Full text: Hessenland (25.1911)

*WL 9 SML, 
malung seiner Stabschnitzereicn aus den Kehlbalken 
der ausgekratzten Etagen erfahren. Das Linkersche 
Haus ist als Steinbau natürlich anders behandelt, 
aber es schadet gar nichts, daß die Farben frisch 
aufgetragen sind, Witterungseinflüsse stumpfen die 
Farben schon von selbst ab. Dasselbe kann man 
sagen von dem schönen Hause „am Kloster", dessen 
Balken grün abgesetzt sind. Aber auch da. wo 
der Hausherr sich nicht zu einer vollständigen Auf. 
arbeitung seiner Haussasiade hat aufschwingen 
können, sind wir noch dankbar für das bischen 
Farbe, das man z. B. den Äpfeln und Kastanien- 
blättern am Portale des Hauses Graben 16 ge- 
gönnt hat. Ernst Happel. 
Der stumme Gras. 
Von Lotte Gubalke. 
An jedem Dienstag besuchte der Rabbiner Baruch 
Hirsch seinen Freund, den Doktor Georg Reimarus. 
Dann saßen die beiden in dem nach der Garten 
seite gelegenen Studierzimmer und disputierten über 
Gerechtigkeit und Liebe, den Tod und das Leben. 
Oder sie spielten Schach und wandelten danach aus 
den schattigen Wegen des fgroßen Gartens, Jugend 
erinnerungen austauschend. 
Baruch hatte seinen Freund heute nicht angetroffen, 
so nahm er, um die Wartezeit abzukürzen, das Buch, 
das ausgeschlagen auf der Fensterbank lag, und las. 
Es war ein Neues Testament. Seine Augen trafen 
die Stelle: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten 
gesagt ist, Zahn um Zahn, Auge um Auge. — Ich 
aber sage Euch —" 
Ungeduldig warf er das Buch hin. 
Dies: „Ich aber sage Euch" war es, was Baruch 
stets zur Verzweiflung brachte, und es war der Angel- i 
Punkt, um den sich schon manche heftige Rede gedreht 
hatte. 
Nein, es galt noch heute, dies Zahn um Zahn. 
Seine dunklen Augen leuchteten, er sah nach dem 
Bilde deffen, der dies: „Ich aber sage Euch" in 
die Welt geschleudert hatte, und dachte du hast es 
ja auch am Kreuze büßen müssen. Der Herr läßt 
sein nicht spotten, Gerechtigkeit ist höchste Liebe, sie 
ist es allein, die zur endlicher Vollendung führt. 
Baruch war ein kleiner geschmeidiger Mann. War 
er innerlich erregt, so faltete er die Hände so fest, 
daß die Knöchel nachher rote Flecke trugen. Seine 
Augen glühten dann und seine schmalen Lippen 
zuckten. Denn von innen quoll so heiß und machtvoll 
ein Feuerstrom, daß Gedanken und Worte sich stauten 
vor der Hast eines ungeberdigen Temperaments. 
Er sagte halblaut die Worte vor sich hin. „Und 
wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete 
und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes 
Erz oder eine klingende Schelle —" 
Er sprang aus Nein, wer die Liebe nicht hat, 
soll keine erfahren, er wird verdammt sein, soll 
verdorren — 
»Mit wem streitest Du, Baruch? Mit Dir selber?" 
fragte der Doktor, der eben ins Zimmer trat. Er 
kam durch eine Türe, die aus eine in den Garten 
ausgebaute Veranda führte. 
Baruch machte eine abwehrende Handbewegung 
und strich sich das schwarze Haar aus der Stirne. 
„Laß gut sein, wir kommen doch nicht ans Ende 
Reimarus legte Hut und Mantel ab und ließ 
sich in einen Seffel fallen. Er sah ernster aus als 
sonst — zerstreut, als ob seine Gedanken weitweg 
weilten, im Banne des Zweifels hingen. Baruch 
sah das als er das Schachbrett näher zu dem 
Sitzenden hinrückte. 
„Wo warst Du, Reimarus?" 
„Du kennst den Grasen von Tambach?" 
„Ja, jenen, an dem heimgesucht werden der Väter 
Missetaten bis ins dritte und vierte Glied —" 
Reimarus lächelte. „Länger, Baruch, viel länger, 
denn die Tat, die wieder und wieder bestraft wird, 
liegs viel weiter zurück. Es soll zur Zeit der Kreuz 
züge gewesen sein, als Arne von Tambach einer 
Nachtigall, die zu laut sang, so daß er nicht schlafen 
konnte, die Zunge ausreißen ließ 
„Seine Frau gebar einen stummen Knaben — 
nein, sieben stumme Knaben, und von da an waren 
alle Knaben, zumeist die Erstgeborenen, stumm " 
„Warum wohl diese entsetzliche Tatsache und ihre 
grausame Auslegung weiter und weiter erzählt 
wurde, um die Einbildung schwacher Weiber zu 
beeinfluffen? 
»Hirngespinnste sind das, — glaubst Du. durch Tot 
schweigen einer Tat wäre ihre Wirkung ausgehoben?" 
„Meinst Du, das Glend wird bis in alle Ewig- 
keil dauern?" 
„So lange dauert es, wie die Grasen von Tambach 
dem Höchsten trotzen und seine Zeichen nicht ver 
stehen — " 
„Oder so lange, bis die Liebe ihn überwindet." 
Der Rabbiner winkte wieder abwehrend mit der 
Hand: „Wir kommen nicht zu Ende!" 
„Wir nicht — vielleicht — aber ich sollte Dir 
erzählen, wo ich war. Der alte Herr auf Schloß 
Tambach ließ mich rufen. Du weißt, an ihm ging 
der Fluch vorüber, aber sein einziger Sohn ist 
stumm. Das Geschlecht ruht auf den beiden Augen
	        

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