Full text: Hessenland (25.1911)

tum Hessen aller Verkehr und Handel, alle Land 
wirtschaft und sonstige gewerbliche Tätigkeit stag 
nierte, kam Frankenau immer mehr herunter. So 
gibt Landau 1842 von Frankenau, das damals 
noch Justizamt war, folgende wenig schmeichelhafte 
und wohl etwas zu schwarz gefärbte Schilderung: 
„Justizamt Frankenau (1 Stadt, 12 Dörfer, 
1 Hof). 
Frankenau ist ein armes, kleines Städtchen auf 
einer kalten, sich gegen Norden abdachenden Hoch 
ebene, 2 1 /* Stunde von Frankenberg. Es entstand 
nur wenige Jahre nach Frankenberg durch den 
letzten thüringischen Landgrafen, den deutschen 
König Heinrich Raspe. Unter den hessischen Städten 
möchte es wohl das ärmste sein, es fehlt ihm 
sogar an geeigneten Gebäuden, um sein Justizamt 
aufnehmen zu können und dieses hat deshalb seinen 
Sitz in Frankenberg. Seit Jahrhunderten ver 
nachlässigt, ist sein Zustand völlig verwildert. 
Sogar der Güterbesitz ist so in Verwirrung ge 
raten, daß Ländereien, die in den Steuerbüchern 
stehen, durch allmähliches Abpflügen verschwunden, 
viele andere aber bloß durch Vernachlässigung in 
fremde Hände gekommen sind. Von 193 Häusern 
sind nur wenige völlig ausgebaut, über 100 sind 
mit Stroh gedeckt und an 50 drohen mit dem 
Einsturze. Die Zahl der Einwohner beträgt an 
1000. Es hat so gut wie kein Gewerbe und nur 
die Schweinezucht ist von einiger Bedeutung. Un 
geachtet der großen Armut und der tiefen Stufe 
der Kultur, auf der die Bewohner stehen, zeichnen 
sich jedoch diese durch ihre Bereitwilligkeit zu gegen 
seitiger Hilfe aus, und in Frankenau ist Bettelei 
etwas Unbekanntes. Erst in neuerer Zeit hat die 
Staatsregierung sich der Stadt durch Entsendung 
eines Beamten sehr angenommen, und es steht ein 
besserer Zustand zu erwarten." 
So weit Landau. Die Besserung, die er er 
wartete, trat auch allmählich ein, da traf wie ein 
Blitz aus heiterem Himmel die vielgeprüfte Stadt 
das furchtbare Brandunglück vom 22. April 1865. 
In wenigen Stunden zerstörte eine riesige Feuers 
brunst drei Viertel aller Häuser, und der Wohlstand 
war auf Jahre hinaus vernichtet. In der „Hessi 
schen Morgenzeitung" vom 25. und 28. April 1865 
lesen wir folgende Berichte über das Unglück 
„Frankenberg, 23. April. Unsere Nachbarstadt 
Frankenau ist gestern Abend durch eine furchtbare 
Feuersbrunst zerstört worden. In kaum 3 Stunden 
(von 8—11 Uhr) sind 130 Wohnhäuser nebst 
allen Scheunen und Stallungen so zerstört worden, 
daß ein großer wüster Schutthaufen die Stätte 
bezeichnet, ohne daß man die Grenzen der einzelnen 
Baustätten zu erkennen vermag. Alle Vorräte 
von Frucht und Futter, aller Hausrat, Betten, 
Leinen, Kleider ist ein Raub der Flammen ge 
worden. Die unglückliche Bevölkerung hat nur 
das nackte Leben gerettet; Kirche, Pfarrhaus, Rat 
haus, Apotheke sind von Grund aus zerstört. Die 
unglücklichen, sozusagen ganz nackten Bewohner 
liegen in dumpfer, trostloser Verzweiflung an den 
Eingängen der Stadt, unfähig, die Größe ihres 
Unglückes, ihres Verlustes begreifen zu können. 
Wenn jemals, dann ist es hier Pflicht des ganzen 
Landes, tätige und rasche Hilfe zu leisten, denn 
es fehlt an jedem Kleidungsstück, an allen Nah 
rungsmitteln, an Saatfrüchten, an Kartoffeln." 
Ferner „Frankenberg, 28. April 1865. Augen 
zeugen schildern das Elend und die Not, die durch 
das Brandunglück über die Bewohner von Fran 
kenau hereingebrochen sind, in herzerschütternder 
Weise. Im allgemeinen dürftig und nur von der 
Hand in den Mund lebend, haben die Bewohner 
der genannten Stadt aus verheerender Feuersglut 
nichts als das nackte Leben gerettet. Mag es 
mit Recht getadelt werden, daß gerade' da, wo die 
Feuersgefahr der leichten Bauart der Häuser wegen 
am größten ist, die Löschanstalten am schlechtesten 
sind, aller Mahnung ungeachtet fast niemand daran 
denkt, sich für den Fall eines Brandes durch einen 
geringen Jahresbeitrag eine bestimmte Entschädi 
gungssumme zu sichern, — jetzt im Angesichte so 
vieler Obdachlosen, die verzweifelnd die Hände zunl 
Himmel aufheben, ist nicht Tadel, sondern tätige, 
hilfreiche Nächstenliebe geboten. Die Frankenauer 
haben sich zu allen Zeiten opferbereit erwiesen; 
wenn es ihnen an Geld fehlte, einen edlen pa 
triotischen Zweck fördern zu helfen, gaben sie, um 
nicht zurück zu bleiben, bereitwillig Früchte ihres 
Ackers. Jetzt gilt's, ihnen zu zeigen, daß sie in 
ihrem Unglücke nicht allein stehen." 
Es ist als ein Wunder zu bezeichnen, daß bei 
einem solch verheerenden Feuer kein Menschenleben 
zu beklagen war. 
Bald stellte sich von überall werktätige Hilfe 
ein, und es wurde im ganzen an freiwilligen Bei 
trägen die Summe von 46 209 Talern neben 
Gaben in Naturalien, Kleidungsstücken usw. in 
kurzer Zeit aufgebracht. Diese Summen wurden 
nach Abzug der Kosten für die neu angelegten 
Straßen unter die Abgebrannten verteilt. Die 
damalige Regierung zeigte sich weniger hilfsbereit. 
Am 27. April brachten die Abgeordneten Bromm 
und v. Schenk in der Ständekammer einen dring 
lichen Antrag auf sofortige Staatshilfe von 
2000 Talern für die Stadt Frankenau ein. Am 
2. Mai wurde dieser Antrag definitiv angenommen, 
jedoch verzögerte sich die Auszahlung trotz mehr 
facher eindringlicher Beschwerden des Abgeordneten 
Bromm in den Sitzungen bis Ende des Sommers.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.