Full text: Hessenland (25.1911)

es war aber nicht wahr, denn ich habe sie nachher an 
niemand mehr gesehn. Ich war den Winter krank hu 
kamst jeden Tag um 11 Uhr zu mir (der einzige Mensch, 
der damals zu mir kam wofür ich dir hier noch einmal 
herzlich danke es rührt mich immer, wenn ich an meine 
damalige Lage denke, der Jakob war fort und ich ganz 
allein, still aber und genügsam, daß ich nie um weniger 
Gott gebeten habe und jede Kleinigkeit dein oder meiner 
Tante Kommen, oder ein Brief von Marburg mir eine 
grose Freude machte, die ich den ganzen Tag im Herzen 
hatte.) und hattest viel Noth mit deiner Rede, welche der 
Stadt drei Laternenpfähle (wenn du Abends die Zeitung 
zum Strieder 8 * 0 ) tragend und die Rede memorirend durch 
die Gaßen liefst) die du umgerannt [foftete]; eine Laterne 
die du weil wenn du etwas vergehen, du in das Manuscript 
blicktest, und mit deinem 5 eckigen Hut, der in C. für groß 
galt dich in die Höhe richtetest, abhubst; und eine arme 
Frau ihre Milch die du mit den Worten vestraque 
benevolentia adesse haud dedignemini zu Boden warfst. 
— Jetzt kam die Studentenzeit ein paar lederne Hosen, 
ein brauner Schanzläufer *) (ich hoffe du hast ihn ietzt nicht 
mehr wie vor '/» Jahr?) ein paar grüne lange Hosen, ein 
schwarzer Rock und ein brauner mit gelben Knöpfen (oder 
war der später?) war der reiche Ertrag. Wir fuhren 
zusammen in einer Chaise mit dem Malsburg'"), es war 
schlecht regnigt Wetter, ich hatte eine Nachtmütze auf und 
lag auf einem Kißen. Der Jakob aß alles Fleisch das 
wir hatten continuirlich auf. worüber ich mich heimlich 
ärgerte, weil ich dachte es blieb nichts für mich; auch brach 
von einem kleinen Glas der Henkel ab. In Marburg 
gingst du bei einem lahmen Flötenspieler zu wohnen, das 
poetischer lautet als es war. weil sämtliche Sinne, Gesicht, 
Gehör ja sogar die Nase unangenehmes von ihm erleiden 
mußten. Was flÄ in späterer Zeit gesehen, vergeht mir 
eher als das ältere und ich weiß von dieser ietzt wenig. 
Einse^ rothe Scharlach Unterweste die dem alten Schanz 
läufer einiges Aussetzn gab, und ein paar schwarz manchesterne 
Hosen stehn mir indeßen noch vor Augen, auch daß du 
8 ) Museumsdirektor und Bibliothekar in Kassel, Geh. 
Hvfrat. Über ihn äußert sich Wigand in seinen „Denk 
würdigkeiten" I. 492—501 ausführlich. 
*) Nach dem Deutschen Wörterbuch ein kurzer Oberrock 
von dickem Fries. 
I0 ) Vgl. Wigands „Denkwürdigkeiten" I. 256: „Die 
Reise nach Marburg machte ich mit den Brüdern Grimm, 
und mit Otto von der Malsburg, dem kleinen zierlichen, 
aber schwächlichen Freund, den wir das Kind nannten. 
Er war auch ein Freund der Lektüre und der Poesie, wie 
er später durch Herausgabe seiner Gedichte und verschiedene 
metrische Übersetzungen bewährt hat. Wir unterhielten 
uns während der Fahrt von literarischen Dingen, und 
Jakob, der ein Talent im raschen, deutlichen und un 
gekünstelten Vorlesen hatte, las uns Erzählungen in epischer 
Form aus einem mitgenommenen Taschenbuch vor. Das 
Anfangs die Stiefel mit schwarzen Bändern in die Höhe 
bandest. In Zukunft werd ich mehr wißen und will es 
dann der Vergeßenheit entreißen, doch muß ich noch einen 
grauen Oberrock mit Manchester Aufschlägen nennen, der 
bis in die neuere Zeit gereicht hat. 
Von der neuesten Zeit weiß ich nun gar nichts, kaum 
deine Titel richtig die ich der Reihe nach nennen will. 
6andidat,u8zuri8, Zeitungsschreiber. Prokurator krooureur, 
Friedensrichter (Jahr 1808) u. s. w. 
u. s. w. Dabei hast du ganz heimlich eine Liebschaft ge 
trieben, zwar dein Schwiegervater hat mirs einmal geklagt, 
daß er etwas merke von Küßen Flüstern u. dergl., eh er 
sich aber umwende seys vorbei, weil es immer auf der Seite 
geschehe, wo er nicht recht sehe- Der Amor ist daher hier 
nicht blind gewesen, sondern ein anderer. Ich kann dirs 
nun auch nicht verdenken, daß du so wenig zu uns kamst. — 
Ich lese den Brief durch und sehe wieviel ich vergessen 
habe zb. den Weißenstein den du einmal gebaut in deinem 
Garten, das Bücherlesen und dergl. von Belang. Doch 
holen wirs einmal mündlich nach. Ich wollte dir gern 
etwas von mir schreiben, wenn ich Lust und Papier dazu 
hätte, vielleicht tuts der Jakob, ders beßer weiß, da ich 
ihm alles geschrieben, was ich ietzt schon vergehen. Adieu 
Friedens Gericht. Deine Frau (grüß sie 1000 mal von 
mir) hält den Frieden und du das Gericht so ist es Recht. 
Leb wohl, schreib einmal, besuch uns bald, behalt mich lieb, 
und ich bin dein treuer Freund 
W. C. Grimm. 
Hast du schon den Wintergarten von Arnim gelesen 
ein gar schönes reiches Buch. Wenn nicht jährlich eine 
Edition von dir erscheint, so wende die Kosten dazu an. 
dir geistige Kinder zu kaufen, du wirst sehn wie viel wohl 
feiler die sind als die leiblichen. Geld ist der einzige rechte 
Maasstab des Werths. Wie schön! ein Kind von dir ist 
mehr werth als die besten Göthe Schiller Herder pp. 
die lange nicht so viel kosten selbst in einer Edition von 
Velin. 
(Schluß folgt.) 
langsame Fahren begünstigte das Vorlesen denn wir 
hatten einen Lohnkutscher, und ein solcher brauchte damals 
2 volle Tage um von Kassel nach Marburg zu fahren. 
Unser Kutscher fuhr daher zu Jesberg, welches ohngefehr 
die Mitte des Wegs war, ruhig vor das Wirthshaus, 
spannte aus und überließ uns für den langen Abend 
unsern Betrachtungen. — Die Ruinen der alten Burg 
Jesberg mit dem hohen Thurm erregten natürlich meine 
Aufmerksamkeit und Neugierde, und während die schwäch 
lichen Kameraden beim Thee fitzen blieben, begleitete mich 
der rüstige Jakob zur Ruine, und wir krochen durch ein 
enges, langes Loch in den Thurm, der aber weiter nichts 
Merkwürdiges uns both. — Am folgenden Abend kamen 
wir glücklich in Marburg an. wo mich mein lieber Freund 
Neuber, der mir in seinem Hause eine Wohnung gemietet 
hatte, fröhlich empfieng." 
Zur Erinnerung an Philipp Weinmeisler. 
Von Paul Weinmeister. 
(Schluß.) 
Mehr als zehn Jahre hatte Weinmeister zu Leipzig 
gelebt und gewirkt, da ward er plötzlich zu einem 
anderen Amte berufen. An der Forstakademie zu 
Tharandt war die Stelle eines Professors für Ma 
thematik und Physik frei geworden, und das Finanz 
ministerium. dem die Akademie untersteht, übertrug sie 
ihm auf Vorschlag des Geheimen Rates S ch l ö m i l ch. 
Als er am 1. Oktober 1883 nach Tharandt übersiedelte, 
zeigte sich in rührender Weise die dankbare Liebe 
seiner gegenwärtigen und früheren Schüler, die alle
	        

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