Volltext: Hessenland (25.1911)

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sie in ihrem Zuruf und fordert den Bauer auf: 
„Spitz die Schar, z' Acker fahr!" Das zierliche 
Bachstelzchen hüpft hinter dem Pfluge her und mahnt 
mit seinem Rufe den Bauern, wenn er den müden 
Gaul mit der Peitsche zu rascherem Tempo an 
treiben will: „Die Furch' ist lang, der Gaul ist 
krank!" Das Rotschwänzchen droht dabei sogar, 
wenn's ruft: „Hüt' dich! hüt' dich!" Der vor 
sichtige Goldammer aber äußert seine Bedenken, 
daß der Winter noch nicht ganz gewichen ist, in 
den Worten „'s ist noch zu früh, noch zu früh, 
hast Zeit, hast Zeit!" Brennt die Sonne schon 
heiß, dann ruft er „Was a Hetz, was a Hetz!" 
Wenn aber die rauhen Herbststürme brausen, dann 
beginnt die Arbeit in Haus und Scheuer. Der 
Goldammer kündet die Zeit des Dreschens an: 
„Bäuerche driesch, Bäuerche driesch!" Während 
der Baumblüte ist er wieder voller Hoffnung und 
kündet die in Aussicht stehende gute Obsternte an, 
indem er ruft: „'s gibt wieder viel Äppel und 
Birn!" Dem heiratslustigen alten Witwer aber 
ruft er neckisch zu: „Sieben, sieben, siebenundsiebzig 
ist der Bräutigam alt, und der Narr will noch 
freie!" Der alten Jungfer spottet die Amsel: 
„War noch kein Freier da?" 
Einer der letzten Frühlingsboten ist der Pirol, 
der gewöhnlich erst um Pfingsten bei uns eintrifft 
und darum auch Pfingstvogel genannt wird. Seinem 
klangvoll kräftigen Rufe verdankt er seinen Namen. 
Nur selten bekommt man den prächtigen Vogel 
mit seinem goldgelben Gefieder zu sehen. Ganz- 
unter den Laubbäumen versteckt ruft er dem Bauer 
zu: „Pfingsten ist da, Bauer, dein Bier hol!" 
Die Drossel unterstützt seine Aufforderung „David, 
David, drei Kreuzer für die Kann'!" Ein Mäßigkeits 
apostel ist der Pirol auch nicht, denn er ruft weiter: 
„Pfingsten, Bier hol'n, aussaufen, mehr hol'n!" 
Die Drossel dankt ihm dafür und ruft ihm zu: 
„ Prosit! Prosit!" Am Ende der Zecherei schreit der 
Pirol mit heiserer Stimme: „Bin voll, bin voll!" 
Der Buchfink ist einer unserer fröhlichsten und 
unermüdlichsten Sänger. Er ist ein guter Musikant 
und will auch für seine Musik bezahlt sein. Darum 
ruft er dem vom Markte heimkehrenden Bauern zu: 
„Gib mir dach ach so a klan Kreuzerche!" Wenn 
anfangs Sommer die ersten Birnen reifen, dann 
sitzt er auf dem Gartenzaun und fragt: „Siehste, 
siehste net a Freubir (Frühbirne)?" Bleibt die 
Antwort aus, dann ruft er: „Die, die, die gibt's 
hier!" Im Winter ist er für einen weniger leckeren 
Bissen genügsam und spricht es aus in den Worten: 
„A Gäulsdreck ist mir lieber wie a Frühbirn!" 
Während der Obsternte ist er wieder wählerisch 
geworden und ruft dann: „Die, die morsche Birn', 
lieber süße, süße Zwetscherche!" 
Die Drossel liebt das ungebundene Leben, streift 
durch Busch und Wald und ruft dem Förster nach: 
„Republik, Republik!" Sie ist gern zu Neckereien 
aufgelegt und ängstigt die Kinder, wenn sie den 
Wald besuchen, wovon nachstehendes Geschichtchen 
zu erzählen weiß. Ein Junge im Vogelsberg 
wollte seinen Eltern, die im Walde Laub rechten, 
das Mittagessen bringen. Mit seinem Eßkörbchen 
am Arm durchstreifte er den Laubwald nach allen 
Richtungen, fand aber seine Leute nicht. Da, auf 
einmal horcht er auf. „Wu Witte hin, wu Witte 
hin?" ruft's aus dem Gebüsch. „Bei meine Leut", 
gibt er zur Antwort. „Gieh Ham, du find's se 
nit, du find's se nit", schallt es ihm wieder ent 
gegen. Voller Angst, der gefürchtete Waldteufel 
treibe mit ihm sein Spiel, eilt er unverrichteter 
Sache wieder heim. 
Bei der Feldarbeit sieht der Bauer nicht gern, 
wenn die Tagelöhner zu viel Ruhepausen machen. 
Er hört dann auf den Schlag der Wachtel und 
spricht seine Leute an: „Hört, wie die Wachtel 
ruft: ,Bück de Rück, bück de Rück. du fauler Strick!'" 
Die Kinder lauschen ebenfalls gern dem Wachtelruf 
und sprechen dabei das Berschen: 
„Buttberewutt, mein Mann ist krank, 
Buttberewutt, was fehlt ihm dann? 
Buttberewutt a Gläsche Wein, 
Buttberewutt. das kann net sein." 
In der Zeit, wenn die Körnerfrüchte reifen, 
wandert die Spatzenschar aus dem Dorfe ins Feld. 
Hier ist für sie der Tisch gedeckt, und frech wie 
die Spatzen plündern sie überall da, wo die Körner 
am süßesten schmecken. Einer von ihnen hat eine 
gute Entdeckung gemacht. Er ruft die ganze Zunft 
herbei, indem er laut sein „Millich! Millich!" 
erklingen läßt. Sofort fliegt die ganze Gesellschaft 
herbei. „Will ich! will ich! noch mehr! noch mehr!" 
schreit es durcheinander. Die auf dem Acker auf 
gestellte Vogelscheuche flößt ihnen anfangs Furcht 
ein; sie rufen dann: „Seit, feit!" Aber bald 
haben sie entdeckt, daß es nur ein in alte Lappen 
gekleideter Strohmann ist, und triumphierend ruft 
die ganze Sippschaft: „Zwillich! Zwillich!" Kommt 
aber der Bauer hinzu und will sie verscheuchen, 
dann erklingt's von allen Seiten: „Du Garscht! 
du Garscht!" „Für so ein' Bauer geb ich kein 
Pfiff!" Anders ist es aber im Winter, wenn 
Schmalhans Küchenmeister ist; dann wissen die 
Spatzen gar höflich zu sein. Kaum hat der Bauer 
den Hof betreten, dann ruft's von allen Seiten: 
„Vetterche! Vetterche!" oder „Bäuerche! Bäuerche! 
laß mich in dein Scheuerche!" 
Wie eine Klage tönt durch den Wald der un 
heimliche Ruf der Ringeltaube: „Hu! hu! Setzt
	        

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