Full text: Hessenland (25.1911)

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Mit diesen Büchern ist uns leider eine wichtige 
Quelle für die Geschichte Frankenaus auf immer 
verloren gegangen. Nur ein Rechnungsbuch des 
Kirchenkastens vom Jahre 1533—1557 reichend, 
ist, wie ich schon oben erwähnt, erhalten geblieben. 
Aus den nun folgenden Jahrzehnten wissen wir 
fast nichts von den Geschicken Frankenaus. Um 
1656 wurde die Altenlotheimer Kirche von der 
Frankenauer getrennt, da die Herrschaft Itter, zu 
der Altenlotheim gehörte, an Darmstadt fiel, während 
Frankenau bei Kassel blieb. 
Ein kulturgeschichliches Dokument von nicht un 
erheblichem Interesse bildet ein dickes Akten-Volumen, 
das eine Beschwerde der Bürger der Stadt Frankenau 
gegen ihren Pfarrer und dessen Verteidigung ent 
hält. Dieser Streit spielt in den Jahren 1659 
und 1660 und ist nicht ohne unfreiwilligen Humor. 
Aus den Akten sei folgendes mitgeteilt: 
Bürgermeister und Rat von Frankenau an 
Vizekanzler und Negierungsräte: (präsentiert in 
Kassel 2. XI. 1659).**) Sie hätten schon längst 
Ursach über Ursach gehabt, sich über ihren Pfarrer 
Herrn Conrad Hutt (— Conradus Hüttenius aus 
Corbach, 1626—1667 Pfarrer in Frankenau) zu 
beklagen, hätten aber immer gehofft, er würde sich 
bessern. Da dies aber nicht geschehen, führen sie 
Klage in folgenden Punkten 
1. Er hat bei den Hochzeiten eine geraume Zeit 
keine, oder „ja gar langsamb" eine Predigt 
gehalten. 
2. Wenn aber eine Hochzeit ist, läßt er, sobald 
das Rind oder anderes Vieh ins Schlachthaus 
geführt wird und denselben das Messer kaum 
an die Gurgel gesetzt ist, bei den Hochzeitern 
sich schon Essen und Trinken holen und dies 
tut er, so lang die Hochzeit dauert. 
3. Bei Trauung eines Schäfers will er durchaus 
noch einen Hammel haben. 
4. Beim Tode eines alten Mannes, der noch einen 
Taler hinterläßt, begräbt er nicht eher, „er 
habe denn zuvor einen Thaler in seinem Sack". 
5. Wenn er sich mit einem Pfarrkinde entzweit, 
schließt er es wohl ein ganzes Jahr vom 
Abendmahl aus. 
6. An hohen Festtagen hält er nur eine Predigt 
und die erst am Abend, wenn er dem Trünke 
schon ziemlich zugesprochen. (!) 
7 Wenn ein Angehöriger des Rentmeisters auf 
dem Hessenstein gestorben ist, hat er ihn in 
der Frankenauer Kirche begraben, der Kirche 
aber keine Gebühr entrichtet, was, da die aus 
Hessenstein Fremde seien, nicht statthaft sei. 
81 ) Staats-Archiv Marburg. Kirchensachen Frankenau. 
8. Er will die Bürger zwingen, ihm ohne Entgelt 
seine Äcker zu bestellen und dies als eine Ge 
rechtigkeit für sich beanspruchen. 
Früher sei das aus gutem Willen gegen 
Essen und Trinken geschehen. 
9. Diejenigen, die kein Gefährt haben, sollen ihm 
Handdienste leisten bei Androhung der Äbend- 
mahlsverweigerung. 
10. Er schilt und mißhandelt die Bürger und 
ihre Weiber. (!) 
11. Seit etlichen Jahren hat er Bier in die Pfarre 
gelegt und einen Bierschank und Wirtschaft 
eingerichtet. (!) 
12. Bis in die tiefe Nacht hat ma-n sich da „soll 
und doll gesoffen" 
13. Dabei hat sich der Pfarrer auch gehörig be 
trunken und, wenn er den Rausch ausgeschlafen, 
„wieder einen anderen daruff gesetzt". 
14. Seitdem hat man ihn selten nüchtern gefunden, 
weshalb er 
15. auch keine Inspektion auf die Schule und 
16. nur wenig und schlechte Kinderlehre giebt. — 
Bürgermeister und Rat der Stadt hätten aus 
dem Grunde am 25. Oktober bei gehaltenem Rüge- 
gerichte die Verordnung getan, daß kein Bürger 
in Frankenau bei 4 fl. Strafe dem Pfarrer Bier 
zum Verzapfen verkaufen dürfe. Deswegen trachte 
nun der Pfarrer nach einer Branntweinblase Ewas 
noch ärger werden dürfte, da er dem Branntwein 
sehr geneigt sei. Der Pfarrer habe sie ferner in 
der Kirche wegen ihres Vorgehens ganz unver- 
antwortlichundunziemlichperatroei88ima8iviur1a8 
(mit den trotzigsten Beleidigungen) beschimpft. An 
einem jüngst vergangenen Sonntage habe er das 
fortgesetzt und unter anderem ausgerufen, er habe 
manchmal gesehen, wie die Schöffen aufs Rathaus 
gegangen, der eine ein Stück Matten, der andere 
eine Butter in der Hand, der dritte ohne Wams, 
der vierte ohne Kragen und Hut, der fünfte eine 
Tabakspfeife im Maul, der sechste mit alten Schuhen 
ohne Strümpfe usw. Sodann habe er ihnen das 
heilige Abendmahl versagt. Da ferner die Glocken 
seile entzwei und der Pfarrer sich weigere, sie aus 
dem Gotteskasten wie gebührlich zu bezahlen, so 
würde die Betglocke bei ihnen nicht mehr ge 
läutet. — — — 
Rechtfertigung des Pfarrers vom 26. II. 1660. 
ad 1. Er sei nicht schuld daran, man habe 
ihn nicht um eine Predigt gebeten und ihm noch 
weniger den gebHrlichen Groschen dafür entrichtet. 
Im übrigen habe er vor der Kopulation vorm 
Altar eine Lormon de conjugio oft über V« Stunde 
gehalten. 
ad 2. Wenn das Vieh geschlachtet sei und 
die Freunde aufs Rathaus zum Abendessen invitiert
	        

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