Full text: Hessenland (24.1910)

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Vom Kasseler Hoftheater. 
Der Referent kann sich in seinem Bericht über die ver 
gangene Periode kurz fassen. Denn es ist wirklich nicht 
der Mühe wert, über die Novität „Die Tür ins Freie" 
von Blumenthal und Kadelburg und über die Neu 
einstudierung von „Kyritz-Pyritz" sich des längeren aus 
zusprechen. Das erstere Stück weist den epigrammatischen 
Wortwitz Blumenthals nur in homöopathischen Dosen auf. 
tritt eine winzige komische Idee ungebührlich breit und 
wird schneller, als es aufs Repertoire gekommen ist (es hat 
dazu zwei Jahre gebraucht), wieder davon verschwinden. 
Wie Kyritz-Pyritz. eine der infipidesten Possen der ganzen 
Gattung, zu der Ehre der Neueinstudierung kam, ist vollends 
unerfindlich. Daß man dem Einerlei des Repertoires eine 
Auffrischung bereiten wollte, ist ja sehr zeitgemäß. Denn 
auch den gutmütigsten Abonnenten hörte man schon ent 
rüstet murren. Daß es aber gerade die Dioskuren Blumen- 
thal-Kadelburg sein mußten, die uns als Musterbeispiele 
moderner Dichter vorgeführt wurden, ist ebenso bitter, wie 
das Hervorsuchen der Berliner Posse aus dem Archiv, das 
doch ganz andere und würdigere Stücke birgt. 
Wir betrachten es stets als eine unverdiente Kränkung, 
wenn wir so oft die Meinung verfechten hören, als Kunst 
stadt komme nur Berlin in Betracht. Wir wundern uns 
einigermaßen, daß die dramatischen Dichter ihre Werke 
stets zuerst in der Reichshauptstadt aufführen lassen und 
die Provinz in Sachen des Theaters völlig quantite 
nögligeable geworden ist. Sehen wir aber die Gestaltung 
deö Spielplans unserer Bühne an. der sich so abseits von 
der gesamten modernen Literatur stellt, daß er als deren 
einziges Muster „Die Tür ins Freie" bietet, so kann 
uns all das nicht in Erstaunen versetzen. Und wenn mau 
in dem jüngst eröffneten Restdenztheater Bahrs reizende 
Komödie „Konzert" mit vollem ästhetischen Behagen genießt, 
da fragt man sich vergeblich, weshalb das Hoftheater fich 
das hübsche, wirksame und überall erfolgreiche Stück ent 
gehen ließ. Sittliche Bedenken können nicht schuld sein. 
Kein einziger Ehebruch kommt vor. und ein Theater, das 
die° „Lustige Witwe" und den „Walzertraum" gibt, hat 
dar Recht verwirkt, prüde zu sein. 
Die Hoftheater find in einer glücklichen Lage Sie sind 
nicht darauf angewiesen, Geschäfte zu machen, und brauchen 
keinem Ungeschmack der Masse zu schmeicheln. Aber ihre 
gänzliche Unabhängigkeit vom Publikum birgt auch eine 
Gefahr. Was, mit Rückficht auf den Kaffenrapport. kein 
Direktor eines Stadttheaters an Gestaltung des Spielplans 
und seltsamer Rollenverteilung wagen würde, kann die 
Leitung eines königlichen Schauspielhauses ruhig vornehmen. 
Wenn man alte Stücke aufführen wollte, warum denkt 
man da an „Kyritz-Pyritz" statt, um aufs Geratewohl ein 
paar Namen herauszugreifen, an Goethes „Stella", an 
seine „Natürliche Tochter" an Kleists „Penthesilea" an 
MoliereS und Shakespeares Komödien, an Ibsen und 
Björnfon? Verdienen Nestroy und L'Arronge. Laube 
und Gutzkow, Freytag, Wildenbruch und Fulda die Ehre 
der Neueinstudierung nicht eher als Oskar JustinuS? Der 
Strom der neueren Dichtung. — an uns rauscht er 
vorüber. Wir lesen im Morgenblättchen die Namen erfolg 
reicher Dichter und gehen abends — in die „Tür m» 
Freie" und in „Kyritz-Pyritz" .. Die Besetzung der 
Stücke ist ein Kapitel für sich, das bei anderer Gelegenheit 
behandelt fein möge. Denn die Rollenverteilung, die ohne 
Rücksicht auf die Veranlagung des Künstlers erfolgt, die 
Faust und Manfred, den Gefängnisdirektor in der „Fleder 
maus". den Glockengießer und Egmont in einer Hand 
vereinigt, die den Alba im Egmont zum Schaden der Rolle 
und damit des Stückes neu besetzt — um nur ein paar 
von den unzählbareü Unbegreiflichkeiten hervorzuheben —, 
verdient besonders betrachtet zu werden. Betrachtet, nicht 
begründet. Denn ihre Motive vermag der Untertanen 
verstand nicht zu entdecken. 
Doch das Hoftheater ist uns auch literarisch gekommen. 
Es hat als Premiöre. vierzehn Jahre nach dem Erscheinen, 
Hauptmanns „Versunkene Glocke" gegeben. Als 
Musikdrama ist es ein paar Dutzend Mal über die Bretter 
der königlichen Schauspiele gegangen, am Refidenztheater 
ist e8 unter jeder der wechselnden Direktionen erschienen. 
Jetzt ward es in ursprünglicher Gestalt hoftheaterfähig. 
Der Wunsch Hauptmanns, die ihn umfangenden Feffeln 
des konsequenten Realismus zu brechen, hat ihn dazu 
geführt, in mystischer, von Allegorien und Symbolen er 
füllter Phantastik zu schwelgen. Die geheimnisvollen Rätsel, 
der unverständliche Tieffinn, der das Stück erfüllt, spotten 
jeder Deutungskunst. So wirksam die Beseelung von Flur 
und Hain und die Verlebendigung der im Volksgeist leben 
den Gestalten auch ist. so rührend die Szene mit dem 
Tränenkrüglein wirkt, nie läßt das unbegreiflich Geheim 
nisvolle des Geschehens und der Rede einen vollen Genuß 
"aufkommen. Wenn der bekannte Literaturhistoriker und 
Professor an der Breslauer Universität Max Koch das 
Stück „innerlich hohl" nennt und meint, daß „aufgespreizte 
Phrase und gesuchte Dunkelheit als tiefsinnige Symbolik 
über die Unklarheit, Gedankenlosigkeit und Herzenskälte 
täuschen sollen", so erscheint das Urteil wohl zu hart. 
Aber das klingende Bim-Bam unverständlicher Rede klingt 
mißtönend an unser Ohr. Darum macht das Märchen 
drama in seinen klaren, rein menschlichen Teilen denn 
auch den tiefsten Eindruck: die Liebe des Glockengießer 
weibes. der Kampf des Pfarrers um die verlorene Seele. 
Der Märchenzauber kam in der hiesigen Darstellung 
nicht voll zur Erscheinung. Der „Flüstertanz" der Elfen 
war eine konventionelle Übung. Herr Alb erti, der nach 
seiner ganzen Veranlagung für die Bonvivants sich eignet, 
versagte in den pathetischen und heldischen Stellen, trotz 
mancher trefflicher Einzelheit. Frl. Groa suchte das 
Rautendelein, das ebenfalls ihrer Begabung fern liegt, 
nach Kräften poetisch zu gestalten, — nicht immer mit 
vollem Erfolg. Herr Pickert, der den melancholischen 
Wassermann spielte, mußte sein Organ zu tiefem Baffe' 
zwingen, brachte aber feine Aufgabe zu gutem Ende, der 
allzu mephistophelische Waldschrat des Herrn Zfchokke 
war derb, gelenk und lüstern. Eine tüchtige Leistung bot 
Frl. Griebe als Großmutter, erfreulich war da8 Glocken 
gießerweib der Frau Bahrhammer, einfach, herzlich, 
lebenswahr wirkte der Pfarrer des Herrn Bohnee. 
H. Blumenthal. 
Aus Heimat und Fremde. 
Marburger Hochschulnachrichten. Die 
Einführung des neugewählten Rektors Geh. Kon- 
sistorialrats Professor Budde fand am 16. Oktober 
durch den üblichen Festakt statt. Die Antrittsrede 
des neuen Rektors behandelte „das Wesen des 
Monotheismus" Das von Professor vr, Wechßler 
verfaßte Rektoratsprogramm trägt den Titel „Moliöre 
als Philosoph" — Privatdozent vr. F. Sauer -
	        

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