Full text: Hessenland (25.1911)

obere Feld durchgeführt, dann auch die obere nach 
unten verlängert. In letzterem Falle entsteht die 
charakteristische hohe X-Form, die ein ganzes Feld 
ausfüllt; sie hielt sich jedoch nur kurze Zeit (bis 
etwa 1560) und wurde durch den sogenannten 
„Wilden Mann" abgelöst, jene Figur, bei der sich 
an den Mittelpfosten von rechts und links hohe 
untere Streben (die Füße) und kurze obere Streben 
(die Arme) anlehnen, die also über zwei Felder 
geht, sie erhielt sich in Hessen bis etwa 1800 und 
wurde zuerst in krummen, dann in geraden Hölzern 
ausgeführt. An den Ecken der Häuser entstehen 
natürlich nur halbe „wilde Männer", oder je ein 
Arm und ein Bern sind auf der Giebelseite, das 
andere Paar aus der Längsseite des Hauses. Die 
mancherlei dekorativen Füllungen der kleinen Fach- 
werkselder mit krummen Hölzern, die sich manchmal 
zu Kreisen ergänzen oder Sanduhren gleichen, haben 
schon früh begonnen und sich im 16. bis 18. Jahr 
hundert sehr gesteigert. Ihre Geschichte bedarf be 
sonderer örtlicher Forschung. — Diese durch ein 
gehende Untersuchungen gewonnenen Ergebnisse geben 
zwar nicht in allen Fällen zweifelsfreie Auskunft 
über das Alter eines bestimmten Hauses, genügen 
aber für die Altersbestimmung der meisten Fach 
werkhäuser. Auch ist nicht gesagt, daß eine ältere 
Form nun unbedingt auch aus die ältere Entstehung 
schließen ließe, denn gerade der verschiedene Grad 
der Beharrung bei einer Fachwerkform macht für 
manche Gegenden, selbst für manche Ortschaften, 
ein wesentliches Merkmal aus. Immer aber ist es 
möglich, mit den für die Fachwerksorschung aus 
gestellten Regeln festzustellen, wie alt eine Bauweise 
sein kann. 
Hessische Bücherschau. 
Hanauer Geschichtsblätter. Neue Folge der Ver 
öffentlichungen des Hanauer Geschichtsvereins. Nr. 1. 
108 Seiten. Hanau (Verlag des Vereins) 1911. 
Mit dieser Nummer eröffnet der rührige Hanauer Ge 
schichtsverein eine neue Reihe der im Jahre 1860 be 
gonnenen Veröffentlichungen, deren letzte 1903 erschien. 
Diese neue Folge, deren Erscheinen noch zwanglos sein soll, 
beginnt recht vielversprechend. Sie bringt an erster Stelle 
die aufschlußreichen Lebenserinnerungen des 1795 zu 
Schlüchtern geborenen einstigen Oberbürgermeisters Bern 
hard Eberhard, eines der populärsten Männer der 
konstitutionellen Partei. Eberhard war seit 1827 Bürger 
meister, seit 1832 Oberbürgermeister von Hanau, wurde 
aber 1848 Regierungsrat und provisorischer Vorstand des 
Ministeriums zu Kassel und noch im selben Jahre Staats 
rat. 1850 von seiner Stellung entbunden, lebte er noch 
kurze Zeit als Pensionär in Kassel und siedelte dann 
wieder nach Hanau über, wo er 1860 starb. Seine 
Lebenserinnerungen, von den in Hanau lebenden Nach 
kommen dem dortigen Geschichtsverein zur Verfügung ge 
stellt, umspannen die Zeit von der französischen Fremd 
herrschaft bis zu Eberhards Rückkehr nach Hanau (1851) 
und versetzen uns mitten in die Strömungen einer bewegten 
Zeit. Beigegeben ist ein von Georg Koch 1848 gezeichnetes 
Porträt. Die zweite Gabe des Bandes bildet als Studie 
zur Hanauer Künstlergeschichte vor hundert Jahren ein 
umfangreicher Aufsatz des namentlich auch durch seine vor 
treffliche Monographie des Malers Cornicelius bekannten, 
seit Jahren in Freiburg i. Br. lebenden Kunsthistorikers 
Dr. med. et phil. Karl Siebert über Konrad Wester 
mayr und seine Schüler. In den Jahren 1806 bis 1834 
lag in Westermayrs Händen die Leitung der Hanauer 
Zeichenakademie, die er als Nachfolger Galliens aus nahezu 
trostlosen Verhältnissen zu neuem Glanze zu führen wußte. 
Ein reiches und fesselndes Malerleben tut sich uns hier 
auf. Westermahr war im Laufe feines Lebens mit vielen 
geistig hochstehenden Personen, mit hervorragenden Ver 
tretern der Wissenschaft in Berührung gekommen und mit 
unseren klassischen Dichtern persönlich bekannt gewesen. 
Schillers Leiche hat er in stürmischer Mondscheinnacht bei 
Laternenschein zu Grabe tragen helfen. Seine Haupt 
leistung liegt auf dem Gebiet des Kupferstichs — die der 
Siebrrtschen Arbeit beigegebenen Porträts des Landgrafen 
Wilhelm IX., des Marbnrger Arztes und Professors 
Baldinger, Schillers, des Hanauer Arztes Leisler, des 
Weimaraner Bertuch und des Botanikers Gärtner geben 
davon eine Probe —, seine Hauptbedeutung in seiner Lehr 
tätigkeit, die der auf den Akademien zu Düsseldorf, Kassel, 
Weimar und Dresden vorgebildete Künstler, der u. a. be 
strebt war, der Zeichenakademie eine Malerschule anzu 
gliedern, keineswegs einseitig auffaßte. Von seinen Schülern 
seien genannt Friedrich Deiker, der Vater der beiden be 
rühmten Tiermaler, die gleichfalls später die Hanauer 
Akademie besuchten, der früh verstorbene Reinhard Stengel, 
der ältere Cornicelius, der 1906 durch die Jahrhundert- 
ausstellung wieder allgemein bekannt gewordene gemütvolle 
Illustrator des jüdischen Familienlebens Moritz Oppenheini, 
Heinrich Ott, Wilhelm Both, dessen von Kühl lithographiertes 
Porträt Westermayrs uns hier vorgeführt wird, der im 
Duell gefallene kurhessische Leutnant Scheurer, der Mar- 
burger Universitätsmaler Hach, eine Reihe vortrefflicher 
Graveure wie Scheel, Burg, Fischer. Lenau und Chrem, 
und schließlich sein Nachfolger Theodor Pellifier. Die Ar 
beit Sieberts, die auch in den zahlreichen Anmerkungen 
noch eine weitere Bereicherung der hessischen Kunstgeschichte 
bildet, läßt den lebhaften Wunsch aufkommen, recht bald 
ähnlichen größeren Arbeiten des verdienstvollen Verfassers 
auf diesem Gebiet zu begegnen. 
Sonst enthält der Band, dem demnächst eine Ver 
öffentlichung der Ergebnisse der von Professor Georg Wolff 
geleiteten römischen und prähistorischen Ausgrabungen im 
Kreise Hanau folgen soll, außer einer Einleitung und 
Vignetten von Ernst I. Zimmermann ein Verzeichnis der 
bis 1911 erschienenen Veröffentlichungen des Vereins und 
eine Übersicht über dessen Tauschverkehr. Hbach. 
Berg, August Dedenroth. Dedenroth-Dalwigk- 
Eulner-Scheffer-Vultejus. Briefe vomSchlusse 
des 18. Jahrhunderts. Mit Auskünften und Anmer 
kungen. 98 Seiten. Kopenhagen (als Manuskript 
gedruckt) 1911. 
Der Verfasser bzw. Herausgeber dieser Schrift, Rechts 
anwalt A. D. Berg zu Kopenhagen, stammt durch seine 
Mutter von den fünf im Titel genannten Familien ab.
	        

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