Full text: Hessenland (25.1911)

S^L. 315 SASL, 
Er setzte eine lange Pfeife in Brand — „noch eine 
schlechte Angewohnheit aus meiner Studentenzeit" — 
erklärte er lächelnd. 
Nun wurde es auf einmal leicht, über Erlebtes 
und Erstrebtes hin- und herzureden, mit bangen 
Zweifelsfragen ans Licht zu kommen, die die Seele 
schwer bedrücken. 
Es waren die alten Fragen und Ängste, die immer 
wiederkehren, wenn das Leid den Menschen trifft. 
Das große, bange „Warum", das immer neben 
dem „Wes ist die Schuld?" steht. 
„Ja — warum traf es gerade uns, lieber Freund?" 
sagte Reutling und sah ihn so recht tief aus seinen 
gütigen Augen an. „Es traf nicht nur uns, sondern 
rechts und links und scheinbar wahllos. Nur eins 
haben wir vielleicht voraus vor Ungezählten: den 
ganz tiefen Schmerz kann nur der empfinden, der 
ganz hohes Glück kennen lernte; und wer darf das 
von sich sagen? Und wenn uns auch an Tagen 
wie heute die Welt wie ein abgrundtiefes Jammer 
tal vorkommt, allergrößten Schmerz und allerreinstes 
Glück gibt es nicht viel, denn beides ertragen nur 
Auserwählte, und die sind selten. 
Wir sehen das zu Ansang nicht ein, aber nach 
Jahrzehnten der Erfahrung verstehen wir mehr, 
dann sehen wir, was die Einzelnen aus ihren Erleb 
nissen gemacht haben, ob sie als geknickte Rohre am 
Wege liegen, ob sie gleichgültig ihre Alltagsstraße 
ziehen oder ob sie aufstrebend immer stärker werden, 
Eichbaumnaturen, an die fich viel armseliges Wesen 
anklammern kann. 
Aber zu Ansang sehen wir das nicht!" 
Er tat ein paar tiefe Züge aus seiner Pfeife, 
die er dann vorsichtig ausklopfte und auss neue mit 
Tabak füllte. 
„Alles Große und Gewaltige ist aus Leiden 
geworden, alle schönen Seelen hat das Leid geadelt. 
ES ist viel Wunderbares, Rätselhaftes gerade mit 
dieser Erfahrung verbunden, aber weil es Erfahrung 
ist, darum ist es auch Wahrheit. Und noch eins 
wenn das höchste Glück auch das tiefste Leid bedingt, 
dann liegt zwischen den Beiden das intensivste Leben. 
Dort liegt der Gipfel, den alle Philosophie ersteigen, 
und der Abgrund, den sie erforschen muß. 
Ich bin Ihnen den Schluß meiner Geschichte 
noch schuldig. 
Henning Frohleben hatte recht gehabt . Gabriele 
und er waren zwei zusammengehörige Hälften, Wie 
es kam, weiß ich nicht zu sagen — ich bin kein 
Arzt —, aber als sie nicht lange danach einen Sohn 
gebar, der nicht lebensfähig war, da deuchte mich^s 
ganz natürlich, daß die Erde nichts mehr hatte, was 
sie festhalten konnte. 
Junger Mann, unser Leben ist ein Hügel, der 
erklommen werden muß. Ganz unten fühlen wir 
die Kraft, alle seine Hindernisse zu überwinden, und 
haben wir drei Viertel des Weges hinter uns, da 
möchten wir mit dem alten Weisen sagen: es ist 
alles eitel, aber von oben sieht man. wie doch das meiste 
gut war, gut, just so wie es der Weg mit sich brachte. 
Und nun fordert die Natur ihr Recht. Leib und 
Seele haben heute ein Stück Wanderschaft hinter 
sich und sollten ruhen. 
Drum gute Nacht, junger Freund!" 
An der Kirch Terrasse in Marburg. 
Aus: G. Wolf, Die schöne deutsche Stadt. (Piper & Co. München.)
	        

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