Full text: Hessenland (24.1910)

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die Düffeldorser Akademie auf, wo aber Schadow 
für die Begabung des jungen Künstlers kein Ver- 
ständnis hatte, so daß dieser die Akademie nach 
kaum drei Jahren wieder verließ. Er faßte den 
Plan, zunächst aus dem Lande nach der Natur zu 
malen. Ein Genrebild des Düsseldorfers Dielmann, 
das Willingshäuser Bauernmädchen in einer Schmiede 
darstellte, und auch der Rat des damals sehr ge 
schätzten Bauernmalers Becker in Frankfurt ver- 
anlaßten ihn, 1848 nach Willingshausen überzusiedeln, 
wo er ein halbes Jahr hindurch zahlreiche Studien 
nach dem Leben malte. Mit seinem ersten figuren- 
reichen Gemälde, dem „Bauerntanz unter der Linde", 
trat er bereits 1849 in Düsseldorf hervor und erregte 
damit größtes Aufsehen. Wenige Jahre später, im 
September 1852, machte ein weiteres Bild, „Leichen 
begängnis im Walde", auf der großen akademischen 
Kunstausstellung zu Berlin starken Eindruck und machte 
ihn zum berühmten Manne. Knaus ging nun nach 
Paris, wo er acht Jahre lang neue Eindrücke sammelte 
und nach seinen mitgebrachten Studienmappen eine 
Reihe bedeutender Gemälde schuf. Sein „Morgen 
nach der Kirmes", den er 1853 im „Salon" 
ausstellte, wurde ein bewundertes Stück der Aus 
stellung. Wie sehr Knaus von den Franzosen, auf 
deren Kunst er seinerzeit auch nachhaltigen Einfluß 
ausübte, bewundert wurde, mag ein Wort des da 
mals (1855) einflußreichen Kritikers Edmond About 
zeigen „Tont le talent de l’Allemagne est contenu 
dans la personne de M. Knaus. L’Allemagne 
habite donc rue de l’Arcade k Paris.“ Von Paris 
kehrte der bereits weltberühmte Meister, um dessen 
Skizzen man sich riß, nach Wiesbaden zurück; 1862 
siedelte er nach Berlin und von dort 1867 nach 
Düffeldorf über, wo er sich ein Heim baute. Im 
Jahre 1874 wurde ihm ein Meisteratelier der re 
organisierten Berliner Kunstakademie übertragen. 
Schon nach wenigen Jahren gab er dieses Amt 
wieder auf, blieb aber fortab dauernd in Berlin, 
wo er denn auch durch Herzschlag aus dem Leben 
schied. Keine Krankheit verdüsterte seine letzten 
Tage. Noch vor vier Wochen schrieb er Herrn 
Metropolitan Riebeling in Kassel, daß seine Schaffens 
freudigkeit jetzt größer sei als in den letzten Jahren, 
und so hat er denn auch noch am Vormittag seines 
Todestages in seinem Atelier besonders fleißig ge 
arbeitet. Groß waren die Ehren, die noch dem 
Verstorbenen zu Teil wurden. Nach einer erhebenden 
Trauerfeier in der Akademie der bildenden Künste 
bewegte sich ein langer Trauerzug durch das (sonst 
nur der kaiserlichen Familie vorbehaltene) Haupt 
portal des Brandenburger Tores nach Dahlem, bei 
dessen alter Kirche der Meister beigesetzt zu werden 
gewünscht hatte. Um halb vier Uhr begann die 
Glocke der kleinen Dorskirche zu läuten. Gleich 
zeitig sah man im grauen Dezember rote Feuer 
aufblitzen. Die Studierenden der Kunsthochschule 
zogen, in wallende schwarze Staubmäntel gehüllt, 
mit lodernden Pechfackeln langsam in den Friedhof 
ein und nahmen an der Wand im Hintergrund des 
Grabes, deren Pfeiler weithin leuchtende Fanale 
trugen, in langer Reihe Aufstellung. Der schwere 
dunkle Rauch der Fackeln und Leuchtfeuer verfinsterte 
den trüben Tag noch mehr, so daß es hier, im 
gespenstischen Feuerschein am offenen Grabe, schon 
Abend geworden war, während es drüben, vor der 
Kirche, erst zu dämmern begann. — 
Das Genrebild ist durch die Schuld zahlreicher 
nüchterner und handwerksmäßiger Vertreter dieser 
Gattung in Mißkredit gekommen. Wir fragen heute 
mehr nach dem „wie" als nach dem „was" der 
Darstellung. Knaus wußte beides meisterhaft zu 
vereinen. Der bei ihm fast durchweg klar aus 
geführte dramatische Gedanke war es, der die Massen 
anzog, während sein technisches Können, die vollendete 
Ausführung des Details auch den Fachgenoffen 
imponierte. Mit sicherem Blick hat er frühzeitig 
sein Können richtig eingeschätzt. Wie sein Kunst- 
genoffe Adriaen van Ostade, deffen 400. Geburts 
tag drei Tage vor Knaus’ Hinscheiden in Haarlem 
festlich begangen wurde und von dem auch unsere 
Kasseler Galerie drei prächtige Stücke besitzt, hat 
er der Wiedergabe des Bauernlebens einen großen 
Teil seiner schöpferischen Kraft gewidmet. „Dem 
von mir hochverehrten großen Meister, deffen seines 
Empfinden für die Volks- und Kinderseele seinen 
Werken ein so herzgewinnendes Gepräge gibt und 
dessen Kunst das deutsche Gemüt allezeit sympathisch 
berühren wird, werde ich mit dem deutschen Volke 
stets ein freundliches und dankbares Andenken be 
wahren." So schrieb der deutsche Kaiser der Witwe 
des Verstorbenen und gab damit auch dem Empfinden 
des Volkes Ausdruck. 
Daß des Meisters Ruhm mittelbar und unmittel' 
bar seinen Ausgang von Willingshausen nahm, ist 
uns Heffen eine besondere Freude. Im Sommer 
1909, kurz vor seinem 80. Geburtstag, an dem er 
auch zum Ehrendoktor der Universität Marburg 
ernannt wurde, schrieb Knaus selbst der Willings 
häuser Künstlerchronik einen Beitrag, aus dem 
folgendes hergesetzt fei; 
„Es war um das Jahr 1848, als ich in Düsieldorf 
die Akademie verließ, die ich seit 1845 besucht hatte. In 
der Schar der jüngeren Künstler war in dieser Zeit, als 
alles drunter und drüber ging, eine allgemeine Halt- und 
Ratlosigkeit eingeristen; gemalt wurde nicht mehr, alles 
Kunstintereste war verschwunden. Ich verkehrte damals viel 
mit meinem Freunde Adolf Schreyer aus Frankfurt a. M.. 
und wir beide kamen eines Tages überein, aus Düsteldorf 
zu flüchten und nach dem Vorgänge Jak. Beckers und 
Dielmanns eine Studienfahrt nach der Schwalm zu unter 
nehmen. Wir schoben mit unseren bepackten Ranzen von
	        

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