Full text: Hessenland (24.1910)

vmtL 344 
„Es wird die Hand des Arztes gewesen sein, 
vielleicht auch die meine/' 
„Nein, nein," wehrte er ungeduldig, „es war eine 
andere Hand, eine Hand, die mir einst den Himmel 
gab, Robert, — es war das nur eine Fiebervision 
— ich weiß es — aber sie machte mich glücklich 
— unaussprechlich glücklich!" 
Und dann sank er zurück in den Stuhl und schloß 
die Augen. 
„Clarisse" — hauchte ich leise — „war sie es, 
Bruno?" 
Seine Brust hob sich heftig, sein Atem stockte. — 
Mich überfiel eine tödliche Angst, — ich hätte 
den Namen nicht nennen sollen — jetzt noch nicht. 
„Robert — höre mich" — stöhnte er endlich, „ich 
habe sie niemals verstanden, ich wollte erstürmen, 
was ein Weib wie sie sich nicht abtrotzen läßt, aber 
dennoch, ich habe sie geliebt — grenzenlos!" 
„Du hast Deine Kunst, Bruno," suchte ich ihn 
zu beruhigen — „sie ersetzt so Vieles — ich weiß 
es gewiß." 
„Meine Kunst, freilich, meine Kunst wie 
diese seltene Frau sie verstand und liebte!" 
„Du mußt Dich zusammennehmen um ihretwillen, 
Bruno." 
„Um ihretwillen," wiederholte er leise, „ja!" 
Und dann sagte er lange Zeit nichts mehr und 
sah hinüber zu den Firnen der Berge, die im Sonnen 
golde glänzten. Ich betrachtete ihn mit zärtlicher, 
sorgender Liebe, ich hatte ihn niemals so hinfällig 
und ergeben gekannt. Ein tiefes Mitleid erfaßte 
mich. 
„Es ist schön hier, Bruno," sagte ich, seine Hand 
ergreifend. 
„Ja, schöner als irgendwo sonst in der Welt", 
seufzte er. „Madame Dijon muß eine gescheite Frau 
sein, schon weil sie diesen Platz gefunden hat." 
„Hast Du die Absicht, den Sommer hier zu ver- 
weilen?" fragte ich ihn, als er abermals schwieg. 
Er wurde unruhig und sah mir ängstlich ins 
Gesicht. 
„Nein, Robert, nein, ich will fort, sobald als 
möglich, ich muß zu ihr!" 
„Zu ihr — zu Clarisse?" 
„Zu ihr — ja zu ihr —" und dann starrte 
er, plötzlich stumm geworden, als gewahre er eine 
Erscheinung, an die gegenüberliegende Wand des 
Zimmers. 
Die grünseidene Portiere war auseinandergeschoben; 
an ihre Falten geschmiegt stand, in lichtem Sommer 
kleide, Clarisse Finke! 
Bor meinen Augen wurde es dunkel — ich sah 
noch, wie die schöne Frau am Boden kauerte zu 
seinen Füßen und wie Brunos Finger in ihren 
Locken zitterten, die sich an seine Kniee schmiegten. 
„Robert, bleib, geh nicht fort. O dieses Glück, 
es mußte erst erkauft werden — es fällt nicht un 
bezahlt in den Schoß der Sterblichen, bleib!" 
Clarisse richtete sich langsam in die Höhe, ihr 
Antlitz war blaß und von Tränen gebadet, aber 
Bruno ergriff ihre Hände, als könne sie ihm noch 
einmal entfliehen, und sah angstgequält, flehend in ihr 
Gesicht. Ihre Augen tauchten ineinander, lange und 
tief. Keine Erdenmacht konnte sie mehr trennen. —- 
Ich aber, ich schlich mich leise aus dem Gemach 
hinunter in den Park. Der Hollunder blühte, die 
Rosen dufteten, die ganze Welt atmete Liebe. 
Hinter den Bergesfirnen versank die Sonne und 
vergoldete mit ihren letzten Strahlen die Fenster 
des Schlosses. Oben standen, der Welt entrückt, 
eng verschlungen, Bruno und Clarisse. 
-X -X 
* 
Schlußbemerkungen des Herausgebers. 
Im Anschluß an die Vorbemerkungen in Nr. 12 dieses. 
Jahrgangs mögen noch einige weitere Aufschlüsse über 
„Clarisse Finke" folgen: 
Die Dichterin selbst erwähnt in ihrer umfangreichen, 
als Manuskript zurückgelassenen Autobiographie, die den 
Titel „Aus meinem Leben" trägt und sich im Besitze 
des Unterzeichneten befindet, die Novelle „Clariffe Finke" 
als eine Arbeit, „deren Stoff" sie lange mit sich .herum 
getragen" und für den sie sich „ganz besonders interessiert" 
habe. 
Tatsächlich wurde ihr die erste Anregung zu deren 
Problem bereits vor vielen Jahren durch das Gedicht 
Gustavs Adolfo Becquer'8: „Der Sturmwind — Du, und 
ich die hohe Feste" zu teil. Frau Keller-Jordan hatte 
dies Gedicht 1887 in Mexiko kennen gelernt, wo sie damals 
bei ihrem Sohne Richard Jordan acht Monate lang zu 
Besuch war. Aber erst nachdem sie 1890 in München 
durch den Unterzeichneten in den persönlichen Besitz einer 
spanischen Ausgabe der Werke Becquers gelangt war und 
sich eingehend in die gedankenvollen Poefieen dieses hervor 
ragenden spanischen Lyrikers vertieft hatte, reiste in ihr 
die Idee, genannte 41. Rima novellistisch zu verwerten. 
Den beiderseitigen Stolz und die scheinbare Unbeugsamkeit 
zweier Liebender durch innere Konflikte und äußere Schicksale 
zu läutern und schließlich in aufopfernde gegenseitige Hin 
gebung zu verwandeln, war der Borwurf. den sie sich für 
ihre Novelle stellte. Sie veranlaßte zunächst ihren Sohn 
Richard, auch die erwähnte 41. Rima in deutschen Versen 
wiederzugeben. Diese-'Übersetzung nahm sie wörtlich in 
den Text von „Clariffe Finke" auf. Das Problem der 
Novelle geht, wie eine Vergleichung,, mit dem Becquerfchen 
Gedichte zeigt, weit über den Rahtnen dieser Rima hinaus 
und ist von der Dichterin überdies in durchaus selbständiger 
Weise gestaltet und verarbeitet worden. 
Das besondere Jntereffe, das sie seit ihrem vorübergehenden 
Aufenthalte in München im Frühjahr 1885 für das Leben 
und Schaffen einer Reihe dortiger Künstler gewonnen hatte, 
der rege persönliche Verkehr, den sie seit ihrer 1886 nach 
München erfolgten Übersiedelung hier mit hervorragenden 
Malern unterhielt, spiegeln sich in der Novelle .Clariffe 
Finke" wieder. Es ist für daS feine künstlerische Urteil 
der Dichterin bezeichnend, daß sie bei der Schilderung des 
Gemäldes, das die entscheidende Wendung im Liebesleben 
ClariffeS und Bruno Keltrns herbeiführt, den eigenartigen 
Maler Henner und seine weichen, ausdrucksvollen Frauen»
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.