Full text: Hessenland (25.1911)

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leise schnarrenden Stimme, „und das Alter hat den 
Frrrühling gern." 
Natalie streift gedankenverloren über ihr rosa 
seidenes Kleid, in dem sie Onkel Kirchenrat so 
srühlingsmäßig erschienen und in dem sie auch 
Frau v. Keudell so gut gefallen hatte, diese meinte, 
ihr lächelnd ins Auge schauend „Natalie, Sie sehen 
ja aus wie eine Braut." 
Und nun ist sie in Wahrheit eine Braut. Wie 
herrlich das klingt — — doch der Klang dringt 
nicht recht in die Seele hinein — stille ist es in ihr. 
Wie war das alles so schnell gekommen? Ein 
kurzes Liebeswerben, und dann im Bann der 
fordernden Augen, als Antwort auf die drängende 
Frage ein leises Ja, das über ihr ganzes, künftiges 
Geschick entscheiden sollte. Versonnen schweift ihr 
Blick ringsum — sie denkt an die sonnige, wonnige 
Kinderzeit — — rückblickend schaut ihre Seele die 
Poesie jener vergangenen Tage. 
Sie sieht im Dämmerlicht des großen Parkes 
die weiße Dame, die sie mit den Brüdern zu Haschen 
sucht, und die, sobald sie sich ihr ganz nahe glauben, 
im Abendnebel plötzlich ihren Blicken entschwindet. 
Sie sieht sich vor dem in einem Seitenflügel des 
Schlosses gelegenen sogenannten Spukzimmer bange 
lauschend stehen, dem Zimmer, wo es vier Wochen 
vor Weihnachten so geheimnisvoll zu rumoren be 
ginnt und die von unsichtbarer Hand verschlossene 
Türe selbst dem kräftigen Drängen und Stoßen 
der Brüder nicht weichen will. Und Festtage waren 
es, wenn zuweilen der Rotenburger Hof nach Wan 
sried herüberkam. Gewaltig imponierten ihr die 
kleinen Prinzessinnen in den seinen, seidenen Kleidchen, 
was sie jedoch nicht hinderte, sich lustig mit ihnen 
in Schloß und Park herum zu tummeln. 
Ach, es wird ihr so schwer ums Herz, sie bangt 
vor dem neuen Abschnitt ihres Lebens. 
(Schluß folgt.) 
Aus Heimat und fremde. 
Hessischer Geschichtsverein. In der Sitzung 
des Marburger Vereins vom 4. April sprach Pfarrer 
Held mann über Landgraf Moritz und die 
Einführung der Verbesserungspunkte. Er 
erörterte einzelne Punkte des Versuches, den ein 
kalvinisch gesinnter selbstherrlicher Fürst zu Anfang 
des 17 Jahrhunderts in einer Zeit des starren 
Konsessionalismus machte, gewisse religiöse An 
schauungen und Gebräuche in allen seiner Herrschaft 
unterworfenen Landesteilen einzuführen. Das Unter 
nehmen war um so dornenvoller, als die An 
schauungen des Landgrafen dem strengen Luthertum 
der Universität Marburg, des Adels der Werra- 
landschast und zahlreicher Geistlicher entschieden 
widersprachen. Ihre Ausnötigung wurde von vielen 
Pfarrern mit Ausgabe des Pfarramtes beantwortet. 
Das Unternehmen des Landgrafen hatte politisch 
verhängnisvolle Folgen, weil sich damit entsprechend 
dem Testament des 1604 kinderlos verstorbenen 
lutherisch gesinnten Landgrafen Ludwig IV von 
Marburg für Moritz die Gefahr verband, seinen 
Anteil an der Beerbung des Oheims, in erster 
Linie Marburg, an den Vetter Landgraf Ludwig V. 
von Darmstadt zu verlieren. 
Hochschulnachrichten. Mit Ablauf des 
kommenden Sommer-Semesters wird Geheimrat 
Dr. Ludwig v. Sybel vom Lehramt zurücktreten. 
Professor v. Sybel, ein geborener Marburger, steht 
jetzt im 65. Lebensjahr und habilitierte sich 1872 
in Marburg. Fünf Jahre später wurde er Extra- 
ordinarius der klassischen Archäologie und 1888 
Ordinarius. — Privatdozent Dr. Hermann 
Jacobsohn in München hat einen Ruf nach 
Marburg als ordentlicher Professor für indo 
germanische Sprachwissenschaft angenommen. 
Sein 50jähriges Künstlerjubiläuin be 
ging am 13. April Hosrat Adolf Varena,der 
fast 20 Jahre lang als Direktor des Stadttheaters 
in Königsberg wirkt. Von 1864 bis 1877 ent 
faltete er eine reiche Tätigkeit an der Kasseler 
Hosbühne. 
Der Todestag des Versassungskämpfers und 
politischen Märtyrers Sylvester Jordan jährte 
sich am 15. April zum 50. Male. Sein imposantes 
Grabmal (abgebildet in Dr. Tesdorpfs Biographie 
von Jordans Tochter Henriette Keller-Jordan) steht 
aus dem Kasseler Friedhof. 
Todesfälle. Zu Weimar verstarb am 11, April 
53jährig der künstlerische Leiter der dortigen Hof 
bühne Jntendenzrat Hans Gelling (Hans 
Lingelbach). Er war zu Kassel als Sohn eines 
Malermeisters geboren und war nach Pollinis Heim 
gang Leiter des Hamburger Thalia-Theaters. Später 
war er Direktor des Stadltheaters in Essen, bis er 
dann nach Weimar als Oberregisieur berufen wurde. 
Am 12. April verschied nach langem Siechtum 
der in den weitesten Kreisen des Hessenlandes be 
kannte und hochgeschätzte frühere Direktor der 
Hessischen Landesversicherungsanstalt, Geh. Regie 
rungsrat Dr. jur. Ludwig Knorz, der das 
Schaffen seines ganzen Lebens seiner hessischen 
Heimat widmete. Zu Marburg als Sohn eines 
Obergerichtssekretärs 1847 geboren, war er, nach
	        

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