Full text: Hessenland (25.1911)

lichen, wie sie etwa in dem Widerstand gegen die 
Ausbeutung des wirtschaftlichen Monopols durch die 
Zünfte zutage traten. Auch der Gegensatz des 
Bürgertums zur wirtschaftlichen Überlegenheit der 
Kirche wurde an anschaulichen Beispielen illustriert. 
Die Kämpfe zwischen Hessen und Mainz sorgten 
dafür, daß auch die Frankenberger das Kriegshand 
werk nicht vergaßen und aufs empfindlichste ge 
schädigt wurden. Mit seltener Anschaulichkeit zeich 
nete dann Redner ein Bild der Glanzzeit Franken 
bergs, als die große Heerstraße nach dem Norden 
hier vorüberführte und neben einer kräftigen heimi 
schen Industrie ein bedeutender Speditionshandel 
hier seinen Stapelplatz hatte, illustrierte aus Grund 
von Güterverzeichnissen und anderen Belegen die 
Kapitalkraft der Bürger und zeigte die Leistungs 
fähigkeit der Stadt gegenüber der Landgrasschaft 
Hessen. Ein Schlußkapitel galt dem Anteil, den 
Frankenberg an Kunst und Kultur der Zeit hatte, 
und namentlich dem hervorragendsten künstlerischen 
Niederschlag jener Zeit, der heute noch über der 
Stadt thronenden Pfarrkirche mit ihrer entzückenden 
Liebfrauenkapelle, einer Stiftung bürgerlichen Reich 
tums. Wohl ist die hohe Altarwand dieses zier 
lichen Baues versehrt, wohl sind die köstlichen Reliefs 
verstümmelt, aber noch heute redet er von einer 
von starkem Schönheitsempfinden getragenen Zeit. 
Durch diese Kapelle zogen einst die großen Pro 
zessionen, als die Fremden nach Frankenberg kamen, 
um diesem prächtigen Zug zuzuschauen. Aber schon 
Wigand Gerstenberg träumt von vergangener Schön 
heit. — Unter den Zuhörern war wohl keiner, der 
es nicht dankbar empfunden hätte, wie nachhaltig 
ihm dieser Vortrag das Verständnis und den Blick 
für die fesselnde Geschichte dieser auch heute noch 
so eindrucksvollen Stadt geöffnet hatte. 
Im geschäftlichen Teil erstattete zunächst der 
Schriftführer des Vereins, Rechnungsdirektor W o - 
ringer, den ausführlichen Jahresbericht, der nach 
einem Rückblick auf die Hersselder Tagung und 
einer nachdrücklichen Würdigung der Verdienste des 
verstorbenen Geheimrats vr. Knorz um den Verein 
u. a. folgendes enthält 
Die Zahl der Mitalieder beträgt heute 1916, einschl. 
15 Ehrenmitglieder. Wir sind damit immer noch einer 
der stärksten, wenn nicht der stärkste der Geschichtsvereine 
Deutschlands. Aber doch mahnen uns die großen Zahlen 
des Abgangs eine recht fleißige Werbetätigkeit zu unterhalten, 
um dem Vereine neue Mitglieder zuzuführen. Denn bei 
dem im Gegensatze zu anderen Geschichtsvereinen sehr nie 
drigen Jahresbeitrag kann der Verein Ersprießliches nur 
dann leisten, wenn dazu eine recht große Mitgliederzahl 
die nötigen Mittel gewährt. 
Von den fortlaufenden Veröffentlichungen des Vereins 
sind Band 44 der „Zeitschrift" und die „Mitteilungen" 
für 1909/10 erschienm. Das Register über sämtlicheVeröffent- 
lichungen des Vereins hat Bibliothekar vr. phil. Legband 
in Kassel in Arbeit. Seine Fertigstellung steht nahe bevor. 
In der Flurnamenforschung des Vereins ist ein Schritt 
vorwärts geschehen. Nachdem der Oberpräsident der Provinz 
Hessen-Nassau in dankenswerter Weise dazu seine Genehmi 
gung erteilt hat, hat im Austrage des Vereins Bureau- 
assistent Kniese in Marburg aus den im dortigen Archiv 
vorhandenen älteren Katastern und den Saalbüchern des 
für den Beginn der Bearbeitung ausgewählten Kreises 
Homberg die Feldlagebezeichnungen und die Flurnamen 
ausgezogen. Diese grundlegende Arbeit ist vor kurzem 
beendigt worden, und es wird nun in der Bearbeitung 
weiter vorgeschritten werden. Für die Wiederherstellung 
der Fritzlarer Stiftskirche einzutreten, was gelegentlich der 
vorjährigen Mitgliederversammlung beschlossen war. wurde 
aus Zweckmäßigkeitsgründeu vorläufig aufgeschoben, ohne 
daß damit die Absicht, der Kgl. Regierung diese Wieder 
herstellung warm zu empfehlen, aufgegeben worden wäre. 
Im Jahre 1892 hatte der Verein das in der Gemarkung 
Lohne gelegene Grundstück bei Züschen, auf dem sich das 
vielen unserer Mitglieder bereits durch unsere Veröffent 
lichung oder auch durch eigenen Augenschein bekannte neo- 
lithische Kistengrab befindet, käuflich erworben. Da zur 
Zeit des Ankaufs der Verein die Rechte einer juristischen 
Person nicht besaß, mußte der Eintrag dieses Grundstücks 
im Grundbuch der Gemeinde Lohne auf den Namen eines 
unserer Mitglieder, des Bürgermeisters Kleim in Gudens- 
berg, erfolgen. Nach den Bestimmungen des B. G. B. 
kann- der Geschichtsverein als „eingetragener Verein" jetzt 
selbst Grundbesitz erwerben. Es ist deshalb nunmehr die 
Auflassung des fraglichen Grundstücks an unseren Verein 
vor dem Amtsgericht in Gudensberg erfolgt. 
Die Auflassung des Bickellschen Hauses in Marburg hat 
dagegen immer noch nicht erfolgen können. Es ist noch 
nicht möglich gewesen, die drei Bickellschen Jntestaterben in 
Nordamerika aufzufinden, deren s. Z. erteilte Abtretungs 
urkunden durch Formfehler ungültig sind. 
Die Kommission zur Erforschung vor- und frühgeschicht 
licher Befestigungen in Hessen, unterstützt durch die Herren 
vr. phil. Kropatscheck aus Frankfurt a. M. und vr. phil. 
Hofmeister aus Lübeck, hat auch im abgelaufenen Vereins 
jahre ihre Tätigkeit auf der Altenburg mit großem Erfolge 
fortgesetzt und wird sie auch noch weiter fortsetzen. Die 
auf der Altenburg gemachten Funde sind von größter 
Wichtigkeit für die vor- und frühgeschichtliche Forschung. 
Auf eine zweite vorgeschichtliche Fundstätte wurde der 
Verein und die vorerwähnte Kommission durch Schriftsteller 
Gümpell aus Kassel aufmerksam gemacht. Beim Ausgraben 
von Lehm in einer Ziegelei vor dem Holländischen Tore bei 
Kassel waren Steinwerkzeuge und Scherben aus neolithischer 
Zeit gefunden worden. Die nötigen planmäßigen Aus 
grabungen wurden durch Muscumsdirektor vr. phil. BoeHlau 
und Oberlehrer vr. phil. Hofmeister vorgenommen und 
ergaben daß man hier auf Reste eines vorgeschichtlichen 
Dorfes gestoßen war Über die Tätigkeit und die Erfolge 
der Kommission für die Erforschung vor- und srühgeschicht- 
licher Befestigungen in Hessen finden unsere Mitglieder im 
diesjährigen Hefte der „Mitteilungen" einen ausführlichen 
Bericht. 
Der Vorstand hatte die Freude, einem langjährigen 
eifrigen Mitgliede. dem Geheimen Regierungsrat Fritsch, 
in Kassel am 16. März d. I. die Glückwünsche des Vereins 
zum 90. Geburtstage überbringen zu können. Wer den 
Herrenabenden des Kasseler Zweigvereins beigewohnt hat. 
der wird sich gern der interessanten und vielseitigen Mit 
teilungen erinnern, die Geheimrat Fritsch aus feinem an 
Erfahrung reichen Leben mit einer für das hohe Alter des 
verehrten Herrn ganz außerordentlichen Klarheit und Sicher 
heit zu bieten vermag und bereitwilligst zur Verfügung stellt. 
Die Vertretung unseres Vereins bei der am 6.—10. Sep 
tember 1910 in Posen stattgehabten Hauptversammlung
	        

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