Full text: Hessenland (24.1910)

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ordnet. Für sein bedeütendsteS Meisterwerk halte 
ich das Bild eines Unbekannten, dessen herabhängende 
Hand eine Schreibfeder hält. Wie belebt erscheint 
diese Hand und wie reich ist die koloristische Schön- 
heit dieses Bildes bei aller Breite und Leichtigkeit 
der malerischen Mache! 
Wirkommen nun zu Wilhelm Nah! (1803 bis 
1880), dem Sohne Johann August Nahls des 
Jüngeren. Er war bislang am wenigsten anerkannt. 
Man hat geglaubt, ihn ganz und gar als einen 
schwächlichen Epigonen abtun zu können, der seine 
Lebensaufgabe nur darin erblickt hätte, das klasfi- 
zistische Erbe seines Vaters zu hüten. Er war 
gewiß ein wunderlicher Einsiedler, aber seine Zeit 
ist doch nicht so spurlos an ihm vorübergegangen, 
wie man seither behauptet hat. Die Ausstellung 
führt uns notwendig dazu, das Urteil einer früheren 
Generation zu revidieren. Da ist zunächst ein Selbst 
bildnis Wilhelm Nahls, das nach seinem Pariser 
Studienaufenthalt in Kassel entstanden ist. Das 
ist nicht nur ein zeit- und kostümgeschichtlich inter- 
essantes Dokument, sondern ein Stück echt realistischer 
Malerei, die der Natur bis in die letzten, unschein 
barsten Einzelheiten gefolgt ist. Dann das Porträt 
einer Freundin. Das rote Gewand ist als eine 
fast unmodellierte Fläche ins BUd gesetzt. Das ist 
nicht die Arbeit eines schwächlichen Epigonen. In 
dieser Einfachheit und Energie kündigt sich schon 
eine neue Richtung der Malerei an. Und gerades 
wegs in die Gegenwart, in die Kunst der heutigen 
Stimmungslandfchaft hinein deutet Wilhelm Nahls 
„Brüderkirche". Das Bildchen kann in einer mo 
dernen Ausstellung hängen und wird nur auffallen, 
weil es gut gemalt ist, nicht weil es andere Ten- 
denzen als die ganz modernen zeigt, einen Winkel 
der Natur nicht in Linien, sondern in zusammen 
hängenden farbigen Flächen zusehen undwiederzugeben. 
Die gleiche Anschauung gibt sich übrigens — wenn 
auch nicht so meisterlich und konsequent — bei einigen 
Studien der Nahl-Schule zu erkennen. Aus 
all dem vorhin Gesagten aber ersehen wir, daß 
eine schöpferische Kraft in Wilhelm Naht nach 
selbständigem Ausdruck rang, daß der Künstler, un 
abhängig von seinem Vater, Eigenes zu sagen hatte 
und der Entwickelung der Malerei seiner Zeit nicht 
fremd und ablehnend gegenübergestanden haben kann. 
Die Nachfolgenden au- dem Geschlechte der Nahls, 
die Maler Kurt und Arthur Nahl, haben 
— soweit diese Ausstellung erkennen läßt — nichts 
mehr geschaffen, was bedeutend genug wäre, sie dem 
bisher auffallend verkannten Wilhelm Nahl an die 
Seite zu stellen. 
Ioh. Aug. Nahls -es Altere« Grabmal von Htndelbank 
im Urteil -er Zettgenoffen. 
Bon vr. Hans Legband. 
Nicht alle Familien, in denen künstlerische oder 
sonstige geistige Begabung sich durch mehrere Ge 
schlechter hindurch vererbt, zeigen die schöne Ent 
wicklung, daß sich im letzten ihrer begabten Glieder 
die geistige Kraft noch einmal zu besonderer Höhe 
erhett. Auch die Familie Nahl gehört nicht dazu: 
Die Väter waren tüchtige, den Durchschnitt über 
ragende Künstler, die Söhne Epigonen, die nicht 
viel eigenes mehr leisten konnten, vom Rllhm der 
Väter zehrten und die künstlerische Begabung mit 
sich ins Grab nahmen. Die Werke der Nahl zeugen 
von dieser gleich im Anfang hohen, sich eine Zeit 
lang auf der Höhe haltenden, dann aber absteigenden 
Linie. 
Gleich der erste namhafte Sproß der Familie, 
Johann August Nahl der Ältere, hatte in seinen 
besten Jahren, schon bevor er die für die hessische 
Kunstgeschichte sd wichtigen Werke von Kaffel und 
Wilhelmsthal schuf, durch ein einziges Weick, das 
Grabmal von Hindelbank, die Bewunderung seiner 
Zeitgenoffen errungen. So einstimmig war diese 
Bewunderung, so überschwenglich und so allgemein, 
daß jeder, der in der zweiten Hälfte des 18. und 
noch im Ansang des 19. Jahrhunderts die Schweiz 
bereiste, sich fast dem Vorwurf der Ungebildetheit 
aussetzte, wenn er versäumte, jenes Grabmal zu 
sehen. Mit der Zeit verhallten dann die Stimmen 
der Bewunderung, das Werk wurde vergessen. Mit 
dem Wiedererstehen aber, das es gegenwärtig nebst 
anderen Arbeiten des Künstlers durch die Ausstellung 
des KunstvereinS in Kaffel erlebt, wird vielleicht 
mancher auch einige der zeitgenössischen Stimmen 
gern hören. Freilich muß vorausbemerkt werden, 
daß die hier ausgestellte Ton «Nachbildung leider 
nicht recht gelungen ist und auch der alte, gleich 
falls ausgestellte Stich von Mechel keine rechte Vor 
stellung von Original gibt.*) Eine Lithographie 
von F. Lips, die Emil Blösch einem im Berner 
Taschenbuch auf das Jahr 1879 erschienenen kleinen 
Aussatz über das Grabmal beigegeben hat, weicht 
von den beiden im Kunsthause ausgestellten Stücken 
*) Auch den weiterhin zu erwähnenden Reisebriefen von 
Hirschfeld soll ein Heiner Stich beigegeben sein, der mir 
jedoch nicht bekannt ist.
	        

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