Full text: Hessenland (25.1911)

Seht blitzenden Auges und hoch den Stahl 
Und im Arm die Dirne, die bleich unb fahl 
Zu ihren Füßen den Jäger sieht, 
Dem der letzte Gdem schwerröchelnd entflieht. 
Eie reihen sie von ihm, schon ist er umringt, 
Dem der Schläger noch in der Rechten blinkt. 
Er wehrt sich wie rasend mit starkem Arm; 
Doch sie hängen sich an wie ein Wespenschwarm — 
Und bald ist das Spiel auch zu Ende geführt — 
Da steht er, wutschäumend, mit Stricken geschnürt, 
Umheult und beschimpft von der Vürgerschar, 
Die um sich selber voll Sorge und Schrecken war. 
„Des Kurfürsten Jäger - das tut nicht gut: 
Denn Blut, das fordert wieder Bült. 
Ulld lvir, lvir büßen es niit ohnmahen, 
Denn mit unserem Herrn ist nicht zu spaßen. 
Da kommt er schon selber - wer rief ihn so schnell? 
Nun sei Gott dir gnädig, du rascher Gesell." 
Und es teilt sich die Menge; der Fürst tritt ein, 
Auf dem Antlitz lvie zuckenden Wetterschein. 
Und er sieht seinen Jäger zu Boden gestreckt 
Ulld bcu andern, der dasteht, das Hallpt gereckt, 
Fm blitzenden Auge von Furcht nichts zu sehn - 
Scholare, dir lvird bald der Trotz vergehn. 
„Was ist hier geschehen? Wer fing den Streit an?" 
So herrscht er zum Echliltheih. „Fa, Herr, lver begann, 
Das — ja - mit Verlaub, ist schwer wohl zlt sagen - 
Uiil ein Dirillein natürlich hat man sich geschlagerl, 
Ein jeder sie hatte zilm Tanze begehrt - 
Der Student lvohl zuerst — doch da hat ihm verlvehrt 
Der Leibjäger Fritz das jungftische Blut 
Ulld zog seine Wehre - der mld're voll Wllt 
Ging allch lilit der Plempe gleich auf ihn los 
Ulld Hieb und Hieb und Stotz um Stoß - 
Und da — nun ja, da war's schon geschehn, 
Wie Kurfürsten Gnaden ja selber sehn. 
Wir sind ganz unschuldig, Herr, wollet's bedenken, 
Und Eure Huld ilns mich ferner schenken." 
Da sieht sich der Fürst erst an deil Scholareil, 
Und er zuckt zusammen - vor vielen Fahreil, 
Da hat er zlvei Augen lvie diese gesehn, 
Die seitdem ihin noch in der Seele stehn. 
„Seid ihr wohl von Nürnberg?" „Falvohl, glüidger Herr." 
„Wie heißt eure Mlltter? Fhr gleicht ihr lvohl sehr?" 
„Meine Mutter ist tot, hab' Kanin sie gekannt 
Doch stanlmte sie hier aus dem Neckarland." 
Der Fürst atmet schlver. — „Es ist ihr Sohn, 
Die einst mir geschenkt süßer Minne Lohn. 
Wie hat sie geweint, als ich sie verlieh, 
Doch weher noch brennt zur Stunde mir dies, 
Daß ich ihr soll richten den eigenen Sohn, 
Das ist schnöder Tat vergeltender Lohn. 
Und doch - so heischt's die gebietende Pflicht- 
Das Recht über alles! Doch leicht wird nlir's nicht. — 
Dir sei zur Beichte noch Zeit vergönnt, 
Bis nlorgen zur Mette die Frühglocke tönt, 
Dann soll dich der Freimann am Halse büßen, 
Wer Blut vergoß, des Blut soll wieder fliehen." 
Er hat es gesagt - sie stehen gebannt — 
Das blasse Mägdlein hebt flehend die Hand 
Und ist vor dem Fürsten zu Boden geglitten, 
Doch der ist klirrend hinausgeschritten. — 
Eie führen ihn fort in ihrer Mitt, 
Der auch jetzt noch geht mit stolzem Schritt, 
Und scheu lvie vor einer verseuchten Leichen 
Sie vor dem Dirnlein zur Seite weichen; 
Das keinem doch ein Leides gefügt 
Und wimmernd allein nun am Boden liegt. 
„Wenn die Frühglocke tönt — weh — die Frist ist knapp, 
Denn schon naht der Abend, dann tun sie ihn ab. 
Und wenn sie nicht tönt — könnt' ein Wunder es lenken, 
Dann müht' ihn Gtt Heinrich zurück mir schenken." 
Und schon hat sie vom Boden sich aufgerafft 
Und schnellt zur Höh', alle Glieder gestrafft, 
Und schon fliegt sie zur Kirche, zum offenen Turm 
Und die Stiege hinauf, wie getragen vom Sturm, 
Und die Leitern, die langen, schier ohne Ende - 
„Gib Gott, daß die Falltür noch offen stände!" — 
Und sie findet sie offen, und da sind die Glocken — 
Fhr bleibt vor Erregung der Atem stocken — 
Bald die mittlere Glocke beginnt sich zu regen 
Und läutet hinaus nun den Abendsegen. 
Das Angelus domini dieselbe singt, 
Von der auch morgens die Mette erklingt. 
Sie betet den Segen aus Herzensgrund; 
Doch knllm verstummt der eherne Mllnd, 
Da hat sie das Röcklein schon abgestreift, 
Schnell hin zlir mittleren Glocke sie läuft. 
Und eins - zwei — drei — um den Klöppel sie wand 
Den wollenen Rock fest mit dem Schürzenband, 
Dann sinkt sie nieder und faltet die Hände: 
„G Herr, führe alles zum guten Ende 
Und rette ihn, dem nur ob Minnepflicht 
Der Freimann wohl morgen den Sündcrstab bricht." 
Und sic kauert sich nieder — sic kann nicht hinaus - 
Zum ADgelus schließt man das Gotteshaus. 
Und Stunde um Stunde vörüberrinnt, 
Und qualvoll sie harrt, und zitternd sie sinnt — 
Da frühlichtet's schon im Dämmerschcin, 
Sie höret unten schon Lärmen und Schrein 
Und Kettengerasscl, Kommandowort: 
„Allmächtiger Himmel, sie führen ihil fort, 
Und wenn sie ihm dennoch den Tod bereiten 
Und warten nicht auf das Glockenläuten?" - 
Da regt sich der Strick, und die Glocke schwingt, 
Und der Klöppel schlägt an, doch kein Ton erklingt, 
Und stärker zerrt man am Glockenstrang — 
Doch immer noch kein Läuten klang. 
Da hört sie Laufen und angstvollen Schrei: 
„Alle guten Geister! 's ist Hererei!"
	        

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