Full text: Hessenland (25.1911)

S*«L- 214 
sehen die Sachsen um das Jahr 753 p. Chr nat. 
in die hessischen Staaten einfallen und über diese 
Mord, Blutvergießen und Verheerung verbreiten. 
Sie waren bereits bis in die Gegend von Franken 
berg vorgedrungen, als Pipin sich an die Spitze 
eines furchtbaren Heeres stellte und den bedrängten 
Hessen zur Hülfe eilete. Der Monarch stieß in 
einem Tale, das nicht weit von gedachter Stadt 
entfernt war, auf die Feinde und wollte sie un 
vermutet überraschen. Allein, kaum merkten die 
Sachsen, was man im Schilde führte, als sie, von 
Schrecken betäubet, sich in eine unordentliche Flucht 
begaben. Pipin folgte ihnen auf dem Fuße nach 
und richtete unter ihnen eine große Verwüstung 
an. Um das Andenken dieser glorwürdigen Be 
gebenheit zu verewigen, ließ er in der Gegend, die 
Zeuge von diesen blutigen Auftritten gewesen war, 
ein Schloß bauen, daraus nach der Hand die kleine 
Stadt Frankenau entstanden ist." 
Dies sind die ersten, allerdings ziemlich unzu 
verlässigen Nachrichten über Frankenau. Wenn 
wir unter Kemnate in diesem Fall einen kleineren 
Burgbau im Gegensatz zu einer großen Burg ver 
stehen, also eigentlich ein befestigtes Haus mit 
einem Turm, so ist die Nachricht, daß Pipin hier 
eine solche gebaut, doch nicht so ohne weiteres als 
unbegründet von der Hand zu weisen. Es stand 
nämlich bis zum großen Brande von 1865 mitten 
in der Stadt ein hoher, mehrstöckiger steinerner 
Turm, der jedenfalls zu einem burgartigen Gebäude 
gehört hatte. (Er diente bis 1865 als Glocken- 
türm für die Kirche und ist leider durch Unver 
ständnis der damaligen Zeit abgebrochen worden. 
Seine Steine wurden zum Baue der neuen Straße 
von Frankenau nach Frankenberg benutzt und liegen 
in dem Chaussee-Damme vor dem Nieder-Tor!) 
Es wäre aber wohl möglich, daß die Ansiedelung 
um diese Kemnate als Kern nach und nach ent 
standen ist. 
Obgleich uns für die nächsten Jahrhunderte 
alle Nachrichten über Frankenau fehlen, so dürfen 
wir doch annehmen, daß der Ort sich ziemlich rasch 
vergrößert hat, denn er bekam schon in der ersten 
Hälfte des XIII. Jahrhunderts Stadtrechte. Hein 
rich Raspe, Landgraf von Thüringen und später 
römischer König, maßte sich schon 1228 neben 
seinem Bruder Konrad die Herrschaft über Hessen 
an, die er dann 1241 nach dem Tode Konrads 
und seines Neffen Hermann II. tatsächlich durch 
Erbfolge bekam. Bei der Besitzergreifung Hessens 
hatte er in den seßhaften Adeligen heftige Gegner, 
so daß er sich auf die Hülfe und die Anerkennung 
der Städte und Dörfer verlassen mußte. Um diese 
zu gewinnen, verlieh er vielen Orten städtische 
Freiheiten. Zu diesen gehörte auch Frankenau. 
Wir können demgemäß das Jahr 1242 als das 
Jahr der Verleihung der Stadtrechte annehmen. 
Die älteste Urkunde über die Verleihung der Stadt 
rechte ist vom Jahre 1266 datiert und in la 
teinischer Sprache abgefaßt?) Sie lautet in Über 
setzung folgendermaßen: 
„Von Gegenwärtigem mögen unsere gesamten 
Jnspectores Kenntnis nehmen. Daß nämlich wir, 
Heinrich von Gottes Gnaden Landgraf, Herr von 
Hessen, unsern lieben, treuen Städtern in Frankenau 
alles Recht und die Freiheit, die unser Onkel, 
frommen Angedenkens, Herr Heinrich, Landgraf 
von Thüringen, ehemals römischer König (das ist 
also Heinrich Raspe) ihnen gewährt hat, ihnen 
wieder zuerkennen und nach reiflicher Erwägung 
bewilligen. Und diese Gnade gestehen wir ihnen 
ausdrücklich zu. daß niemand irgend einen der 
vorgenannten Städter enterben oder das Besthaupt 
(vom Vieh nämlich, eine Erbschaftssteuer) von ihnen 
erheben kann, sondern wir wollen, daß sie selbst 
sich des Rechts an der Gnade erfreuen, die unsere 
anderen Bürgerschaften bisher in Anspruch zu 
nehmen gewohnt waren. Ebenso wollen wir, daß 
niemand bei ihnen, wie es vielleicht bisher ge 
schehen ist, eine nicht schuldige Abgabe erhebe. 
Zudem bewilligen wir, daß alle Äcker, die Häuser 
oder Amtsgebäude benannter Stadt berühren, in 
keiner Weise zehntpflichtig sind. Zur Sicherheit 
dieser Freiheit übergeben wir ihnen vorliegende 
Urkunde, die durch den Schutz unseres Siegels 
bekräftigt ist. Zeugen dieses Vorganges sind Gode- 
fridus von Rodenstein, unser Marschall, Gernandus, 
Schulze von Marburg, Heinrich, unser Notar, 
und Godefridus von Derendorf, damals Schulze 
in Frankenberg. Gegeben im Jahre des Herrn 
1266, am achten Tage nach Ostern." 
Dieser städtische Freiheitsbrief wurde jedesmal 
nach dem Tode des Ausstellers von dem Nachfolger 
erneuert. Er hat stets denselben Wortlaut bis 
auf den letzten Satz und den Namen des betreffen 
den Landesherrn. So findet sich noch ein solcher 
Städtebries vom 18. Juni 1415 im Marburger 
Archiv?) 
Von der Entwicklung der Stadt in den nun 
folgenden Jahrhunderten des frühen Mittelalters 
haben wir nur geringe Kenntnis. Es sind zwar 
eine ganze Anzahl (26) Urkunden auf uns ge 
kommen, die sich aber fast alle auf Belehnungen, 
Verpfändungen, Zessionen. Kauf und Verkauf von 
Gütern, Äckern und Wäldern beziehen und die alle 
hier anzuführen der Raum fehlt. Erwähnt mag 
4 ) Abschrift in einer Urkundensammlung. Landes 
bibliothek Kassel. 
*) Kopialbuch des Landgrafen Ludwig I. Fol. 910. 
Staatsarchiv Marburg.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.