Full text: Hessenland (25.1911)

über gehen? Nein ’ Aber es kam spät! An dem 
Tage, an dem bei Leipzig die verbündeten Heere 
den Weltenkaiser stürzten, wurde in Goddelau bei 
Darmstadt ein echtes Geisteskind der Revolution 
geboren es war Georg Büchner. Mit seinem 
Eintreten in die Literatur beginnt eine neue Glanz 
periode der hessischen Literaturgeschichte, die dann 
so etwa bis in die fünfziger Jahre gedauert hat. 
Georg Büchner ist der dritte in der Reihe 
von fünf hessischen Dichtern, die in der Blüte ihrer 
Jahre aus ihrer Tätigkeit gerissen wurden die 
zwei größten hessischen Dramatiker des 19. Jahr 
hunderts sind darunter eben Büchner, der 1837 
24 Jahre alt, starb, unb Ernst EliasNiebergall I 
der 28 Jahre alt war, als er 1843 die Augen ' 
schloß. In demselben Jahre aber, in dem Georg 
Büchner geboren wurde, starb der dritte Dramatiker 
dieser Reihe vergessen und einsam zu Homburg v. d. H., 
August Fresenius, im Alter von 24 Jahren. 
Es ist charakteristisch, diese Vorherrschaft der Jugend 
lichen in der hessischen Literatur dieser Zeit sich 
vor Augen zu halten, geht doch durch sie alle- 
hindurch etwas von der Zerrissenheit der Zeit. Die 
abgeklärte Reife des Alters war diesen Künstlern 
versagt, ob gerade zum Nachteile ihrer Kunst, darf 
billig bezweifelt werden. Denn so als Kinder ihrer 
Zeit, in der sie geboren und ihr ganzes kurzes 
Leben zugebracht haben, sind sie auch zu Schilderern 
dieser Zeit geworden, haben sie gemalt mit dem 
ganzen Feuer, das in ihnen lag. Wir können 
und dürfen diese „Frühverstorbenen" nur aus dem 
Gesichtswinkel ihrer Tage heraus betrachten — , 
umsomehr werden wir aber auch ihre Bedeutung , 
erkennen, wenn ihre Werke heute noch frisch auf 
uns einwirken und ihre Lektüre noch einen reinen 
Genuß zu gewähren imstande ist. Die zünftige 
Literaturforschung hat an diesen drei Männern 
viel gesündigt. Es bleibt eine ehrenvolle Ausgabe 
der hessischen Literaturgeschichte gut zu machen, was 
Mit- und Nachwelt an ihnen verschuldet haben. 
Zwar Büchner und Niebergall hat man nach langem 
Totschweigen notgedrungen doch anerkennen müssen. 
Aber auch August Fresenius war ein Dramatiker 
von echtem Schrot und Korn. Was sein Schau 
spiel „Thomas Aniello" (1818 von de la Motte- 
Fouque aus seinem Nachlaß herausgegeben) für , 
unsere hessische Literatur bedeutet, ist nicht gerade 
leicht zu sagen. Büchner ist nicht ein Schüler von 
Fresenius, aber der letztere ist doch ein Vorläufer 
unseres größten Dramatikers. Er beschritt die 
Bahn des ausgesprochenen Realismus, er hat zum ■ 
ersten Male in der hessischen Literatur ein Werk 
geschaffen, das die Gärung der Zeit, die, sagen 
wir einmal Philosophie der Revolution zum Aus 
druck brachte. Fresenius hat nicht wie Büchner I 
mitten im politischen Getriebe gestanden, er hat 
aber mitgefühlt, hat sich die Ideen zu eigen gemacht, 
die den großen Bewegungen seiner Tage zu Grunde 
lagen, und hat sie in seinem Drama einer der vielen 
Revolutionen, die das stolze Neapel gesehen hat, 
unterlegt. Es ist interessant und charakteristisch 
für beide Dichter, daß Georg Büchner den Plan 
mit sich herumgetragen hat, ein Drama über Pietro 
Aretino zu schreiben, schon wenn mau diese beiden 
Gestalten Aretino und Aniello ansieht, lernt man 
den ganzen Unterschied zwischen Fresenius und 
Büchner kennen. Freilich Büchner war ein Fertiger 
in gewissem Sinne schon, als er sein grandioses 
Drama „Dantons Tod" schrieb. In Fresenius' 
Drama sucht noch mehr Unentwickeltes tastend 
einen Ausweg. Wie in ihm noch alles gärt 
und sprudelt, das sieht man am besten in seinen 
Gedichten. Neue Ideen, stürmisches Vorwärtsstreben 
liegt da im Streite mit den alten eingeimpften 
und angeborenen Anschauungen. Fresenius vermag 
es noch nicht „er selbst" zu werden — er steht 
noch zu sehr unter dem Banne der Tradition. 
Aber die Ansätze zu brechen mit dem, was in der 
Literatur bisher für schön galt, sind vorhanden. 
So ist sein Drama wohl ein kunterbuntes Ding 
geworden, oft voll Flachheit und Salbaderei, wenn 
die Großen Neapels reden, aber voll Kraft und 
Wärme, voll Plastik und Anschauungsstärke, sowie 
er das gemeine Volk im Werkelklelde auf die 
Bühne stellt. Ensembleszenen sind es, die die 
Stärke dieses Werkes ausmachen, man kann getrost 
alle Stellen, die in Jamben geschrieben sind, über 
schlagen. braucht allein die Prosa zu lesen — man 
wird erstaunt sein über die Meisterschaft, die sich 
hier in ihren Anfängen uns enthüllt. — Georg 
Büchner soll in fünf Wochen sein Meisterwerk hin 
geschrieben haben — sieben Wochen hat Fresenius 
gebraucht, um seinen Aniello zu Papier zu bringen, 
beide Werke würdig ihrer Meister noch vieles 
ungeklärt und gärend, aber die Ansätze enthaltend 
zu Größerem. Beiden ist es versagt geblieben, das 
höhere Ziel, das sie in ihren Träumen wohl sahen, 
zu erreichen, ihr früher Tod hinderte den weiteren 
Aufstieg. So kam es auch, daß ihr Name vergessen 
wurde. Während aber die Nachwelt wenigstens 
ihren Büchner ehrte, — nicht nur der Denkstein 
auf seinem Grabe, sondern zwei schöne Ausgaben 
seiner Werke erinnern an ihn —, ist Fresenius 
vergessen und verschollen. Von allen Literatur 
historikern, die ich kenne, ist es nur Goedeke, der 
bei Erwähnung des „Thomas Aniello" die viel 
sagenden Worte gebraucht „Die Ensembleszenen 
sind mit großer Meisterschaft gezeichnet." 
Das Leben Georg Büchners ist aufs innigste 
verknüpft mit jenen geistigen und politischen Be-
	        

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