Full text: Hessenland (24.1910)

drangxs entstanden hier sehr bald Stockungen über 
EkoMugen m dem Abmarsch, Wagen and Ge 
schütze verfuhren sich ineinander, so daß die Fuß 
gänger nur mit knapper Not sich hindurch zu 
drängen vermochten. Die Korps von Victor und 
Angerau, die Überreste der fünf Reiterkorps rc. 
zogen voran, ihnen folgten wohl geordnet die 
Garden. Die Reste von anderen Korps, Polen, 
Westfalen, Darmstädter, Badener und andere 
Rheinbündler sollten die Stadt verteidigen, so 
lange es möglich sei. Allmählich artete der Rück 
zug immer mehr in eine namenlose Überstürzung 
aus, so daß nur stoß- oder wogenweise ein Vor 
wärtskommen möglich war. In eine solche Woge 
geriet auch Napoleon, als er kurz gegen 10 Uhr 
vormittags Leipzig verließ. Wie stark das Ge 
dränge und die Verwirrung bei diesem Rückzüge 
war, mag auch daraus ersehen werden, daß Napo 
leon. ungeachtet gewaltsamen Einschreitens, etwa 
2 Stunden Zeit bedurfte um den nur 2 km 
langen Weg nach Lindenau zurücklegen zu können. 
An demselben Vormittag wurde, nachdem die 
versuchte Kapitulation gescheitert war, das noch mit 
starken Mauern eingeschlossene Leipzig an mehreren 
seiner vier Tore von den Verbündeten angegriffen. 
Erst nach hartem Kampfe wurde gegen Mittag 
die Stadt genommen. Zuerst war die Königs 
berger Landwehr eingerückt, und nunmehr begann 
auch der Kampf im Innern der Stadt, wobei 
sich namentlich die Polen als tapfere Gegner her 
vortaten. — Durch diese Kämpfe wurde die ohne 
hin schon bestandene Verwirrung bei der Besatzung 
noch erheblich gesteigert, sie erreichte aber ihren Höhe 
punkt. wie gegen 1 Uhr durch vorzeitiges Ent 
zünden einer Mine die einzige Brücke über den 
Elstermühlgraben in die Luft gesprengt wurde. — 
Hunderte verloren hierbei ihr Leben. — Den in 
ansehnlicher Zahl noch in Leipzig verbliebenen 
französischen Truppen war nun der einzige Weg 
nach Lindenau versperrt. Im Rücken und in den 
Flanken wurden sie angegriffen. — Einige, u. a. 
auch der Marschall Macdonald, hatten sich da 
durch gerettet, daß sie den Mühlgraben durch 
schwammen, viele andere, die denselben Versuch 
machten, kamen dabei ums Leben, unter ihnen 
auch der tapfere Pole v. Poniatowski, der drei 
Tage vorher zum Marschall ernannt worden 
war. — Von Lindenau, woselbst sich Napoleon 
zunächst damit befaßte, einige Ordnung bei den 
zum Teil in aufgelösten Verbänden vorüberziehen 
den Truppen herzustellen, begab er sich, nachdem 
er in einer Mühle noch einige Stunden geruht 
hatte, nach Markranstädt und übertrug Oudinot 
die Deckung des Rückzuges, die nicht schwer fiel, 
weil die Verkündeten nur auf Umwegen gegen 
die Rückzugslinie vorgehen konnten. Auch wurde im 
Hauptquartier auf dre Berfolgrmg des Feindes — 
zum großen Leidwesen Blüchers — kern besonderer 
Nachdruck gelegt. Hierdurch erlangte Napoleon 
einen Vorsprung, dem er wohl zumeist seine.Ret 
tung zu verdanken hatte. — In Markranstädt er 
hielt er von Bertrand die Nachricht, daß Naum 
burg und die Saalebrücke zu Kösen von 
Österreichern besetzt seien. Es wurde deshalb be 
schlossen, den Übergang über die Saale schon bei 
Weißenfels zu bewirken und den Weitermarsch 
nach Erfurt über Freiburg a. d. Unstrut an 
zutreten. 
Bei der letztgedachten Stadt wurden die Fran 
zosen von den unter Aork herbeigeeilten Preußen 
angegriffen. Es entspann sich ein hitziges Ge 
fecht, das den Franzosen etwa 1600 Gefangene 
und mehrere unbespannte Geschütze kostete, im 
übrigen ihren Weitermarsch aber nicht aufzuhalten 
vermochte. 
Abgesehen von einem Zusammenstoß in Weimar 
mit Kosaken, bei dem diese eine empfindliche 
Schlappe erlitten, kam Napoleon ohne weitere 
Kämpfe am 23. Oktober in Erfurt an. Hier 
wurde am folgenden Tag gerastet und die sehr 
nötige Ergänzung der Munition aus den Maga 
zinen dieser Festung vorgenommen. Auch im üb 
rigen wurde alles nach Tunlichkeit aufgeboten, um 
die vielfach gelockerte Schlagfertigkeit der immerhin 
noch ansehnlichen Armee (90000 Mann) wieder 
herzustellen. Napoleon soll die Absicht gehabt 
haben, sich hier den Verbündeten von neuem zu 
stellen, er wurde aber angeblich von diesem Vor 
haben durch den Hinweis auf den erschöpften Zu 
stand der überwiegenden Mehrheit seiner Truppen 
abgebracht. Erschöpft, ja kläglich im wahren Sinne 
des Wortes, konnte dieser Zustand nur bezeichnet 
werden. Die Truppen hatten mehrere Tage hinter 
einander in hartem Kampfe gestanden, bei den 
naßkalten Oktobernächten unter freiem Himmel 
lagern und dabei eine nur einigermaßen aus 
reichende Verpflegung entbehren müssen. Auch 
waren Krankheiten in bedenklichem Maße bei 
ihnen ausgebrochen. Hierzu kamen dann noch die 
beschleunigten Tag- und Nachtmärsche, wie nicht 
minder die Beunruhigungen durch die Kosaken 
und einiger Streifkorps, die der retirierenden 
Armee nicht nur im Rücken, sondern auch in den 
Flanken folgten, sie sogar überholten und alles 
niedermachten oder gefangen nahmen, was sich 
nicht unmittelbar dem großen Zuge angeschlossen 
fand. — 
(Fortsetzung folgte
	        

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