Full text: Hessenland (24.1910)

339 S««L- 
während französische Kolonnen an Hanau und 
direkt über Wilhelmsbad nach Frankfurt a. M. 
vorüber, während im Osten an der Lambohbrücke 
der Kampf von neuem entbrannte. 
Napoleon leitete auch diesen Kampf vom Lamboy 
wald aus, woselbst er in der Nacht auf den 31. 
Oktober sein Zeltlager hatte aufschlagen lassen. 
Gegen 8 Uhr vormittags vollzog sich hier ein 
immerhin bemerkenswerter Zwischenfall. Er ließ 
nämlich den Präfekt von Hanau vor sich bescheiden, 
sagte ihm u. a. „er habe die Absicht gehabt die 
Hälfte der Stadt nieder brennen zu lassen, um sie 
für den Jubel beim Empfang der Verbündeten 
und für die schlechte Behandlung der Gefangenen 
zu züchtigen." 
Auf Vorhalten des Präfekten, daß sowohl von 
den Behörden, wie von den Bewohnern der Stadt 
den Franzosen stets eine gastliche Behandlung zuteil 
geworden sei, was von dem anwesenden, orts 
kundigen Marschall Angereau auf Befragen bestätigt 
wurde, erwiderte er: „Schon gut, ich weiß, daß 
die Behörden rechtlich handeln, die Bürgerschaft 
besteht aber aus.Gesindel, das zu Unruhen geneigt 
ist. Und so mag die Strafe für diesmal genügen. 
Jetzt lasse ich die Stadt unter dem Joche der 
Kosaken, ändert sie ihr Betragen nicht, so werde 
ich sie seinerzeit noch stärker züchtigen." 
Unterdessen war ein Adjutant erschienen, der 
die Meldung von dem Einrücken der Bayern in 
Frankfurt a. M. brachte. Nachdem auf diese Mel 
dung hin Napoleon entsprechende Befehle erlaßen 
hatte, wurde der Präfekt mit seinen Begleitern 
entlassen. Kurze Zeit darauf, gegen 11 Uhr, zog 
auch Napoleon mit seinen Garden nach Frank 
furt a.M. ab, nachdem er noch vorher dem Marschall 
Marmont den Oberbefehl übergeben und ihm ein 
geschärft hatte, die Bayern in ihrer Stellung auf 
zurollen und in den Main zu werfen. 
Diese Anordnung hat sich aber nicht verwirklichen 
lassen. Die Franzosen eroberten zwar nach tapferer 
Gegenwehr die Lamboybrücke und drängten auch 
den rechten Flügel*) der Verbündeten beträchtlich 
zurück. Die Bayern ließen sich aber nicht in den 
Main werfen, sondern gingen sehr bald zu einem 
entschlosienen Gegenangriff über, so daß die Fran 
zosen zurückgeworfen wurden. Die Brücke aber, 
die bei diesem Kampf in Brand geriet, behaupteten 
sie bis zum späten Abend. Nunmehr entspann 
sich ein heftiger Artilleriekampf, der für die Ver 
bündeten offenbar vorteilhafter ausgefallen wäre, 
*) Heilmann nimmt im Gegensatz zu allen anderen 
Berichterstattern, worunter fich auch ein Augenzeuge be 
findet, an, daß die Franzosen an diesem Tag auf dem rechten 
Kinzigufer geblieben feien und keineswegs den rechten Flügel 
der Verbündeten zurückgedrängt hätten! 
wenn sie ihre gesamte Artillerie hätten ver 
wenden können, es war dieses aber nicht möglich, 
weil die so sehnlichst erwartete Munitionskolonne 
immer noch nicht eingetroffen war. Erst 3 Tage 
später hat sie sich mit dem Korps wieder vereinigen 
können. 
Während dessen hatte es auch die Besatzung 
von Hanau nicht unterlassen, uus dem Stein- 
heimer Tor Ausfälle zu machen, die aber vom 
linken Flügel der Verbündeten entschlossen zurück 
gewiesen wurden. 
Etwa zwei Stunden nach betn Abmarsch Napoleons 
wurde das Marmontsche von dem Bertrandschen 
Korps abgelöst. Jenes marschierte alsbald nach 
Frankfurt a. M. ab, während dieses zur Beobachtung 
der Verbündeten bzw. zum Schutze der Heerstraße 
zurückblieb und zu dem Zweck die Lamboybrücke, 
bzw. das rechtsseitige Talgelände daselbst durch die 
Division Guilleminot besetzen und gegenüber von 
Hanau, an dem Bruchköbeler Landweg die Division 
Morand als Reserve aufstellen ließ. In Hanau 
verblieb die italienische Division Fontanelle und 
ein Chasseur-Regiment. 
Wrede glaubte, nachdem nunmehr größere 
Massen des Feindes in der Richtung nach Frank 
furt a. M. abgezogen waren, daß der Augenblick 
gekommen sei, um die am frühen Morgen aufgegebene 
Stadt wieder erobern und den ihm noch gegenüber 
stehenden Feind von den bereits vorausgegangenen 
Haupttrupps abschneiden zu können. Er befahl 
deshalb gegen 3 Uhr nachmittags den Angriff 
nicht nur auf die Stadt, sondern auch auf die 
Lamboybrücke, setzte sich selbst an die Spitze der 
für ersteren Zweck bestimmten Angriffskolonne und 
erstürmte das Nürnberger Tor. Die Eroberung 
der Stadt im übrigen war nur das Werk einer 
verhältnismäßig kurzen Zeit. Man nahm nun 
auch nach tapferer Gegenwehr die brennende, sowie 
fortwährend unter feindlichem Artilleriefeuer stehende 
Vorstadt, und nun galt es nur noch, die in Feindes 
gewalt gebliebene Kinzigbrücke zu nehmen. Zu 
dem Zweck setzte sich Wrede wieder an die Spitze 
der Stürmenden, jagte die Besatzung der linken 
Uferseite zurück, wurde aber, als er kaum die Brücken 
bahn betreten hatte, durch eine Gewehrkugel so schwer 
verwundet, daß er zurückgetragen werden mußte. 
Die hierdurch entstandene Stockung benutzten die 
Franzosen, um den hölzernen Teil der Brücke in 
Brand zu setzen, so daß an ein weiteres Vorgehen 
vorerst nicht zu denken war. Nur die wackeren 
Szekler Husaren setzten entschlossen durch die Kinzig, 
trafen aber auf Widerstände, die zu bewältigen 
sie zu schwach waren. 
Den Oberbefehl hatte unterdessen der öster 
reichische Feldmarschalleutnant Baron Fresnel über-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.