Full text: Hessenland (24.1910)

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gefiel mir nicht. Ich hatte das Gefühl, als habe 
er sich innerlich verloren und suche nun mit dem 
Fremden fertig zu werden, das ihm aber nicht einmal 
sympathisch war. Es fehlte ihm, was er sonst im 
hohen Grade besessen hatte, die Kraft überzeugungs 
voller Wahrhaftigkeit. Ich ließ ihn indessen reden 
und machte keinen Einwand. Ich wollte vorsichtig 
zu Werke gehen und den Punkt finden, wo er noch 
der Alte und von wo aus ihm beizukommen war. 
Als er sich endlich, nachdem er mir lange, etwas 
unklar, von seinen Bildern und Erfolgen gesprochen 
hatte, vom Sofa erhob, reckte er sich gähnend und 
sagte in einem ganz anderen Tone „Ach was, es 
ist alles Komödie! Aus der einen Seite Lob, aus 
der anderen Tadel — man möchte an sich selbst 
irre werden." 
„Tadel?" fragte ich erstaunt. 
„Ja meinetwegen auch Tadel — und weißt Du, 
Robert," und jetzt näherte er seine Lippen meinem 
Ohre, „es gibt Stunden, in denen ich den Tadel 
gerechter finde, als alles Schmeichelnde, was man 
mir bis jetzt gesagt hat. Er erhebt und quält mich 
zu gleicher Zeit, es ist eine merkwürdige Feder, die 
sich da mit mir beschäftigt." 
„Und hast Du keine Ahnung — wer " 
„Nein — der Autor hält sich im Dunkel, aber 
der Teufel weiß, die Sache beschäftigt mich." 
Bei den letzten Worten hatte der herbe Zug in 
seinem Gesichte etwas Schmerzliches angenommen. 
Ich betrachtete lange mit Jnteresie sein auSdrucks- 
volles Gesicht. Cr hielt die Augen gesenkt und 
schien es vergesien zu haben, daß er nicht allein im 
Zimmer sei. 
Nach langer Weile rüttelte er sich auf, reichte 
mir die Hanb und sagte in einem weichen, herzlichen 
Tone, so wie ich ihn in alten Zeiten an ihm gekannt 
hatte 
„Du bist mein Freund, Robert, der einzige, den 
ich besitze, Du wirst ehrlich mit mir sein, ich weiß 
es." 
Ich legte meine Hand, wie zum Gelöbnis, in 
die seine und dachte an Clarisie Finke. Armes, leiden- 
schastliches Herz! Wie mußte es in ihm getobt und 
gerast haben, daß er es über sich vermocht hatte, 
diese Frau zu fliehen, die mir auf einmal für ihn 
wie geschaffen schien. Ich hatte keinen Anhalt dafür, 
warum mir diese spontane Überzeugung kam, aber 
sie war da — und verstimmte mich. Hatte wirklich 
der Gedanke einer Möglichkeit in mir geschlummert, 
daß sie mir einst noch mehr werden könne? 
Ich befand mich in Brunos Atelier und wußte 
nicht, wie ich dahin gekommen war. Ich mußte im 
Traum durch die Räume geschritten sein, denn erst, 
als Bruno meinen Namen nannte und ich einer 
großen Staffelei gegenüber stand, kehrte ich zur 
Wirklichkeit zurück. 
„Betrachte Dir das Bild genau, Robert," sagte 
er, auf die Staffelei zeigend, „es hat, nachdem es 
von der Jury den ersten Preis erhalten, jenen 
kritischen Aussatz heraufbeschworen, der alles, Kom 
position, Stoff und Technik tadelt. Ich ärgere 
mich darüber, wie schon gesagt, weil ich nicht umhin 
kann, manches zuzugeben. Es war mir, als habe 
die Feder, die es geschrieben, in meinen Eingeweiden 
gewühlt." 
Ich blickte prüfend aus das seltsame Bild mir 
gegenüber. Es packte mich trotz des brutalen Stoffes 
und der flüchtigen klexartigen Malerei, mit der ich 
mich, obgleich man sie kunstvoll und modern nannte, 
noch nicht befreunden konnte. Das Bild hatte etwas 
Ungehöriges, Unharmonisches, besten Ursache ich nicht 
sogleich bemerkte. Die Dirne daraus, die von zwei 
Männern bei dem Früchtekorb einer Marktfrau in 
rohester Weise gepackt wurde — offenbar, weil sie 
gestohlen hatte und nicht freiwillig folgen wollte, 
trug zerrissene schmutzige Kleider, aber über ihrem 
Gesicht lag ein gewisser Stolz, ein beinahe vornehmes 
Etwas, das sich nicht in Einklang bringen ließ mit 
der Art ihres Gebarens. Geradezu widerlich aber 
waren die Gestalten der gaffenden Menge, die sich 
zwischen Obstschalen, Gemüseabsällen und sonstigem 
Straßenkot herandrängten und mit grinsendm Ge 
sichtern sich an dem Vorfalle ergötzten. 
Mir kam das so fremd und unbegreiflich vor, daß. 
Bruno so etwas gemalt haben sollte, daß ich bald 
aus ihn, bald aus die Leinwand sah. Ich hatte ja 
im Laufe der letzten Jahre manche photographischen 
Wiedergaben seiner Gemälde gesehen, aber sie waren 
mir doch farblos entgegengetreten und hatten nicht 
so beleidigend gewirkt. 
„Nun?" fragte Bruno gereizt, „findest auch Du, 
daß mein Bild nichts wert ist?" 
„Nein, das finde ich nicht," sagte ich gedehnt, immer 
noch die Augen an dem, trotz aller Häßlichkeit, inter- 
effantem Gesicht der Diebin. „Dein Talent ist im 
Gegenteil gewachsen, Bruno, seitdem ich nichts von 
Dir sah, es liegt Großartiges in dem Bilde, aber —" 
„Aber — aber — nun aber!" 
„ES ist unharmonisch, nicht im Einklang mit Dir 
selbst. Du könntest Größeres, Befferes, Vollkomme 
neres leisten, wenn Du wolltest." 
„Wenn ich wollte — ha ha — freilich," sagte er 
mit fast diabolischem Ausdrucke in seinem Gesicht, 
„wenn ich wollte, aber ich will nicht, bei Gott, ich 
will nicht!" Und er sank auf den nächsten Stuhl 
und vergrub sein Gesicht in die Hand. 
(Fortsetzung folgt)
	        

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