Full text: Hessenland (24.1910)

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— entgegen dem kanonischen Recht — Bischöfe 
ein- und abgesetzt. Beugte er so im Interesse des 
Reiches die Macht der Kirche unter seine Hand, 
so hat er aber auch immer wieder darauf gedrungen, 
daß sie ihre hohen geistlichen Aufgaben nicht ver 
nachlässigte, insbesondere bekamen die in jener 
Zeit arg verweltlichten Klöster gar bald seine harte 
Eiferhand zu fühlen. 
Gewaltig war die Macht der Klöster gestiegen, 
die alten Reichsabteien vor allen standen sowohl 
in der Ausdehnung ihres Grundbesitzes, als auch 
in Bezug auf die Zahl der dienstpflichtigen Mannen 
den Bistümern nicht nach. Das reiche Würzburg 
stellte doch nur die gleiche Anzahl von Gepanzerten 
wie Fulda, und selbst das goldene Mainz kam, 
als Kaiser Otto II. im Jahre 981 einen Teil 
seiner Großen zum italienischen Kriege entbot, in 
dieser Beziehung den beiden in seinem Sprengel 
gelegenen Stiftern Lorch und Hersfeld nur um 
ein Unbedeutendes voran. Die Klöster halten 
auch als Grundherren die mannigfachsten Herr 
schaftsrechte erworben. Groß war die Zahl der 
Münz- und Zollstätten, sowie der Märkte auf 
Klosterbesitz — auch in Hersfeld wurden im 
11. Jahrhundert Münzen geschlagen — und gleich 
den Advokaten des Bischofs übten die Klostervögte 
richterliche Gewalt aus. Dieses Anwachsen ihrer 
Macht hatte aber die Klöster ihrer eigentlichen 
Aufgabe entfremdet. Aus den Pflegeanstalten 
christlichen Geistes waren allmählich Stätten 
ästhetischen Genusses geworden, und den geistigen 
Genüssen folgten bald die materiellen. Die alten 
Regeln des hl. Benedikt: die Gebote der Dürftig 
keit, Keuschheit, des Gehorsams und Verbleibens 
im Kloster, waren vergessen. Seitdem die Missions- 
tätigkeit unter den Heiden, diese einstige Haupt 
aufgabe der Geistlichkeit, aufhörte, verlor sie immer 
mehr ihren höheren Beruf aus den Augen. Was 
Arnulf von Halberstadt an den Bischof von Würz 
burg schrieb, war nur zu wahr: Unsere Vorfahren, 
die heiligen Väter, verwandten ihren ganzen Fleiß 
darauf, die Seelen zu retten, wir denken nur 
daran, die Leiber zu pflegen; sie stritten um den 
Himmel, wir streiten um irdisches Gut. 
Schon aber hatte in Bayern eine kirchliche Be 
wegung, an deren Spitze der schon erwähnte Wolf 
gang, Bischof von Regensburg, stand, erfolgreich 
eingesetzt, die darauf hinzielte, die Klöster des 
Herzogtums zu reformieren, d. h. in ihnen die 
alte, strenge Benediktinerregel wieder zur Geltung 
zu bringen. Diese Bestrebungen hatte König 
Heinrich schon als Herzog von Bayern kräftig 
unterstützt, er zögerte keinen Augenblick, sie auch 
im Reiche durchzuführen. Die Klöster von Hers 
feld, Reichenau, Fulda, Corvey und viele andere 
haben mehr oder minder schwer seine strafende 
und bessernde Hand gefühlt. Denn Heinrich konnte 
der Dienste, die diese großen Korporationen dem 
Reiche zu leisten hatten, nicht entbehren. Sollten 
sie aber leistungsfähig bleiben, so durften sie nicht 
innerlich erkranken, sie mußten den religiösen 
Zwecken, derentwillen sie vorhanden waren und 
derentwillen ihnen eine solche Macht zugeflossen 
war, genügen können. In Heinrichs Vorgehen, 
sagt Hauck, lag zwar niemals nur politische Ab 
sicht, er war aber auch niemals bloß Förderer 
der Klosterreform, sondern indem der eine Zweck 
verwirklicht wurde, sollte zugleich dem anderen 
gedient werden. 
Hersfeld wurde zuerst von den Maßregeln 
des Königs betroffen. Seit den Tagen Luls, des 
Gründers dieser Abtei, hatte sich der Besitz des 
Klosters ständig erweitert. Insbesondere werden 
uns der Abt Bun (813—840). unter dessen Re 
gierung auch 831 der Grundstein zu einer neuen 
Kirche — sie war die Vorgängerin des heute in 
Trümmer liegenden Domes — gelegt wurde, und 
Abt Megingoz (932—935), desien Name noch ein 
Dorf in Hersselds Nähe, Mengshausen (früher 
Megingozeshuson), das er gründete, bewahrt, als 
hochverdiente Mehrer des Klostergutes geschildert'. 
Die höchste Blüte und Selbständigkeit aber er 
reichte die Abtei zu Ottos des Großen Zeiten. 
Zuüi Lohne für die wertvollen Dienste des AbteS 
Agilulf (963—970) erwirkte dieser Kaiser auf 
seinem dritten Nömerzuge vom Papste Johann XIII. 
ein Dekret, durch das Hersfeld unter Aufhebung 
der bisher bestehenden Diözesanrechte des Mainzer 
Erzbischofs, dem päpstlichen Stuhle unmittelbar 
unterstellt wurde (966). Es erhielt dadurch die 
selbe bevorzugte Stellung, die Fulda auf Grund 
des von Bonisatius erlangten Privilegiums schon 
immer besaß. Wohl hatte Hersfeld in diesem 
Zeitraum auch manchen Verlust zu beklagen, so 
hatte es im Streit mit Mainz um die Zehnt 
abgaben der Thüringer ein Viertel davon für die 
Armen des Erzbistums abtreten müssen. Es hatte 
auch unter dem wenig energischen Gozbert (970 
bis 985) an das neugegründete Kloster Memleben 
wertvolle Besitzungen verloren, aber das alles hatte 
den reichen Einkünften des Klosters nicht allzuviel 
Abbruch getan. Während man aber bei Luls 
Tode bei viel kärglicheren Einnahmen 150 Mönche 
zählte, dienten jetzt die wesentlich höheren Revenüen 
einigen 50 Brüdern zum Unterhalt. Da ist es 
denn nicht verwunderlich, daß die Klosterzucht 
verfiel. Die Klosterleute waren infolge ihres 
Reichtums große Herren geworden, die sich ihr 
Leben auf das behaglichste einrichteten und von 
den unbequemen Regeln Benedikts nicht viel wiffen
	        

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