Full text: Hessenland (25.1911)

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Vereinigung detaillierter, dem Beschauer ganz naher 
Vordergründe mit tiefen Mittelplänen und weiten 
Fernen. Zu der malerisch interessanten Dörnberg- 
landschast kommt die Studie eines Abhanges im 
Tannenwald, den die Lust eines Februartages in 
einen eigenartig braunvioletten Ton getaucht hat. 
Auch als Zeichner tritt Jeschke hervor, und zwar 
mit Zierleisten, in denen er landschaftliche Motive 
mit kräftiger Schwarz-Weiß-Wirkung behandelt hat. 
Julius Jung erfreut durch eine ganze Serie kleiner, 
malerisch sein pointierter Bilder, darunter „Aus 
Alt-Wehlheiden" (Bachlaus zwischen Häusern), 
„Schweres Gewölk", „Frühnebel" und „Mond 
aufgang", ein Bildchen, das bei aller Bescheidenheit 
des Motivs und des Formats von reichem poetischen 
Zauber ist. Professor Knacksuß gibt eine Fülle 
impressionistischer Notizen von seiner letzten Reise 
nach Griechenland und Kleinasien. Besonders inter- 
essant die von hellleuchtender Lust umspielten 
marmornen Säulenstümpfe des Apollotempels zu 
Didyma. Von Heinrich Giebel-Marburg sieht 
man ein paar gute Freilichtstudien, die allerdings 
mehr Wert für den Maler als für das Publikum 
haben, von I. Helln er eine kleine, sehr einheitlich 
empfundene, in Tempera gemalte Marine Schiffe 
im Emdener Außenhafen. Ferner ein Ölgemälde: 
Eichsseldischer Schäfer seine Herde an einem Ab 
hange weidend. Die Gestalt des Hirten steht als 
dunkle Silhouette kontrastierend gegen den hellen 
Ton des Hügels, mit dem die Tieckörper farbig 
zusammengehen. Mit Zeichnungen und graphischen 
Arbeiten tritt Professor Wagner aus zwei Knaben 
porträts, akademisch sorgfältig mit dem Silberstift 
gezeichnet, dann farbig lithographierte Tierstücke, 
zwei in der Bewegung des Fressens und Leckens 
charakteristisch erfaßte Pumas, schließlich ein paar 
ausdrucksvolle Baumstudien und zwei sehr liebens 
würdige, anmutige Tuschzeichnungen Stare und 
Amseln auf Baumzweigen sitzend, an denen der 
Frühling eben die ersten Blattknospen sprengte. 
H. Gras-Weimar bringt ein in altmeisterlicher glatter 
Technik gemaltes Jnterieurstück „Sofaecke", untadelig 
in der Zeichnung und in der Abstufung toniger Werte. 
Mit den Problemen der Wirkungen künstlichen 
Lichtes in Jnnenräumen beschäftigten sich erfolgreich 
zwei talentvolle Mitglieder des Vereins: Karl 
Geist-Kassel und H. Psorr-Laudenbach. Bei 
beiden tritt gleichzeitig eine gewisse Neigung zum 
alten anekdotischen Genre hervor. Siehe Pforrs 
„Bauernstube am Abeud" (Männer und Frauen 
mit lächelnden Gesichtern bei Lampenlicht um einen 
Tisch gruppiert), Geists „Guter Tropfen" (ein 
durstiger Musikant deutet mit dem Finger auf sein 
Glas). Arthur Ahnert ist mit einer Wiederholung 
seiner bekannten großen figürlichen Komposition 
„Tischgebet" vertreten, der Lehrer an der Kunst 
gewerbeschule Gustav Wittig mit Studien und 
dekorativen Entwürfen, die zumeist nicht neu sind, 
Arno Weber mit einigen hübschen Studien blü 
hender Bäume und einem bemalten Wandschirm. 
Zum Schluß erwähne ich noch eine Ansicht der 
französischen Kirche von Th. Matthei und die 
Aquarelle von Professor Woite. 
Die Plastik hat nur drei Vertreter aus der Aus 
stellung : 
Professor Karl Bernewitz, dessen Porträt 
statuette eines sitzenden Knaben sich dank ihrer ge 
schlossenen, klaren Silhouette vorzüglich zur Aus 
führung im Stein eignen müßte, Fritz Cauer-Düssel- 
dorf, dessen sormenstrenges Relief „Luise Cauer" 
besonders für sein Talent spricht, endlich Ottilie 
Schäfer-Frankfurt, deren Bronzestatuette „Tan 
zendes Mädchen" (Akt) einen erfreulichen Fortschritt 
gegenüber den Arbeiten bedeutet, mit denen sie hier 
vor einigen Jahren zum ersten Male an die Öffent 
lichkeit getreten war. 
Immaculata. 
Von B. Moriton-v. Mellenthin, Kassel. 
Der junge, deutsche Maler betrat San Marcos 
alt-ehrwürdige prunkvolle Hallen. Schaurig süße 
Dämmerung umfing ihn, wie ein golddurchwobener 
Schleier lag sie über den hohen, schlanken Sälilen, 
über den zahllosen Statuen, über dem reichen Bilder 
schmuck der Wände. Farben und Formen flössen 
weich ineinander über, verschwammen in bräunlich 
sattem Flimmern. Leichte Weihrauchwölkchen drangen 
betäubend, sonderbar beklemmend auf ihn ein. Kühl 
war es hier nach der Mittagshitze draußen, die schwer 
und schwül über den Häusern brütete. 
Diese Kühle, Grabeskühle, dieser feierliche, läh 
mende Weihrauchdust, diese dumpfe Stille, es ge 
mahnte ihn plötzlich an Vergehen, an Sterben, an 
Vermodern. Tot all diese Heiligen aus den Altären, 
tot seit vielen Jahrhunderten! Tot — wie die 
ganze zauberhaft schöne Stadt. 
B6lla Venezia! Eine Königin, eine strahlende, 
sieghafte Herrscherin einst! Doch wo blieb ihre 
Krone, wo blieb ihr Thron? Verbrannt das Goldene 
Buch mit seinen klangvollen Namen, ihre Träger 
tot, ausgelöscht aus dem Buche des Lebens! Nur
	        

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