Full text: Hessenland (24.1910)

smiL, 236 
Nachmessen. Das geschah und das Gemäß paßte. 
Aus den nun gemachten Vorwurf, dann sei das 
Gemäß zu klein, erwiderte ich, keine Auskunft geben 
zu können, werde aber den Rentmeister selbst rufen 
lassen. Dieser erschien dann auch, konnte aber nichts 
anderes sagen, als daß dies unser einziges Gemäß 
sei, mit dem eingenommen und ausgegeben werde. 
Als sich hierauf der Wachtmeister Jung die Be 
merkung erlaubte, das Gemäß könne vertauscht sein, 
befahl ich dem Fruchtmesser, es umzuwenden, und 
zeigte schweigend aus das dort befindliche Regiments 
siegel. Die Herren waren sprachlos und verschwanden 
unter Entschuldigungen, die Husaren lachten. Der 
artige Vorkommnisse und der Umstand, daß die 
Kaserne zu weit von der Renterei entfernt lag, was 
mancherlei Unangenehmes hatte, veranlaßten den 
Rentmeister Collmann im Jahre 1847, das Kriegs- 
ministerium um Entbindung von der Fourage- 
administration zu bitten, worauf der Kasernenver 
walter, frühere Wachtmeister, Bärthel damit beaus 
wurde. Die übrigen Geschäfte behielt die Renterei bei. 
Bemerken will ich hier noch, daß sich bei einer 
von der Renterei beantragten Revision der Gemäße 
herausstellte, daß diese allerdings zu klein waren. 
Da die Ausgabe mit dem etwas größeren Gemäße 
sofort erfolgte, die Einnahme danach aber erst später 
eintrat, so mußte dem Rentmeister von den vorhandenen 
Vorräten eine dem Gemäßunterschied entsprechende 
Menge gutgebracht werden. 
J. Sonstiges. 
Außer den vorstehend ausgeführten, einzelnen 
Dienstobliegenheiten war mit der Renterei verbunden 
der Kalenderdebit. Die Waisenhausverlags 
verwaltung übersandte im Herbst die voraussichtlich 
erforderliche Zahl Kalender. Diese wurden seitens 
der Renterei den Dorsbürgermeistern und für die 
Städte den Rentereidienern zum Verkauf übergeben, 
eine kleinere Anzahl aber zurückbehalten und an 
Kauflustige verkauft. Es bestanden vier Sorten 
a) Wandkalender zu 1 guten Groschen, b) Gewöhn 
liche Hauskalender zu 2 */a Silbergroschen, c) Haus 
kalender mit Papier durchschossen zu 3°/i Silber 
groschen , d) sog. Almanach-Kalender zu 5 Silber 
groschen das Stück. Der Erlös wurde an die 
Waisenhausverlagskaffe abgeliefert, davon aber 
10°/o Provision abgezogen, wovon die Rentereidiener 
eine Kleinigkeit erhielten; die Bürgermeister bekamen 
nichts. 
Zeitweise war der Rentmeister auch mit Ver- 
sehung der Brunnendirektorstelle beauftragt. 
Deren Funktionen bestanden in Aufrechterhaltung 
der Ordnung am Brunnen, Beaufsichtigung der 
daselbst beschäftigten Beamten, Kontrollierung des 
Inventars, der Bäder usw. Unterstellt waren dem 
Brunnendirektor: der Kastellan, der Wirtschasts- 
schreiber, die Leinwandsfrau, der Brunnenmeister, 
die Badewärter, der Hosgärtner, der Schloßknecht, 
das Schloßmädchen, die beiden Gastwirte, die Musik- 
kapelle (Böhmen), der Spielpächter. Dem Brunnen 
direktor war in dem sog. Kavalierhause eine be 
sondere Wohnung eingeräumt. Viel Arbeit war 
mit diesem Dienst nicht verbunden, doch hatte auch 
er sein Unangenehmes und erforderte, namentlich 
bei Anwesenheit des Kurfürstlichen Hofes, viel Auf 
merksamkeit. In den 40 er Jahren waren eines 
Sonntagnachmittags, zu welcher Zeit in dem Kur 
saale getanzt wurde, die wohlhabenden Juden von 
Hofgeismar mit ihren Damen in diesem Saale er 
schienen. Sie wurden von dem Rentmeister, in 
seiner Eigenschaft als Brunnendirektor, ausgefordert, 
den Saal zu verlassen und, als sie dieser Weisung 
nicht nachkamen, durch die Gendarmerie entfernt. 
Natürlich waren die Juden hierüber höchlichst empört 
und reichten sofort Beschwerde bei der Oberfinanz 
kammer ein und wandten, als diese abschlägig be- 
schieden wurde, sich an den Finanzminister. Letzterer 
forderte zum Bericht auf, und der Rentmeister legte 
nun dar, daß nach der für den Brunnen allerhöchst 
getroffenen Bestimmung die Spielsäle jedem, mit 
alleiniger Ausnahme der Einwohner von Hofgeismar, 
geöffnet seien, daß aber das Betreten des Kursaals 
nur jedem anständig gekleideten Fremden, von den 
Bewohnern Hofgeismars aber nur den Honoratioren 
gestattet sei.*) Die Juden in Hofgeismar, die nur 
kleine Geschäfte, meist aber Wucher betrieben, könne 
er nicht zu den Honoratioren zählen, und deshalb 
seien sie ausgewiesen. Die Juden wurden hierauf 
mit ihrer Beschwerde ein für allemal abgewiesen 
und mußten sich begnügen, von außen durch die 
Fenster in den Saal zu sehen. 
Ein anderer Zwischenfall hatte leider traurige 
Folgen. Es wurde zur Anzeige gebraucht, daß der 
Kastellan G., ein intelligenter und sonst ordentlicher 
Mann, der aber, wie allgemein bekannt war. tief 
in Schulden steckte, größere Mengen Roßhaare verkauft 
habe. Auf den Verdacht hin, daß solche möglicher 
weise aus den kurfürstlichen Möbeln entnommen 
seien, wurden diese geöffnet, und es stellte sich heraus, 
daß die Pferdehaare entfernt und durch Hede ersetzt 
waren. Dem Rentmeister blieb nichts übrig, als 
den Kastellan vom Dienste zu suspendieren und dem 
Oberhofmarschallamt Anzeige zu erstatten. G. wurde 
vom Kurfürsten entlasten und hat sich später in 
Kaflel als Schreiber kümmerlich, aber ehrlich durch 
geschlagen. 
Zum Rentereibezirk Hofgeismar gehörten folgende 
Ortschaften: die Städte Hofgeismar und Liebenau, 
*) Das Tanzen war nur im Frack oder in Uniform 
erlaubt.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.