Full text: Hessenland (24.1910)

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einfachen Abendbrot teilnehmen und machte ihn 
mit feinen Absichten bekannt, worauf dieser be 
greiflicherweise auch bereitwilligst einging. 
Im Verlauf der bei dieser Gelegenheit ge- 
pflogenen sehr eingehenden Besprechungen kam 
auch die Rede auf den gerade vor acht Tagen zu 
Ried zwischen Österreich und Bayern abge 
schlossenen und ungemein folgenreich gewordenen 
Vertrag, wonach Bayern dem Rheinbund ent 
sagte und zu den Verbündeten überging. Napoleon 
soll über diese Nachricht in hohem Maße ent 
rüstet gewesen sein, obgleich mit Bestimmtheit an 
genommen werden kann, daß ihn diese nicht un 
vorbereitet getroffen hat, denn schon 14 Tage 
vorher soll ihm vom König von Württemberg 
brieflich ein bezüglicher Wink gegeben worden sein. 
Die Entrüstung über den Abfall Bayerns, dieser 
seitherigen Säule des Rheinbundes, zeigte er wieder 
holt während des ganzen Rückzuges und nahm 
auch später noch Gelegenheit wahr, dieser mit den 
Worten Ausdruck zu verleihen: „Ich habe den 
Herzog zum König gemacht, habe ihm seinen 
Länderbesitz verdoppelt, und nun ernte ich den 
schwärzesten Undank. Ich werde mich aber zu 
rächen wiffen und nicht eher ruhen, bis München 
in einen Aschenhaufen verwandelt worden ist." — 
Ob bei der erwähnten Unterredung auch schon 
der ganze Inhalt dieses für Bayern so unge 
mein wertvoll gewordenen Vertrages, namentlich, 
daß die seither am Inn beobachtend gegenüber 
stehenden österreichischen und bayrischen Truppen 
zu einer Armee vereinigt unter dem bayrischen 
General Grafen Wrede nach dem unteren Main 
tale vorzugehen hätten, bekannt war, konnte nicht 
ermittelt werden. Jedenfalls sind aber die hier 
nach folgenden Entschließungen Napoleons durch 
den gedachten Abfall Bayerns sehr erheblich be 
einflußt worden. 
Am andern Morgen — Sonntag den 17. Ok 
tober 1813 — begab sich der Graf Meerveldt 
schon in aller Frühe nach dem nahen Hauptquar 
tier des österreichischen Feldmarschallleutnants 
v. Giulay und von dort nach dem entlegeneren 
Absteigquartier seines kaiserlichen Herrn, um dem 
ihm gewordenen Aufträge nachzukommen. — 
Allem Anschein nach hat Napoleon fast während 
des ganzen Tages auf eine günstige Antwort 
seines Schwiegervaters gehofft und infolgedessen 
die Anordnung von Maßnahmen unterlassen, die 
er andernfalls sicherlich getroffen haben würde. 
Als aber am späten Nachmittag dieses Tages eine 
Antwort überhaupt noch nicht eingetroffen war 
und dicht vor den Toren Leipzigs sich von neuem 
blutige Kämpfe vollzogen, mag er seine Hoffnung 
aufgegeben und sich nunmehr damit befaßt haben, 
das Versäumte nachzuholen, wozu er auch noch der 
frühesten Morgenstunden des kommenden Tages — 
des 18. Oktobers — bedurft haben soll. Insbe 
sondere soll hierbei die Sichtung und Sicherung der 
lediglich verbliebenen Rückzugslinie über Weißen 
fels, deren Gefährdung durch das in der Nähe 
stehende österreichische Korps Giulay nicht als 
vollständig ausgeschlossen erachtet werden konnte, 
dem Marschall Bertrand (mit 10000 Mann) 
übertragen und der beschleunigte Abzug des um 
fangreichen Armeetroffes und aller nur einiger 
maßen transportfähigen Kranken, ingleichen auch 
die Vernichtung entbehrlichen Fuhrwerks rc. an 
geordnet worden sein. 
Mit diesen Maßnahmen, die am frühen Morgen 
des 18. Oktobers in Vollzug gesetzt wurden, hatte 
der Rückzug der Franzosen, oder, wie man zu 
jener Zeit zu sagen Pflegte, die Große Retirade, 
schon den Anfang genommen. — 
An demselben Tag gegen 8 Uhr vormittags, 
als- nach mehreren Regentagen die Sonne wieder 
zum Vorschein kam und die Herbstnebel allmählich 
verscheuchte, begann der Kampf auf dem ganzen 
Schlachtfelde von neuem und tobte mit grauen 
haften Wirkungen bis zum späten Abend. Um 
diese Zeit war Napoleon noch auf dem Schlacht 
felde anwesend, er saß aus einem Hügel neben 
einer zerfallenen Windmühle auf einem Holz 
schemel dicht an einem Wachtfeuer und hatte so 
eben mit seinem Major-General Berthier*) weitere 
Anordnungen über den Rückzug getroffen, als er 
plötzlich, von den begreiflichen Aufregungen und 
Anstrengungen der letzten Tage überwältigt, in 
einen anscheinend tiefen Schlaf verfiel. Niemand 
von seinem in gedrückter Stimmung verharrenden 
Gefolge wagte es ihn zu wecken. — Nach kurzer 
Zeit erwachte er wieder, sah sich verwundert um, 
faßte sich aber sehr bald, erließ weitere Befehle 
und begab sich nach Leipzig, woselbst er im Gast 
hofe „Zum König von Preußen" übernachtete. 
Am folgenden Tag schon gleich nach Mitter 
nacht vollzog sich bei Hellem Mondschein der Rück 
zug der übrigen französischen Truppen. Von 
verschiedenen Seiten kamen die Kolonnen all 
mählich vom Schlachtfeld nach Leipzig hereinge 
zogen. Alle strömten dem einzigen und durchaus 
nicht breiten Weg nach Lindenau, dem Ranstädter 
Steinweg, zu. Infolge des überaus starken An- 
*) Berthier (geb. 1753), Fürst von Neuchatel, einer 
der gebildesten und tüchtigsten französischen Generäle, 
stürzte sich am 1. Juni 1815, als die Kunde von der 
Rückkehr Napoleons aus Elba zu ihm gelangte, aus einem 
Fenster des Schlosses zu Bamberg, woselbst er mit seiner 
Gemahlin, einer Tochter des Herzogs Wilhelm von Bayern- 
Birkenfeld. nach den Ereignisien von 1814 Wohnung ge 
nommen hatte. —
	        

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