Full text: Hessenland (25.1911)

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das Recht auf Verschönerung des Daseins durch 
Kunst haben? Soll sich nicht selbständig auch in 
der Grabmalkunst der Trieb im Volk geregt haben 
und eigne Wege gegangen sein? 
'In diesen Gedanken bin ich ausgegangen in die 
einsamen Ecken und habe auf den Friedhöfen gesucht, 
ob und wie die Volksseele ihrer Lieb und ihrem 
Leid, aus sich selbst herausgeboren, in künstlerischer 
Weise -Gestaltung zu geben versucht. Es galt, sich 
durch den Wust der Fabrikware durchzufinden, und 
doch habe ich das Brünnlein rauschen hören und 
bin froh drum. 
Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen Dorf- 
und Stadtfriedhof. (Ich meine hier mit Dorf nicht 
den Übergang von Dorf und Stadt, der in seinen 
Friedhöfen die größten Geschmacklosigkeiten aus 
zuwerfen hat.) Hier noch häufig trautes, deutsches 
Empfinden in inniger Anlehnung an die Natur, dort 
größtenteils prunkvolle Parade hohler Gedanken 
und das Heranziehen der Natur zur künstlerischen 
Verschnörkelung und Verzierung dieser Gedanken. 
Wer soll auf den Friedhöfen das Wort haben, 
der prahlende Menschengeist, oder Natur mit ihrer 
stillen, heilenden Kraft? Sicher doch diese und 
nur die Kunst als Ergänzung. 
In der Anlage der Friedhöfe ist das Dorf der 
Stadt weit voraus. Die Mehrzahl der Dorf 
sriedhöfe liegt noch abseits vom dörflichen Leben auf 
einer Anhöhe über dem Dorf oder am Waldrand. 
Eine hervorragend schöne Lage haben die Wester 
wälder Friedhöfe: Niehl schreibt von ihnen „Auf 
dem hohen Westerwalde hat man die Kirchhöfe 
fast überall am Waldsaume angelegt, selbst wenn 
man sie darum über die Gebühr vom Ort entfernen 
mußte. Es ruht eine dichterische Weihe auf dem 
Gedanken, daß die Leute ihre Toten vor dem Streit 
der Elemente in den schirmenden Burgfrieden des 
Waldes geborgen haben." Heute gilt's, unsre Toten 
zu bergen vor dem Lärm des industriereichen Lebens. 
Es ist altgermanischer Brauch, die Stätte der Toten 
zurückzuziehen in die stillsten Waldwinkel, und es 
entspricht auch unserm christlichen Empfinden, das 
den Tod als Erlösung und Ausruhen von leidvoller 
Arbeit ansieht. Da soll uns schon der Friedhof einen 
Eindruck dieses großen, heiligen.Ausruhens geben. 
Weh berührt es, wenn die Eisenbahn keuchend 
vorbssihastet, oder auf belebten Landstraßen die 
Flut der Wagen und Menschenmassen sich vor 
überwälzt. 
Die äußere Ordnung unsrer Dorffriedhöfe läßt 
außerordentlich viel zu wünschen übrig, und manch 
mal begreift man nicht, wie Pfarrer und Gemeinde 
so gleichgültig an zerfetzten Hecken, Moderhaufen 
von verwelkten Kränzen und Kreuzen, kaum er 
kennbaren, buckligen Pfaden vorübergehen können. 
Der Friedhos bedarf schaffender und erhaltender 
Menschenhände. 
Als Umfriedung fand ich im Hessenland größten 
teils die Naturhecke aus Tannen, Hainbuche oder 
Weißdorn. Wohl hat sie sorgfältige Pflege nötig, 
wirkt aber dafür auch wärmer, als die kalte, graue 
Mauer. Ein Friedhof ohne Bäume ist ein Unding. 
In meiner Heimat ließ ein kluger Bürgermeister 
alle Bäume umhauen: „Wals ze vill Schaare gäb". 
Nun liegt er heute da auf Bergeshöhe, der ver- 
zehrenden Glut der Sonne ausgesetzt, trocken und 
dürr, und im Mondlicht glänzen gespenstig die 
weißen Holz- und Marmorkreuze in Reih und 
Glied so nüchtern und so trostlos. Im Südwesten 
von Hessen-Nassau findet man als Friedhofsbaum 
häufig die Zypresse, der hohe Westerwald hat 
Tannen, der Osten von Hessen-Nassau Esche, Ahorn, 
Akazie, Linde (diese wurde schon im 18. Jahrhundert 
auf Tanzrasen, Marktplatz, Kirchhof und Burghof 
gepflanzt sNieW oder sogar Obstbäume. Die 
militärische Reihenfolge der Gräber entspricht durch 
aus nicht dem Schönheitsgefühl. Doch redet hier 
wohl in Mitteldeutschland die Platzsrage mit. Auf 
den Dorffriedhösen in Oberbayern findet man die 
einzelnen Gräber oft weit auseinander' liegen, da 
man hier an Raum nicht zu sparen braucht. Im 
allgemeinen empfindet man diesen ästhetischen Man 
gel unangenehmer aus den Stadtfriedhöfen als auf 
dem kleinen Dorffriedhof. 
Ebenso wie die Blumen eines echten Bauern 
gartens andrer Art sind als die des Stadtgartens, 
so auch die Blumen der Friedhöfe. Da habe ich mich 
auf meinen Wanderungen in den verlassenen Win 
keln herzlich gefreut und überall traute Kameraden 
der Kinderjahre gegrüßt, Zentifolien, Pfingstrosen, 
weiße Lilien, und in der Schwalm fand ich in Menge 
ein stark duftendes Kraut, das wir als Kinder 
Zitronenkraut nannten, doch die Kleinsten einer 
Schwälmer Dorfschule nannten es mir „Garten- 
hain". Rosmarin und Salbei fand ich nirgends 
mehr. 
Der wundeste Punkt der Friedhofskunst ist die 
Grabdenkmalfrage. Die Fabrikware hat so unheim 
lich die verschiedenen Gebiete überschwemmt, daß 
dem Hervorwachsen der Kunstgedanken aus dem 
Volk fast jede gesunde Entwicklungsfähigkeit genom 
men, und man in die verstecktesten Ecken kriechen muß, 
um Eignes zu finden. Und doch hat das Volk auch 
selbständiges Kunstempfinden. Freilich zeigt seine 
Kunst oft ein andres Gesicht als die der Gebildeten. 
Doch ist auch hier in der Grabmalkunst ebenso wie 
in der Bewegung der Volkskunst größte Vorsicht 
geboten, daß nicht mit Gewalt dem Gefühlsleben 
des Volkes Fremdes aufgepfropft wird und das 
Eigne drüber sterben muß. Vielmehr sollte in erster
	        

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