Full text: Hessenland (24.1910)

9'tK'. 364 vm, 
In dieser Nacht fegte der Herbststurm über die 
Dächer, und es regnete, als ob alle Schleusen des 
Himmels geöffnet wären. 
Wieder saß Elvira im Sessel am Fenster. Sie 
lauschte auf das Stöhnen und Schluchzen der Herbst 
nacht, und es fiel ihr schwerer als sonst, den reinen 
Ton herauszuhören, der vom wiederkehrenden Früh 
ling singt. 
Aus aller und neuer Zeit. 
Kostbares Porzellan. In Rudolph Lepkes 
Kunstauktionshaus in Berlin wurde kürzlich die 
berühmte Porzellansammlung Karl Jourdan aus 
Frankfurt a. M. versteigert und hatte einen ge 
waltigen Zulauf sowie enorme Preise zur Folge, 
viele Museumsdirektoren, namentlich aus Süddeutsch, 
land, und die ersten Kunsthändler hatten sich eiu- 
gesunden. Dominierend trat Kaffel durch den Hos- 
antiquar Max Cramer in den Vordergrund, der 
sich am Ankauf sehr lebhaft beteiligte und hohe 
Preise bezahlte. So erwarb Herr Cramer unter 
vielem anderen eine reizende kleine Kindergruppe, 
Türke und Türkin in zärtlicher Umarmung, 18 cm 
hoch, für 6160 Mark, ein kleines Mädchen mit 
einem Blumenkorb und eine Schäsergruppe, beide 
19 cm hoch, für 6265 Mark, Höchster Erzeugnisse 
aus der dritten Periode des Johann Peter Melchior 
(1766—1778). Ein Fuldaer Kaffee- und Teeservice, 
mit Landschaften sein bemalt, brachte 3500 Mark, 
drei Vasen mit Blumenstilleben 1330 Mark, ein 
Schreibzeug mit Streublumen und Kaffeeservice mit 
Vergißmeinnichtkränzchen 1100 Mark. — Diese 
ganze, durch die Qualität ihrer Porzellane hervor- 
ragende Sammlung umfaßte 550 Porzellane und 
etwas mehr als 200 Stück an Fayencen und Stein- 
zeug. Bekanntlich birgt auch Schloß Wilhelms- 
t a l eine reiche Fülle schöner Keramik, die im stil 
vollen Rokokorahmen der gesamten Einrichtung dieses 
einsamen Fürstensitzes so recht in ihrer Eigenart 
und Grazie zur Geltung kommt. Von Landgraf 
Wilhelm VIII. angelegt, wuchs die Wilhelmstaler 
Porzellansammlung unter seinen Nachfolgern außer 
ordentlich an, indem zu den ersten Erwerbungen 
von ostasiatischen Erzeugnissen, die der kluge Fürst 
während seines Aufenthalts in Holland gemacht 
hatte, vorzugsweise Erzeugniffe der Alt-Meißener, 
der Fuldaer und der Alt-Berliner Manufaktur hinzu- 
traten. Aus Kändlers Zeit, unter deffen Leitung sich 
die Meißener Porzellanmanusaktur um 1736 zu 
ihrer höchsten Blüte entfaltete, sind eine große Anzahl 
entzückender Gruppen und Figuren zu erwähnen. 
Wer die Erzeugnisse der ehemaligen Fuldaer bischöf 
lichen Manufaktur studieren will, der hat in Wilhelms 
tal, das neben der Sammlung des Kaffeler Museums 
und derjenigen des Erbmarschalls Freiherrn Ried- 
esel zu Eisenbach die besten und meisten Stücke 
enthalten dürste, die beste Gelegenheit. Er findet 
dort die berühmte Gruppe der 16 kleinen Musikanten, 
die durch Modellierung, Mannigfaltigkeit der Stel 
lungen und zarten Farbenschmelz gleich ausgezeichnet 
ist und wohl zu den bedeutendsten Rokokoschöpsungen 
zählt. 
Sonntagabend in einem Rhöndorfe. 
Ans der Rhön sendet ein Leser der „Franks. Ztg." 
folgendes Stimmungsbild : Flocke aus Flocke rieselt 
hernieder. Weiß ist die Dorsstraße. Wir treten 
aus der Dorsgaststube heraus und wollen heimwärts 
ziehen. Da ruft es volltönend vom Kirchturm: 
Bim bam, bim bam! Männer, Bauern mit glattem, 
ernstem Gesicht, das Gesangbuch in der Hand, 
Frauen in schwarzem Mantel und Kopftuch folgen 
dem ehernen Ruf der Glocke. Eine friedevolle, 
weltentrückte Stimmung liegt über dem stillen Dorfe 
im Schnee unter dem Glockenklange. Und diese 
Stimmung ergreift uns. Ehe wir es gedacht, sind 
wir drei, keine Kirchgangschristen, in dem weit in das 
Land hineinschauenden Befestigungskirchlein. Durch 
das finstere burgähnliche Tor, inmitten hoher trotziger 
Mauern dringt Lichterglanz! Aber nicht wie in der 
Stadt. Weicher, milder, leichtflackernder Lichterglanz, 
aus jeder Kirchbank mehrere dreiarmige Leuchter, von 
der Decke ein rundes Rad mit vielen, vielen Lichtern 
und grüne Mooskränze an der Wand. Wirkungs 
volle Stimmung. Im Abendglanz der Lichter ahnt 
man den Morgenglanz der Ewigkeit.... Keine 
schaut hier, was Frau Schulze für einen Hut auf 
hat. Alte, weißhaarige Männer stehen während 
der Predigt. „Draußen fällt Schnee auf Schnee," 
tönt des Pfarrers Stimme, „und ein Wanderer 
geht über euere weite Hut; er dreht sich um und 
sieht seine Spur scharf im Schnee. Und nach einer 
Stunde nichts mehr davon. So sieht man deine 
Spur im Leben, so ist deine Spur im Leben nach 
einer kleinen Weile verweht. . ." Und dann gehen 
schwerfällig, ^vie in der Furche des Ackers hinterm 
erdschneidenden Pfluge, die Männer des werktätigen 
Lebens, die Frauen zum Mahle des Herrn.... 
Draußen wird das weiße Tuch dichter und dichter. 
Wir schreiten auf der stillen Landstraße dahin und 
fühlen dankbar die geweihte Stunde noch einmal 
an uns vorüberziehn....
	        

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