Full text: Hessenland (25.1911)

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Le s r Jean Jacques Müller est nomme 
auditeur au Conseü d’Etat, aupres de la 
Section de la Justice et de l’Interieur. 
Donnd en Notre Palais Royal ä Cassel 
le 20 Octobre 1812, la'6° annäe de 
Notre Regne. 
Sign4: Jdröme Napoleon 
Par le Roi. 
Le rainistre Secretaire d’Etat 
Comts de Fürstenstein. 
Links von der Unterschrift ist ein Oblatenabdruck 
des Königlichen Siegels mit der — seltsam genug 
auf französischer Urkunde — deutschen Um 
schrift: Hieronymus Napoleon König von West 
falen, in der Mitte ein Wappen, in dem als 
Mittelstück ein Adler, links oben ein springendes 
Roß zu erkennen sind. 
Wenige Tage über ein Jahr hat mein Vater 
sich seiner Auditorwürde und des ihm verheißenen 
väterlichen Zuschusses (oder sagen wir vorsichtiger 
des Anspruchs darauf) zu erfreuen gehabt. Schrift 
liche Aufzeichnungen von ihm aus dieser Zeit habe 
ich leider nur zwei, erstens die Abschrift eines 
witzigen Schmähgedichts auf einen Staatsrat in 
der Sektion der Justiz und des Innern, den General 
direktor des Unterrichtswesens, Leist, in Form 
eines Rätsels auf seinen Namen , dessen Träger 
darin höfischer Kriecherei beschuldigt und als ein 
Mensch von leerem Geist und kaltem Herzen be 
handelt wird. Die zweite ist die Abschrift eines 
Königlichen Dekrets vom 22. Oktober 1813, das 
den Dienst des Staatsrats für das letzte Trimester 
1813 regeln sollte, aber noch nicht für eine volle 
Woche in Anwendung kam, denn am 26. Oktober 
verließ der König seine Hauptstadt auf Nimmer 
wiedersehen, am 27. folgten ihm seine französischen 
Truppen, und am 28. zogen die der Verbündeten 
ein. Als Mitglieder der Sektion der Justiz und 
des Innern erscheinen nach der Abschrift der Prä- 
fident v. Bar, die Staatsräte v. Biedersee, Baron 
v. Coninx, Baron v. Leist, Graf v. Merveldt, 
Baron v. Reineck, Graf v. Schulenburg-Emden, 
Baron v. Strombeck, als Auditoren sind der Sektion 
zugeteilt Baron v. Trott, Grimm, v. Linsingen, 
Goeddeus, Baron v. Berlepsch (Sohn), Müller 
(Joh. Jakob), v. Baumbach, Avenel. In münd 
lichen Erzählungen pflegte mein Vater später 
seinem ehemaligen obersten Vorgesetzten, dem 
Minister Sim6on, ein uneingeschränktes Lob hoher 
Tüchtigkeit zu geben. Sonst erinnere ich mich 
noch, eine Anekdote von einer Landtagseröffnung, 
der er beigewohnt hatte, von ihm gehört zu haben; 
als der König eintrat, sei er mit vollstimmigem 
vive le roi begrüßt worden, und die Königin 
Katharina, die ihm folgte, mit ebenso lautem 
vive la reine. Dann aber habe eine Einzel 
stimme (wessen, weiß ich leider nicht mehr) laut 
gerufen: „Sie ist eine deutsche Frau. Es lebe 
die Königin!" 
Noch mag eines Aktenstücks erwähnt werden, 
das vor mir liegt. Unterm 10. April 1813 er 
ging an den jüngsten Sohn meines Großvaters, 
einen jungen Menschen von sechzehn Jahren, aus 
dem Kriegsministerium folgendes höfliche Schreiben: 
Je vous annonce avec plaisir, Monsieur, 
que Sa Majeste par Decision du 8 du Cou 
rant, a bien voulu vous admettre ä l’Ecole 
Royale Militaire, en qualiRi d’Eleve ä demie 
pension. 
Yous vous präsenterez avec cette lettre 
au Commandant de cet Etablissement, et 
vous aurez soin d’etre pourvu de tous les 
objets qui ont ete prescrit par les Regle 
ments. 
Je vous salue '/. 
Le Ministre 
C te de Höne. 
Das interessanteste aber meiner westfälischen 
Erinnerungsstücke aus dem Katastrophenjahr 1813 
ist ein Brief aus dem Ministere de la Justice 
an meinen Großvater mit der Aufschrift A Mon 
sieur Müller, Metropolitain et premier Pasteur, 
Grebenstein, und dem Datum Cassel, le 19. Aoüt 
1813. Es lautet. 
Monsieur, Hans le voyage que le Roi a 
fait dernierement ä Hoffgeismar deux per- 
sonnes de Grebenstein lui pr^senterent des 
petitions pour obtenir quelque secours. 
Sa Majeste leur accorda 30 francs ä chacun. 
Veuillez bien, Monsieur les leur compter. 
Je les remets ici ä Monsieur votre fils. 
Le ministre. 
Darunter in spitzen Zügen die eigenhändige 
Unterschrift Simeon. Zur linken Seite steht die 
Aktennummer mit dem gedruckten Vermerk: On 
est priö d’indiquer dans la reponse le N° et 
la date de cette lettre. 
iWas mag meines Großvaters Antwort ent 
halten haben? Doch wohl die Quittungen derer, 
die die Gaben empfangen sollten. Deren Namen 
zui ermitteln, hatte der Minister ihm überlassen, 
obwohl er sie doch in den Bittschriften gefunden 
haben mußte, während mein Großvater sie erst 
im Städtchen zu erfragen hatte. Das Lob flotter 
Kürze verdient fein Verfahren immerhin, wie das 
des welschen Herrschers im deutschen Lande das 
Lob der „Milde", der Tugend, die den alten
	        

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