Full text: Hessenland (24.1910)

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in unerschöpflicher Fülle zutage drängte; das war wie 
eine Art dionysischer Ekstase. Die herrlichste antike 
Darstellung des begeisterten Dionysos ist das 
Marmorbild in Leyden; das kannte Dieterich im 
Original und liebte es mehr als alle antike 
Plastik. 
Aber nicht pflegte Dieterich Freundschaft in jenem 
schwächlichen Sinne, daß er um jeden Preis mit aller 
Welt hätte gut Freund sein mögen. Wo er selbst» 
gefälligen Wissensdünkel, unehrliches Herumreden um 
das, was ihm als Wahrheit galt, zu sehen glaubte, 
war er mit der Ablehnung rasch bei der Hand, und 
seine Kritik konnte sehr scharfe Formen annehmen. 
Auch da, wo er sich selbst und seine Sache angegriffen 
sah, hat er nicht immer sanft erwidert. Stets aber 
war er darauf bedacht, die Person seines Gegners 
zu schonen. Ebenso die Gefühle Andersdenkender, 
was bei seinen Untersuchungen auf dem Gebiete der 
Religion nicht immer leicht war. Aber als Sohn 
seines Vaters hatte er vor dem Glauben anderer 
hohe Achtung. Nur das verlangte er, daß man 
Glauben und Wissen scharf voneinander trennte; die 
historische Untersuchung durfte keine Rücksicht aus das 
religiöse Dogma nehmen. Erst wenn durch die 
Forschung sicherer Grund gelegt war, sollte aus diesem 
Grund der einzelne seine gefestigte und geläuterte 
Weltanschauung ausbauen. Eine solche sich selbst zu 
gewinnen, war er unermüdlich an der Arbeit. Während 
er nach außen im reichsten, tätigsten Leben stand, 
suchte er im Innern die harmonische Eukosmie der 
Seele. Sein Wahlspruch waren die schlichten Schluß 
worte des platonischen Phaidros, dort lautet das 
Gebet des Sokrates fieol, dolrjrä /uoi uaAtp 
yeväodai rävöodev. 
Die kurfürstlich hessische Renterei Hofgeismar. 
Von Jean Woringer. 
lSchluß.) 
Der Renterei. lag sodann weiter die Lieferung 
des Brotes für die Mannschaften ob. Das hierzu 
erforderliche Korn wurde meistens aus den Renterei- 
vorräten (Pachtzins) entnommen, der Rest aber 
von Produzenten angekauft und an den Kommiß 
bäcker je nach Bedarf abgegeben. Dieser hatte aus 
1 Viertel Korn 240 Pfund Brot zu liefern und 
das Mahlen selbst zu besorgen; dafür erhielt er einen 
bestimmten Backelohn und die Kleie. Der Kommiß 
bäcker Goldbeck erhielt seit länger als 30 Jahren 
an Backelohn für I Viertel 15 Sgr. Da wurde 
er von einem anderen Bäcker, namens Ravior, ab 
geboten, er behielt zwar das Backen, bekam aber 
nur noch 4 Sgr. 5 Hllr. (44 Pf.) für 1 Viertel. 
Die Abgabe des Kornes an diesen Bäcker geschah 
aus dessen Anforderung und die empfangene Menge 
wurde in ein besonderes Kontobuch eingetragen, wovon 
der Bäcker ein Duplikat besaß. Die Abgabe des 
Brotes an das Regiment geschah durch den Bäcker 
unmittelbar. Am Schluffe des Monats stellte der 
Rechnungsführer ähnliche Quittung wie bei der 
Fourage aus, in der die empfangene Psundzahl 
angegeben war. Auf Grund derselben stellte die 
Renterei eine Berechnung auf, aus der die verbrauchte 
Kornmenge und der zu zahlende Backelohn hervor 
gingen. Die erstere wurde dem Kommißbäcker in 
seinem Kontobuche gutgeschrieben, der letztere bar 
bezahlt. Die monatliche Abrechnung mit dem Kriegs 
ministerium erfolgte durch die Fouragerechnung. 
Eine Vergütung für diese Geschäfte erhielt der Rent 
meister nicht. 
Zu den Obliegenheiten der Renterei gehörte weiter 
noch die Zahlung der Kosten der Arzeneien für 
das Lazarett, Verlage an die Regimentskasse, Bau- 
und sonstige, besonders angewiesene Kosten. Die be 
zahlten Beträge wurden der Kriegskasse von Zeit 
zu Zeit (in unbestimmten Terminen) zugerechnet 
und von dieser über den Hauptbetrag in der Regel 
Wechsel erteilt, die an anderen Kassen (vornehmlich 
der Landeskreditkaffe) in Zurechnung kamen, wovon 
die betreffenden Kassierer durchaus nicht erbaut waren. 
Wie schon oben erwähnt, waren die Geschäfte 
mit mancherlei Unannehmlichkeiten verbunden. Es 
lag dies daran, daß seit 1845 die Offiziere des 
Regiments öfters wechselten, hauptsächlich aber hatte 
es seinen Grund darin, daß diese neuen Herren die 
Geschäfte und Verhältniffe nicht kannten. So erschien 
im Jahre 1846 an einem Fouragiertage der Oberst 
von Amelunxen und der Regimentsschreiber, Wacht 
meister Jung, und ließen einen versiegelten Sack 
Hafer herbeitragen. Da die Regimentssäcke nu 
meriert waren, ließ sich leicht feststellen, welches 
Gewicht der Sack bei der letzten Fouragierung gehabt 
hatte. Hierauf erklärten die Herren, der Sack sei 
nachgemeffen und enthalte kein volles Viertel, weshalb 
sie auf nochmaliges Messen in meiner Gegenwart 
beständen. Das geschah, und es stellte sich heraus, 
daß eine Kleinigkeit fehlte. Nunmehr machte ich 
den Herrn klar, daß man Hafer fünfmal messen 
könne und jedesmal ein anderes Resultat erzielen 
würde, da es daraus ankomme, wie sich der Hafer 
in dem Gemäße lege, ich verlangte nochmaliges
	        

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