Full text: Hessenland (25.1911)

Mittelalterliche Patensitten im Schmalkaldischen. 
Mitgeteilt von H. Roh de, Hofgeismar. 
Jüngst wurde ich gelegentlich einer interessanten 
Unterhaltung über Stammeseigentümlichkeiten und 
Dialekte an ein Vorkommnis aus meiner Jugendzeit 
erinnert. Kommt da eines schönen Tages ein s. Z. 
berühmter Ethnograph und Sprachforscher nach 
Schmalkalden, um auch hier für ein in Aussicht ge 
nommenes Werk Sprach- und Dialektstudien zu 
machen. Reiche Ausbeute hat er bereits gehalten, als 
ihm von einem Lehrer das Wort eines Schulbuben 
zur Deutung vorgelegt wird, das dieser am Tage 
vorher während des Unterrichts seinem Nachbar zuge 
flüstert hat: „Du, di Döth dütt!" — Und der Gelehrte 
muß es gestehn: „Hier versagt meine Wissenschaft! 
Konstatieren kann ich nur, daß dieser Satz ein 
prächtiges Beispiel der Alliteration ist." Er soll 
übrigens herzlich gelacht haben, als er des Rätsels 
Deutung erfuhr: Im Schmalkaldischen sagt man 
statt Pate „Dothe", in der Stadt Schmalkalden 
selbst „Döth" Nun war der „Döth" des an 
geredeten Knaben Kuhhirte, der zu jener Zeit noch 
an jedem Sommermorgen durch die Straßen und 
Gassen schritt und zum Zeichen, daß es Zeit sei, 
die Rinder aus dem Stalle zum Auftrieb auf 
die Berge zu lassen, auf seinem langen Horn blies 
oder tutete (dütt). Diese alltägliche Erscheinung 
hatte den Buben, als er des Hirten Horn ver 
nahm, zu der Bemerkung veranlaßt: „Du, di Döth 
dütt!" (Vgl. auch Vilmars „Idiotikon" S. 75.) 
Woher das Wort „Doth" oder „Döth"? 
Soviel ich mich auch bemüht habe, seine Ab 
stammung zu erforschen, konnte ich doch nur fest 
stellen, daß es ein altfränkisches Wort sei. Glaser 
gebraucht es in Rapsod. ad ann. 1478, wo er eines 
Grafen von Henneberg erwähnt, dessen „Firmel- 
doth" Georg Marschals zu Ostheim und dessen 
„Taufdothen" Bischof zu Würzburg usw. gewesen 
wären. Ebenso sagt er, daß des Grafen WilhelmVIII. 
von Henneberg „Taufdoth" Bischof Ernst von 
Magdeburg gewesen sei. Auch werden in der 
Hennebergischen Kirchenordnung des Grafen Georg 
Ernst die Taufpaten „Dothen" genannt. Dagegen 
wird uns von den Paten-(Dothen-)Sitten aus 
jener Zeit aus dem Schmalkaldischen manches 
erzählt. Ich berichte dies im Stil und der Ortho 
graphie eines im Anfang des vorigen Jahrhunderts 
erschienenen fünfbändigen Werkes „Die Herrschaft 
Schmalkalden" von Johann Reinhard Häfner. 
„Reichlich bewirthet mit Wein wurde der Über 
bringer des Gevatterbriefs von demjenigen, an den 
er gerichtet war, und, beschenkt mit einem Gold 
gulden oder Vs Rthlr., ging er im Rausche nach 
Hause. Bei der Taufe erhielt der kleine Pathe 
von dem Gevatter oder der Gevatterin 2, 6 und 
mehrere Rthlr. zum Eingebinde (Dothenbeutel), 
und die Wöchnerin 1, 2 und mehrere Rthlr. als 
Verehrung ins Bett; gleichviel auch von den Züchtern 
und Züchterinnen. Dafür hielte der Kindesvater 
am folgenden Tage in einem fremden Hause noch 
eine Taufmahlzeit. Acht Tage nach der Kind 
taufe schickte der Gevatter oder die Gevattern 3 bis 
4 Hühner, Kapaunen, auch wohl noch einen welschen 
Hahn, in der zweiten Woche verschiedene Gewürze, 
wie sie die Küche erheischte, nebst 4 bis 8 Bou- 
teillen Wein, am Tage des Kirchgangs einen Kuchen 
von 2 bis 4 Metzen Mehl; nach dem Kirchgang 
das Wochenzeug (Dothenhembt); nach einem viertel 
oder halben Jahr das Pathenkleid nebst einem 
Dukaten oder einem silbernen Geldstück (Rammel 
kuchen). Von nun an beschränkte sich der Gevatter 
nur auf die Neujahrsgeschenke von 1 bis 4 Rthlr. 
an Werth. Beliebte es ihm, so konnte er nach 
3 Jahren den kleinen Pathen mit einem silbernen 
Becher oder die kleine Pathin mit einem silbernen 
Leibgurt für immer abfinden. Starb das Kind, 
so kleidete er es mit köstlicher Leinenwand zur 
Todenbahre, und zierte den Sarg mit einer theueren 
Krone. Blieb es am Leben und heirathkte, so gab 
er am Hochzeitsfest gewöhnlich einen Dukaten, oder 
ein mit Pflaumfedern fest ausgefülltes Hauptkissen, 
unfeine Zinnflasche zur Ausstattung. Die Über 
bringerin erhielt x k oder Vs Rthlr. Trinkgeld. 
Die Mägde ließen sich beim Ausdingen ihres Lohns 
gefallen, auf die größere oder geringere Anzahl 
der Pathen in der Familie Rücksicht zu nehmen. 
— Zu den Hochzeitssitten selbst gehörte das Über 
maß von Wein. Selbst auch ein ärmlicheres Braut 
paar durfte es daran nicht fehlen lassen. Gewöhn 
lich wurde die Speisetasel mit 8 bis 12 Schüsseln 
besetzt. Auf eine Schüssel gab man 4 bis 6 Braten. 
In gleich großen Mengen wurden Fische aufge 
tragen. Man hätte aus dem allen — wie unser 
Historiker versichert — wohl noch 18 und mehr 
Schüsseln machen können. Alle Speisen wurden 
in gleiche Theile, zerlegt, und was nicht genossen 
wurde, nach Hause geschickt. Der Vorschneider 
hatte wichtige Ursache, auf die Gleichheit der Theile 
ein sorgsames Auge zu richten, denn verdrossene 
Mienen der Gäste, oder zuletzt wohl gar eine 
wackere Bürde schmerzhafter Schläge wurden ihm, 
wenn ihn sein Augenmaß getäuscht hatte. Nach 
der Abendmahlzeit führten, zur Erhöhung der 
Hochzeitfreude, und zur Ersparuckg des größeren
	        

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