Full text: Hessenland (25.1911)

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Der Vater des Generalleutnants, Petrus Geyse, 
ist, wie wir aus seinem Grabdenkmal in Borken 
erfahren, im Jahre 1555 in Melsungen geboren. 
Er war erst wenige Jahre alt, als sein Vater starb, 
und auch seine Mutter ist schon tot, als Landgraf 
Wilhelm IV im Jahre 1573 die von Peters 
der Rat graues Tuch kaufen und am Tage meiner Bestattung 
au arme ßeute austeilen soll" Auch au seine ehemaligen 
Dienstboten und zwei Bürger in Melsungen vermacht er 
Geldsummen'und Grundstücke. Er wünscht in der Kirche 
beigesetzt zu werden. 
Vater Johann dem Landgrafen vorgeschossenen 
Darlehen zurückzahlt. Daß er ebenso wie sein Vater 
und andere Vorfahren eine Universität besucht 
hat, ist wahrscheinlich. Umsomehr, als der Rent 
meister Heinrich G. ein Kapital von 1000 Rtlr. 
bestimmt hatte, „dessen Zinsen ein lieber Knabe 
meines Geschlechts, so er dazu tüchtig und außerhalb 
studiert, erhalten soll" Von Peter Geyse erfahren 
wir erst Näheres, als ihn, den 27jährigen, Landgraf 
Wilhelm 1582 zu seinem Rentmeister in Borken 
macht. 
(Fortsetzung folgt.) 
Frauenmünster. 
Eine historische Frühlingserinnerung von Dr Hans Braun Berlin. 
Halbwegs zwischen Fritzlar gegen Osten nnd 
Obermöllrich liegt das altersgraue unscheinbare 
Kirchlein, das so häufig der Zankapfel gewesen 
zwischen dem Erzbischof von Mainz und den 
Landgrafen von Hessen-Kassel. Einmal im Jahre 
noch öffnet sich die niedrige Pforte, um die Ober- 
möllricher einzulassen. Fritzlarer kommen nur 
selten zu diesem eigenartigen Gottesdienst, obwohl 
sie ehedem die Hauptmenge der Gläubigen gestellt. 
Böse Erfahrungen halten sie ja auch reichlich 
durch den Besuch dieses Gotteshailses gemacht. 
Am Christtage des Jahres 1589 hatten sich die 
evangelischen Bürger Fritzlars mit ihren Familien, 
wie schon so häufig, gen Frauenmünster begeben, 
um die frohe Botschaft verkündet zu hören. Bei 
ihrer Rückkehr fanden sie die Tore des Städtchens 
verschlossen und verrammelt, und der Kurfürst von 
Mainz nahm sie in schwere Strafe. Ähnliches 
ist häufiger vorgekommen. Hatte er als Landes 
herr doch nach dem Passauer Vertrag das Recht 
den Glauben seiner Untertanen zu bestimmen. 
Die Angehörigkeit zum Lutherschen Bekenntnis 
wurde nicht nur mit Geld- und Freiheitsstrafen, 
sondern auch mit Landesverweisung geahndet. Wer 
sein Kind evangelisch taufen ließ, war dem Tode 
verfallen. 
Heute haben sich die Verhältnisse dort ver 
schoben. Frauenmünster ist nicht mehr das Streit 
objekt, und die Stätte, wo einst Jost Runke, 
Christian Scuring und dessen Sohn Konrad und 
so mancher andere tapfere Held des Wortes „das 
reine unverfälschte Evangelium" gepredigt, ist nicht 
mehr der Mittelpunkt des Protestantismus in 
jener Gegend. 
Am ersten Ostertag war mir Gelegenheit ge 
boten einem Gottesdienst zu Frauenmünster — 
für Obermöllrich ein Ereignis — beiwohnen zu 
können. „Ein heiliges Gefühl überkommt uns, 
wenn wir zu Frauenmünster unseren Gottesdienst 
abhalten" so leitete der Geistliche seine Predigt 
ein. „Um diese altersgrauen Mauern herum liegen 
Eure Väter und Großväter, Eure Ahnen seit 
Jahrhunderten" — das war alles in der Predigt, 
was an die alte Zeit erinnerte. Heute herrscht 
dort keine Kampfesstimmung mehr. Die Macht 
des Kurfürsten von Mainz ist gebrochen, und die 
Jesuiten haben auch kein Interesse mehr daran, 
jene alte heilige Stätte wieder für den alten 
Glauben zu gewinnen. Jene Stätte, die nur 
um ein weniges jünger ist als die ehrwürdige 
Peterskirche zu Fritzlar. 
Noch ehe die Pforten zu dem kleinen Friedhof 
sich geöffnet, hatte ich mich dort eingesunden. Ein 
heller, warmer Ostersonntag war es. Blau lachte 
der Himmel, warm sandte die liebe Sonne ihre 
lebensfrohen Strahlen zu uns hernieder, die 
Lerchen jubilierten ihr Halleluja, die Stare spielten 
die Flöte, die Amsel trompetete wacker ihr Liebes 
lied dazwischen, in den Hecken zirpte es, die ersten 
Bienen summten, wie aus grillen Pfeifen erklang 
der Schwalben lustiges, lang gezogenes Lied, und 
in tiefem Baß begleitete der linde Wind das 
Frühlingsjauchzen der Natur in den Wipfeln der 
noch kahlen Pappeln und der dunkelgrünen Föhren, 
die an den Mauern des alten Friedhofs stehen 
und ihr altersschwaches Haupt gemessen hin- und 
herneigen. Zu meinen Füßen die ersten Veilchen 
und Gänseblümchen. Die Himmelsschlüssel wollten 
gerade ihr gelbes Köpfchen hervorstrecken, um zu 
fragen, ob es nun wirklich Frühling werden solle. 
Drüben aus den Fritzlarer Gärten schimmerten die 
ersten Kirsch- und Pfirsichblüten herüber. 
Ein hehres Sountagsgefühl zieht in das Herz 
ein.
	        

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