hatte seine Manieren, leuchtete 
mir jeden Abend selbst mit dem Licht in der Hand 
auf mein Zimmer, fragte auch sehr ängstlich, ob 
ich auch alle Bequemlichkeiten ffände, reichte mir die 
Hand und sagte „Bon soir, mon eher consin“; 
morgens präzis um sieben Uhr kam er langsam die 
Treppe heraus, klopfte sehr leise an die Tür, kam 
dann zu mir, und mir wieder die Hand reichend 
sagte er: „Bon jour, mon eher consin, avez-vous 
bien dormi?“ 
Der alte Herr Vetter war ein großer, hagerer 
Mann, faltenreiches, verständiges Gesicht, gescheite, 
tiefliegende, dunkle, aber sehr freundliche Augen, 
einen edlen Knochenbau im Gesicht, hohe Stirn, 
ein wenig Glatze, aber große, weiße, volle Locken, 
die malerisch um den Kops hingen; er trug einen 
blumigen, ungeheuer langen Schlafrock, großen Jabot 
und lange gestickte Manschetten an den Händen. Der 
Schlasrock schien auch schon ein hohes Alter erreicht 
zu haben, war aber sehr reinlich und nirgends ge- 
flickt, zum Schluß gelbe Pantoffeln. Er rauchte 
und schnupfte nicht; bei mir schnüffelte er daher 
mit der Nase und sagte: „Ach Herr Vetter, Sie 
rauchen!" — Er mochte dabei wohl an seine Bücher 
und seine Uniform denken, die den fatalen Geruch 
annehmen würden, und am selben Abend waren die 
kleinen Hütchen und die Uniform weg! So gingen 
wir regelmäßig eine Viertelstunde in der Bibliothek 
aus und ab und dann zum Kaffee, wobei ich immer 
zuerst aus der Tür gehen mußte. 
Seine Frau war einfach gekleidet, hatte ein Spitzen 
häubchen auf, altmodisch, sowie man es auf hol 
ländischen Bildern sieht; sie war klein, wohlwollend 
und freundlich und fragte jeden Morgen: „Lieber 
Vetter, was effen Sie denn gern?" und morgens 
hatte sie immer etwas gebacken zum Kaffee, Kuchen
	        

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