Full text: Hessenland (24.1910)

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an diesem Orte ein Kloster zu gründen. Wahr 
scheinlich im Jahre 975 befreite er Memleben 
von der Grundherrlichkeit der Abtei Hersfeld, und 
nachdem der Bau der Gebäude vollendet war, 
fing er an, das neue Kloster auf das reichlichste 
auszustatten. Eine der wertvollsten Schenkungen 
geschah auf Kosten Hersfelds. Im Jahre 979 
schloß nämlich der Kaiser mit dem Abte Gozbert 
unter Bewilligung des Klosterkonventes und mit 
Zustimmung des Klostervogtes (advocatus) Walther 
einen Tauschvertrag, nach dem Hersfeld die Kirchen 
zu Riestedt, Osterhausen und Allstedt, mit denen der 
höchst wertvolle Zehnte aus dem nordthüringischen 
Hassegau und dem Friesenfeld verbunden war, an 
Memleben abtreten mußte, dafür erhielt es die 
königliche Domäne Moffendorf und 50 Hufen 
Landes mittleren Maßes in den Dörfern Globigau, 
Benckendorf, Salzmünden und Müllerdors, die 
im Hassegau lagen. Dieses Tauschgeschäft brachte 
für Hersfeld, wie schon früher erwähnt, einen 
herben Verlust mit sich. Weiterhin hatten Otto II. 
und auch Otto III. das junge Kloster durch Zu 
wendung vieler Besitzungen, besonders in den 
Slavenlanden, reich bedacht. 
Von Heinrich II. aber hat Memleben wenig 
Gutes erfahren. Zwar hatte er 1002 bei seinem 
Regierungsantritt alle Privilegien und Besitzungen 
des Klosters bestätigt, aber 1015 machte er, sich 
ohne Scheu über alle rechtlichen Bedenken hinweg 
setzend, durch zwei Urkunden vom 26. Januar 
und 5. Februar dem selbständigen Dasein der 
freien Abtei Memleben ein jähes Ende. In der 
ersten Urkunde bestimmte er, daß der Tausch, den 
Otto II. seinerzeit zugunsten Memlebens mit Hers 
feld geschlossen hatte, mit einigen kleinen Modi 
fikationen rückgängig gemacht werde, weil, wie 
die Urkunde ausspricht, Hersfeld durch den Verlust 
des Zehntrechts im Hassegau und Friesenfeld schwere 
Einbuße erlitten habe. In der zweiten Ver 
fügung ordnete der Kaiser an, daß. weil die 
Abtei Memleben verarmt sei — daß er selbst 
durch seine erste Urkunde die Verarmung der Abtei 
zum großen Teil selbst herbeigeführt hat, verschweigt 
der Kaiser — und die Brüder Mangel leiden, 
sie für ewige Zeiten der Abtei Hersfeld unter 
worfen sein solle, um durch die Betriebsamkeit 
und den Reichtum der einen der andern auf 
zuhelfen. Er übertrug die sämtlichen Besitzungen 
und Gerechtsame Memlebens an Hersfeld und gab 
dem Abte Arnold und dessen Nachfolgern das Recht, 
hierüber zum Nutzen der Kirche nach freier Willkür 
zu verfügen. Die Gründe, die Heinrich veranlaßt 
haben werden — man hat nur Vermutungen -, 
in so schroffer Weise gegen die hochangesehene Abtei 
vorzugehen, brauchen uns hier nicht zu beschäftigen, 
wir erkennen aber aus beiden Urkunden, welches 
Wohlwollen der Kaiser dem reformierten Kloster 
Hersfeld entgegenbrachte. Das spricht sich auch 
in der Urkunde vom 17 Mai 1016 aus, durch 
die Heinrich dem Abte Arnold einen großen Wild, 
bann an Werra, Ulster und Felda unter Ein 
willigung der dort begüterten Grundherren schenkte. 
Bis in die letzten Tage seines Lebens hinein 
erstreckte sich die Fürsorge Heinrichs für Hersfeld. 
Schon seit alter Zeit herrschte zwischen den Leuten 
der Abteien Fulda und Hersfeld eine Art Kriegs 
zustand, der natürlich beiden zu großem Schaden 
gereichte: Einfälle in das feindliche Gebiet ver 
bunden mit Plünderungen und Verheerungen waren 
an der Tagesordnung, dabei fehlte es dann auch 
nicht an Verwundeten und Toten. Das war ein 
recht ärgerliches Verhältnis zwischen zwei der Lehre 
des Friedens geweihten Anstalten. Mit Entschieden 
heit griff der Kaiser ein, es ist wohl als sicher 
anzunehmen, daß die folgenden von ihm getroffenen 
Bestimmungen seiner eigenen Initiative entsproffen 
sind. Zunächst wendet er sich gegen die Übergriffe, 
die bereits verübt waren: Die Kirchenvögte sollen 
für diese ungesühnten Frevel das rechtliche Ver 
fahren nachträglich einleiten. Vor allem aber soll 
für die Zukunft der Wiederkehr ähnlicher Zustände 
vorgebeugt werden. „Es liegt im Geiste der Zeit 
und im Charakter des Kaisers, daß die Strafen, 
mit denen er droht, hart und streng genug sind, 
um vor dem Verbrechen zu schrecken." Für die 
niederen Dienstmannen, die im bäuerlichen oder 
handwerksmäßigem Erwerbe leben, wird folgende 
Strafe angesetzt: Jeder von diesen mit gewaffneter 
Hand verübte Überfall soll dem Rädelsführer und 
allen, die ihm folgen, zu Haut und Haar gehen. 
Daneben soll der Rädelsführer immer, die Teil 
nehmer nur, wenn bei dem Überfall ein Totschlag 
verübt wird, durch Brandmarkung auf beiden 
Wangen bestraft werden. Wenn aber der Tot 
schläger — nicht durch einen Eid, sondern durch 
Zeugen oder mittels des Gottesurteils des glühenden 
Eisens — beweisen kann, daß er in der Notwehr 
gehandelt hat, soll er nur nach dem Gewohnheits 
recht des betreffenden Stiftes behandelt werden. 
Außerdem ist noch das Wergeld ungeteilt dem 
Herrn des Getöteten, also der betreffende Kirche, 
von dem Totschläger zu zahlen. Gehören aber 
der Getötete und der Totschläger derselben Kirche 
an, so müssen auch alle an dem Verbrechen Be 
teiligten ihrer eigenen Kirche das Wergeld entrichten. 
Die gleiche Strafe wird für die an den geist 
lichen Höfen damals allmählich sich abhebende 
Klasse der ritterlichen Dienstmannen festgesetzt, 
jedoch können sie sich mit Genehmigung ihres 
Herrn von dieser loskaufen, eine Bestimmung, die
	        

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