Full text: Hessenland (25.1911)

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Am 13., nachmittags 2 Uhr unternahm der 
Belagerte mit 600 Mann zu Fuß und 200 Mann 
zu Pferd einen Ausfall gegen den Oberstrom- 
Angriff und zwar in der Richtung auf den Kreuz 
berg. Die Laufgräben waren zu dieser Zeit von 
den beiden Bataillonen des Regiments Prinz 
Leopold und dem Schweizer-Regiment Hirzel 
besetzt. Da der Ausfall völlig überraschend vorbrach, 
so wurde die Besatzung der Laufgräben anfangs 
in Unordnung gebracht, so daß es den Franzosen 
gelang, etliche Kanonen zu vernageln und den in 
der vordersten Linie befindlichen Oberst von der 
Malsburg mit einigen Mannschaften gefangen 
wegzuführen. Der Oberst von Verfchuer*) 
war jedoch gleich bei der Hand, stellte die Ordnung 
wieder her, machte die Geschütze wieder brauchbar, 
trieb die Feinde zurück und nahm ihnen einige 
vierzig Gefangene ab. Vom Regiment Prinz 
Leopold blieben bei 200Mann tot und verwundet, 
welcher erhebliche Verlust für die tapfere Gegen 
wehr des Regiments spricht. Von Offizieren wurden 
der Major von Gey so und einige Subaltern 
offiziere verwundet, 1 Kapitän iinb 2 Leutnants 
blieben tot auf dem Platze. 
Gegen Abend dieses Tages ließ der Erbprinz 
unter seiner persönlichen Leitung den äußereil ge 
deckten Weg hinter dem Vorglacis angreifen, was 
mit solcher Wucht geschah, daß der Feind nicht 
allein diesen, sondern auch beit inneren gedeckten 
Weg verließ und sich nach dem Hauptwerk zurück 
zog. Als er jedoch bemerkte, daß es nur aus den 
äußeren gedeckten Weg abgesehen war, kam er 
wieder in den inneren zurück. Bei dieser Unter 
nehmung wurden der Ingenieur en chef Hasard 
und noch ein Ingenieur getötet und 3 Ingenieure 
verwundet. Auch der Generalmajor von T e t t a u 
erhielt einen Schuß in den Arm. Ferner fiel 
der Leutnant Polster vom Regiment Erbprinz 
und eine Anzahl Offiziere von den Preußen. Der 
Erbprinz Friedrich blieb bis 3 Uhr früh in 
den Laufgräben, schlief dann nur ein paar Stunden 
zu Haus und begab sich gleich wieder in die Lauf 
gräben, weil inan jeden Augenblick einen Ausfall 
erwartete. 
Am 12. hatte man mit dem Brescheschießen 
begonnen und beim Angriff des Erbprinz gute 
Erfolge erzielt, während beim Oberstrom-Angriff 
die Mauer sehr hart war und nicht fallen wollte. 
Den größten Eindruck auf den Belagerer machte 
aber das Bombenfeuer, das die zur Verteidigung 
der Bresche bestimmten Mannschaften verhinderte, 
sich in der Nähe der Bresche aufzuhalten. Vor 
nehmlich dieser Umstand nötigte den Marquis 
d'Allegre am 15. nachmittags 4 Uhr Chamade 
schlagen und dem Angriffe des Erbprinzen gegen 
über weiße Fahnen aufstecken zu lassen. Der 
Oberst de la Roche vom hessischen Grenadier- 
Regiment, ein Oberst von den Münsterschen lind 
ein Oberstleutnant von den Preußen wurden als 
Geiseln gegen zwei französische Obersten und einen 
Oberstleutnant ausgetauscht. Die Kapitulation 
verzögerte sich indes bis zum Nachmittag des 16. 
wegen der großen Ansprüche, die der Belagerte 
geltend zu machen beliebte. Der Besatzung wurde 
schließlich freier Abzug dltrch die Bresche oder ein 
beliebiges Tor mit Waffen lind Gepäck, 2 schweren 
und 4 leichten Kanonen zugestanden, sowie „tous 
les autres honneurs que Ton accorde a une 
garnison qui a fait une belle defense.“ Nach 
Pelet, „Memoires militaires etc. III, 748“ 
waren dies: „balle en bouche, timbales et 
tambours battants, trompettes sonnantes, dra- 
peaux et etandars deployes, ayant leurs ban- 
douilleres garnies, de poudre et de plomb pour 
douze coups, la cavallerie a cheval, l’epee ä 
la main, et les dragons aussi a cheval, le fusil 
haut“ Die Übergabe der Festung fand vertrags 
mäßig am 19. statt, an welchem Tage die Be 
satzung nach Luxemburg abzog. 
Der Verlust der Hessen betrug, abgesehen voll 
den bereits erwähnten Offizieren, beim G r e n a d i e r - 
Regiment 6 Mann tot, 7 Mann verwundet, beim 
Regiment Erbprinz 4 Mann tot, 10 Mann 
verwundet, beim Regiment K. von Wartens 
leben 2 Mann tot, 7 Mann verwundet, beim 
Regiment Stuckrad 2 Mann tot, 5 Mann ver 
wundet, zusammen 14 Mann tot, 29 Mann ver 
wundet. Das hessen-holländische Mietregiment 
Prinz Leopold büßte 150 Mann an Toten und 
Verwundeten ein. Der Verlust der Artillerie ist 
nicht zu ermitteln. 
*) Trat demnächst als Generalmajor aus holländischen 
in hessische Dienste. 
Aus den Tagen der althessischen Gesellschaft des Ackerbaues. 
(Schluß.) 
Vor der Kirche wurden die Kinder mit Ernst mit 
Würde von einer Musik empfangen und hatten sich 
bald paarweise in Reihen gestellt. Vor dem Zuge 
her ging ein größerer Knabe, trug an einem mit 
Band umwundenen Stabe ein durch allerlei Früchte 
geziertes Bäumchen, Natur und Kunst, eins durchs 
andere verschönert, als das Sinnbild des von ihnen in 
der Baumschule einst Früchte tragenden Fleißes. Ihm
	        

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