Full text: Hessenland (24.1910)

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bringt sie in eine Beziehung zur alten Landwehr, 
die wenig wahrscheinlich ist. Im Süden erinnern 
nur einige Flurnamen auf dem Sudheimer Feld 
und dem Mühlenfeld daran, daß die innere Linie 
auch hier bestanden hat. Viele Strecken von ihr, 
die aus gutem Land bestanden, wurden früh unter 
den Pflug genommen und von der Stadt ver 
pachtet, andere verwandelte man in Feldwege. 
Dabei konnte es in der Zeit nach dem dreißig, 
jährigen Kriege vorkommen, daß die Stadt Landwehr 
höfe verlor, die von den Anstößern eingepflügt und 
später nicht mehr zu ermitteln waren. Auch in 
Hofgeismar erhielt sich bis tief ins 19. Jahrhundert 
der Brauch, daß diese Grundstücke in jedem dritten 
Jahr für die Hute brach blieben, während man 
es mit den andern längst nicht mehr so hielt. 
Als ob man geglaubt hätte, sich gar nicht genug 
verschanzen zu können, wurden endlich in der Nähe 
der Stadt noch befestigte Zufluchtsstätten geschaffen. 
Rechts der Straße nach Niedermeiser, einen halben 
Kilometer vom Tore, befand sich eine erhöhte, mit 
steilen Rändern abfallende Stelle, die auf der 
Stadtkarte aus dem 18. Jahrhundert als Land- 
wehr bezeichnet ist und in den Akten Insel genannt 
wird; etwas dem ganz Ähnliches gibt es in der 
Umgebung von Melsungen.*) Ferner liegen vor 
dem Sälber Tor auf einer Anhöhe die sogenannten 
Schanzen, ein Komplex von unregelmäßigen Wal 
lungen. Auch diese haben mit dem erhöhten Rücken 
unter ihnen, den die Juden im Jahre 1695 zum 
Friedhof erwarben, vermutlich demselben Zweck 
gedient, denn in der Rechnung von jenem Jahr 
heißt es, ein wüster Platz vor der Landwehr unter 
der Steingrube am Scheidegraben sei ihnen verkauft 
worden.**) In solchem immer weitergehenden 
Streben, sich zu umschanzen und zu sichern, spiegelt 
sich die Unsicherheit und Friedlosigkeit, die das 
spätere Mittelalter kennzeichnet, mehr, als in den 
erhaltenen Berichten über Kriege und Fehden. 
*) L. Armbrust, Geschichte der Stadt Melsungen. Zeitschr. 
f. Hess. Gesch. N. F. Suppl 14, S. 123. 
**) Auf der neuen Karte der Landesaufnahme (Maß 
stab 1:25000) steht „Schwedenschanze"! 
(Schluß folgt.) 
Die Kirche zu Kirchditmold. 
Von Paul Heidelbach. 
Am zweiten Pfingsttag dieses Jahres wurde 
der Turm der Kirchditm older Kirche vom Blitz 
getroffen, der den Dachstuhl völlig einäscherte. 
Es dauerte unverhältnismäßig lange, bis man 
Anstalten traf, den Turm wieder herzustellen, 
da die Stadt Kassel und die Kirchengemeinde zu 
Kirchditmold sich gegenseitig die Verpflichtung zum 
Wiederaufbau zuschoben und die Rechtsverhältnisse 
der Gemeinde zur selbständig organisierten Kirchen 
gemeinde bei der Einverleibung nicht klar zu stellen 
waren. Die Rechtslage sollte durch Prozeß geklärt 
werden. Da hörte der Deutsche Kaiser bei seinem 
diesjährigen Wilhelmshöher Aufenthalt von der 
Sache und beauftragte im August dieses Jahres 
den Oberpräsidenten, in Verhandlungen wegen 
des Wiederaufbaues einzutreten. Er selbst stellte 
hierzu 6000 Mark aus seinem Dispositionsfonds 
zur Verfügung, falls der Prozeß zwischen Stadt 
und Kirchengemeinde niedergeschlagen würde. 
Daraufhin bewilligte auch die Kaffeler Stadt- 
verordnetenfitzung am 6. Oktober unter Ver 
wahrung gegen etwa daraus zu folgernde Rechte 
einen freiwilligen Beitrag von 2000 Mark, während 
die Restsumme von 3000 Mark von der Brand 
kaffe gedeckt wird. 
Die Kirche stammt (bis auf den Turm) von Ober 
baudirektor S. L. Du Ry. Gleich nach dem Brand 
machte der rührige Kaffeler Verschönerungsverein 
eine Eingabe an das Presbyterium, in der er die 
Wiederaufrichtung des Turmes in architektonisch 
wirksamer Weise nach der alten, wieder auf 
gefundenen Zeichnung Du Rys vorschlug, und 
auch das Kaiserliche Geschenk wurde an die Be» 
dingung geknüpft, daß der Turm nach dem 
Du Ryschen Plan wieder aufgerichtet würde. 
Schon 1786 hatte Du Ry einen Entwurf zu 
einer Kirche für das Kirchspiel Weißenstein in 
Kirchditmold aufgestellt?) Als dann der Bau 
des Wilhelmshöher Schlosses fortschritt, veranlaßte 
er, weil die Aussicht nach links vom Schloß aus 
lückenhaft erschien, den Landgrafen, „an Stelle der 
alten, verfallenen, aus der romanischen Zeit her 
rührenden, mitten im Dorf Kirchditmold ver 
steckten Kirche*) oberhalb des Dorfes, auf weithin 
sichtbarer Höhe eine neue, zwar an sich einfache, 
aber durch ihre Lage und Größe eindrucksvolle 
Kirche zu erbauen"?) Schon im April 1780 
war bei einem Sturm der Turm der alten, in 
der Mitte des Dorfes gelegenen Kirche eingestürzt, 
so daß man die Glocken herunter nehmen mußte, 
') Schloßbibliothek WilhelmShöhe. A. Holtmeher. 
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Reg.-Bez. Kassel. Bd. IV 
Kreis Kassel-Land, S. 331. 
*) Sie stand schon 1019. Landau, Beschreibung des 
Kurfürstentums Hessen. S. 163. 
*) Mündliche Familiennachrichten. O. Gerland. Paul, 
Charles und Simon Louis Du Ry. S- 164.
	        

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