Full text: Hessenland (24.1910)

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mir durch die Erbschaft zufiel? Man will fich 
doch schließlich nützlich machen, um nicht umsonst 
und spurlos über die Erde zu gehn." 
„Frau Baronin " 
„Nein, nein, sagen Sie mir nichts, Doktor, die 
Sache sieht für mich brillanter aus, als sie es ist. 
Ich Sie wissen, daß ich nach allem, was ich 
erlebte — Arbeit, etwas Befriedigendes für meine 
Gedanken brauche, und da kam ich aus den glück 
lichen Einsall, ein Heim für Ruhebedürstige zu 
gründen und meiner guten Tante die Leitung zu 
überlaffen. Ich selbst, ich gehe nur so zwischen- 
durch, schaue hier und dort hin, spreche auch wohl, 
je nach Bedürfnis, ein paar Worte mit den Leuten, 
sehe zu, ob ein jeder gut versorgt ist — das ist 
alles." 
„Ein Asyl für Ruhebedürstige, das ist ja ein gött 
licher Einsall, lassen Sie mich Ihnen dafür die Hand 
küssen, gnädige Frau," und ich neigte meine Lippen 
aus die schlanken Finger, die eben fürsorglich den 
Tee bereiteten. 
„Loben Sie mich nicht, bevor Sie sich nicht von der 
Lebensfähigkeit der Sache überzeugten, lieber Freund," 
sagte sie, „ich hatte die Idee dabei im Auge, daß 
es viele talentvolle Menschen gibt, die nebenbei recht 
unpraktisch sind und die, wenn sie sich auffrischen, 
und erholen wollen, geräuschvolle Bäder oder gar 
das oft von recht langweiligen Sommerfrischlern 
bevölkerte Gebirge aufsuchen — und dann, wie oft 
fehlen auch die Mittel." 
„Oh, das ist eine hertliche Idee von Ihnen, 
gnädige Frau," wiederholte ich bewundernd, „denn 
es gibt auf weiter Erde wohl keinen geeigneteren 
Platz als dieses Schlößchen hier, keine Landschaft, 
der mehr Ruhe und Friede entströmte. Und dazu 
Ihre Gegenwar.t — Ihre " 
„Nein, nein," wehrte sie energisch mit der Hand, 
„meine Gesellschaft ist nur ganz beiläufig, ich habe 
nicht einmal meinen Namen zu dem.Künstlerheim' 
hergegeben, damit ein jeder ohne Vorurteil hier 
Aufenthalt nehmen könne." 
Bei den letzten Worten senkten sich ihre Lider 
und ein leichter Schatten flog über ihr Gesicht. 
Sie dachte an Bruno! Und plötzlich wurde es mir 
klar, daß er es gewesen, der ihr diese Idee ein 
gegeben hatte, er, den sie liebte und dessen Sein 
ihrem Leben die Richtung gab. Ich sagte nichts, 
aber ich wurde nachdenklich und versuchte mich in 
den Jdeengang der seltenen Frau zu versenken. 
„Was meinen Sie, lieber Doktor," sagte sie nach 
einer Weile, während sie mir die Schüssel mit dem 
Braten näher schob, „ich habe vor, den Winter in 
Italien zu verbringen, ich möchte mein künstlerisches 
Urteil schärfen und —" 
„Aber gnädige Frau, Ihr Urteil, dünkt mich, ist 
auf der Höhe —" 
„Ich möchte mehr Technik studieren, damit meine 
eigenen Arbeiten — o. Sie wissen nicht, wie ich 
die Kunst liebe," unterbrach sie sich dann selbst, 
„und wie ich mich freue, ein wenig aus der Lein 
wand herumzupfuschen." 
„Und werden Sie hier entbehrlich sein?" fragte ich. 
„Ich-denke, ja. Die Sache ist im Gange, Sie 
werden sich morgen selbst davon überzeugen, und 
ich habe, wie schon gesagt, alles so eingerichtet, daß 
ich durchaus im Hintergründe bleibe. Mein Name 
spielt dabei gar keine Rolle. Diesen kleinen Seiten 
flügel hier habe ich mir selbst und meinen nächsten 
Freunden reserviert, meine Tante bewohnt das 
Parterre drüben im Hauptgebäude, und in den oberen 
Räumen hausen meine Gäste. Ich kann da nötigen 
falls sechzehn unterbringen, zähle aber eigentlich nur 
aus zwölfe, um ihnen jeden Komfort gewähren zu 
können." 
Und dann ging sie mit liebenswürdiger Offenheit 
auf die Einzelheiten ihrer Einrichtung ein und sprach 
mit mir so warm und treuherzig, wie mit einem 
Bruder. 
(Fortsetzung folgte 
Ja — wie wohl. 
Was wissen die Leute, wie 's geschah — 
Das wissen nur du und ich. 
Wir lächeln und denken: was keiner sah, 
Ist auch nur für dich und mich. 
Wir wissen allein, wie sonnig der Tag, 
Wie süß die laulichte Nacht, 
Wie lockend der Amsel, des Finkleins Schlag, 
Wie Blumen du mir gebracht. 
Glutrote Nelken, die standen im Glas, 
— Ja — waren die schuld daran? 
Glutrote Nelken, und dies und das. 
Wir wissen wohl selbst nicht, wie und was 
Es endlich uns angetan. 
Marburg. 
Cmmy Luise Grotefend.
	        

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