Full text: Hessenland (25.1911)

nicht gut Kirschen essen sein möge. und daß man 
daher besser daran täte. ihn ungesoppt und un- 
gehudelt seinen besonderen Pfad weilertrotten zu 
lassen. Wenn ich vorhin von den noch manchen 
anderen Absonderlichkeiten des guten Meisters Ernst 
redete, so wollte ich damit keineswegs andeuten, daß 
nun auch von ihnen hier des weiteren erzählt werden 
solle. Das würde die vorliegende Skizze zu einem 
Umfang gedeihen lassen, die weder dem Leser noch 
mir selber passend wäre. Indes eine von ihnen muß, 
das geht nicht anders, doch noch vorgebracht werden. 
Der Ernst war sein ganzes Leben lang in seiner 
Art ein frommer, mindestens gut kirchlich gesinnter 
Mann. Indes auch in seiner Eigenschaft als Kirch 
gänger konnte er es sich nicht verkneifen, sein be 
sonderes Steckenpserdchen zu reiten. Das bestand nun 
hier darin, daß er in jedem Gottesdienst während 
der Predigt einmal aus seiner großen, aus Buchs 
baumholz gefertigten Tabaksdose zunächst selber eine 
Prise nahm und dann mit der nur ihm eigenen 
Gravität dem Nachbar rechts und dem Nachbar 
links je eine solche anbot. Auch dieses Kirchen- 
schnupsen betrachtete Meister Ernst natürlich als eine 
seiner berechtigten Eigentümlichkeiten, in der er ebenso 
wenig gestört werden dürfe wie in seinen mancherlei 
anderen außerhalb des Bannes der Kirche geübten. 
Wie es nun kam, weiß ich nicht anzugeben, kurz, 
der sonst so nachsichtige, gutmütige Herr Pfarrer 
empfand eines Sonntags die Sache mit der Schnupserei 
unangenehm und bat nun. freilich in der höflichsten, 
freundlichsten Weise. Meister Ernst möge doch diese 
unpassende Sache unterlassen. Was Ernst darauf, 
sicher in gutem Hochdeutsch, geantwortet hat, ist von 
der Dorschronik nicht überliefert, sicher aber ist die 
Tatsache, daß Meister Ernst von Stund an der 
Kirche fern blieb. Der gute Pfarrer, von der un 
erwünschten Wirkung seiner freundlichen Mahnung 
auf den fleißigen Kirchgänger höchst betroffen, suchte 
den Meister in seinem Hause aus und bat ihn in 
ständig, doch wieder zur Kirche zu komme«. Ver 
gebliches Mühen' Selbst die Aussicht. daß der 
brave Pfarrer gegenüber der Kirchenschnupferei beide 
Augen verschließen werde, prallte wirkungslos ab. 
Der alte Ernst betätigte eben hier denselben eisernen 
Starrsinn, den er auch in seinen sonstigen Ab 
sonderlichkeiten bewies und der ja, wenn ich recht 
sehe, für jeden unverfälschten Schrullenkopf als das 
eigentliche Grundcharakteristikum anzusprechen ist, 
d. h. er betrat die Kirche nicht wieder. Damit 
war er aber nun noch längst kein Unkirchlicher ge 
worden, der alte Narr betätigte vielmehr von nun 
ab seine Kirchlichkeit daheim, innerhalb seiner vier 
Wände. Sobald er am heiligen Sonntag sein erstes 
Frühstück eingenommen hatte, begab er sich in die 
Oberstube uub warf sich dort in seinen Kirchen 
staat lange, schwarze Strümpfe, manchesterne Knie 
hosen, blaue Weste, blaues Kamisol mit unisorm- 
artigem.niedrigemKragen und übersponnenenKnöpfen, 
als Fußbekleidung glänzend gewichste Schuhe mit 
großen gelben Schnallen, an deren Stelle in winter 
licher Zeit hohe Stiefel traten, auf dem Kopf den 
großen dunklen Dreimaster mit schwarzem, geripptem 
Band, Spitze nach hinten. So ausgerüstet, betrat 
er dann langsamen Schrittes und mit ernstem, ja 
feierlichem Gesicht die inzwischen gereinigte und 
festlich mit weißem Sand bestreute große Wohnstube, 
holte vom Brett sein altes Predigtbuch und fetzte 
sich gewichtig, das Gesicht der Stubentür zugekehrt, 
hinter den Tisch. Hieraus schlug er die Predigt 
für den betreffenden Sonntag aus, nahm langsam 
den Hut vom Kops und legte ihn neben sich auf 
den Tisch, setzte seine Brille mit der breiten messingenen 
Einfassung auf, faltete die Hände und begann laut. 
gemessen, feierlich Text und Predigt herunterzulesen. 
Die Hausgenossen, soweit sie nicht zur Kirche waren, 
hielten sich währenddem dem Zimmer fern. Kam 
ein Fremder, ein Nachbar oder sonst wer, so sah 
der Alte nur kurz auf und deutete erst aus die 
Kopfbedeckung des unerbetenen Gastes, dann aus die 
neben dem schwarzen Ranzenofen stehende glänzende 
Holzbank und fuhr ohne jede Unterbrechung im 
Lesen fort. Der Wink soll übrigens stets verstanden 
worden sein, d. h. der Ankömmling ließ sich dann, 
der Gebärdensprache des Meisters gehorchend, auf 
der Ofenbank nieder, legte seine Kopfbedeckung neben 
sich und verhielt sich zuhörend. Dauerte ihm die 
Sache zu lange und er ging weg, so nahm ihm 
das Ernst nicht weiter übel, in seinem Lesen wenigstens 
ließ er sich dadurch nicht irre machen. 
(Schluß folgt.) 
43..-«, 
Aus Heimat und Iremde. 
Hochschulnachrichten. Marburg: Die Ge 
sellschaft zur Beförderung der gesamten Naturwissen 
schaften ernannte Geheimrat Prof. Dr. Mann köpf 
zum Ehrenmitglied. — Dem Geh. Konsistorialrat 
Professor D. Achelis wurde der Rote Adlerorden 
3. Klasse mit der Schleife verliehen. — Der Rektor 
der Universität, Geh. Konsistorialrat Professor Di-. 
Budde überreichte in deren Namen der Universität 
Breslau zu ihrem 100 jährigen Bestehen eine Glück 
wunschadresse. — Gießen: Der Gesamtsenat der
	        

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