Full text: Hessenland (24.1910)

S*tE> -234 SUHL) 
Hochsommer. Unter Blumen und Blüten bewegte 
sich der Zug der Trauernden zum Ort der Feuer 
bestattung. Es war eine Stimmung in der Natur 
wie zu der Zeit, da die Frauen von Hellas um 
Adonis klagten, den göttlichen Jüngling, den plötz 
licher Tod an einem Sommertag gefällt hatte. 
Mit Albrecht Dieterich sind große Pläne und kühn 
gedachte Entwürfe zu Grabe gegangen. Man darf 
sich nicht vorstellen wollen, was er der Wissenschaft 
geworden wäre, wenn ihm das Schicksal noch ein 
oder zwei Jahrzehnte gegönnt hätte, ihm, der mit 
jeder Arbeit die Erkenntnis, oft an einem entscheidenden 
Punkte, förderte und selbst da, wo er irrte, Anregung 
gab. Sein Nachlaß enthielt große Mengen von 
Notizen, Zeugen seiner Teilnahme an allen Be 
wegungen religiösen Lebens im Altertum und an 
den Analogien anderer Völker, die er in langen Jahren 
zusammengetragen hatte. Leider ist das meiste dieser 
Kollektaneen für niemand anders verwendbar, meist 
ein Zitat, dazu ein kurzes, nur ihm vertrautes Stich 
wort — das ist alles. Für einige Materien sind 
die Notizen ausführlicher und zu Gruppen geordnet 
(z. B. für Abendmahl, Angeloi, Himmelfahrt, Pax, 
heilige Quellen, Traum) diese Sammlung hat Frau 
Marie Dieterich sich entschlossen dem in Bonn ge 
gründeten Usenerarchiv zu überweisen und damit 
allen zugänglich zu machen. 
Nicht beendet ist von größeren Arbeiten eine Aus 
gabe der Legende des heiligen Theophilos, die Dieterich 
durch die Beziehung des Zaubers zur Legende lockte, 
und eine Edition der orphischen Hymnen, die er nie 
aus den Augen verloren hatte. Sie sollte zusammen 
mit anderen Resten orphischer und mystischer Poesie 
im zweiten Band der Sammlung ?ovtarum Grae- 
corum fragmenta erscheinen, die u. von Wilamowitz 
redigiert. Beide Arbeiten sollen von Freunden 
Dieterichs zu Ende geführt werden. Ebenso wird 
die Redaktion der „Religionsgeschichtlichen Versuche 
und Vorarbeiten" und des „Archivs für Religions 
wissenschaft" im Sinne Dieterichs von befreundeter 
Hand weiter geleitet. 
Das geplante Buch über „Volksreligion" ist nicht 
mehr geschrieben worden. Es sind nur Vorarbeiten 
für die Ausarbeitung vorhanden. Von dem „Unter 
gang der antiken Religion", wie der Titel lauten sollte, 
gibt es Nachschriften seiner Schüler, die wenigstens 
den Ausbau der Gedanken erkennen lassen. Es ist 
daran gedacht worden, eine Sammlung der kleinen 
Schriften Dieterichs herauszugeben, vielleicht kann 
darin das das eine oder andere Bruchstück dieser 
beiden Werke Ausnahme finden. 
Dieterich ahnte, daß er nicht alt werden würde. 
Das hätte ihm Schonung auferlegen sollen. Aber 
die kannte er nicht und wollte sie trotz aller besorgten 
Zureden nicht kennen. War ihm ein Problem klar 
geworden, so setzte er die Nächte daran, um seine 
Gedanken in einem Zug niederzuschreiben, unbe 
kümmert darum, welches die Anforderungen des 
Tages sein würden. Vor die Wahl gestellt zwischen 
einem kurzen Leben in Tätigkeit oder einem langen 
Leben in Untätigkeit, hätte er gewählt wie Achilleus. 
Nur das bewirkte die Vorahnung von seinem frühen 
Ende, daß er seine Arbeiten aus bestimmte Ziele 
konzentrierte, das hat er selbst ausgesprochen. Dies 
ist der Grund, weshalb er die mehr philologischen 
Fragen, die ihn doch .früher gereizt hatten, in den 
letzten Jahren bewußt zurücktreten ließ. 
Vieles von dem, was er plante, wird für alle Zeiten 
unvollendet bleiben. Aber nicht verloren ist das, was 
er seinen Schülern eingepflanzt hat. Er erinnerte 
gern an das schöne Wort Useners: „Nur das im 
Menschen ist dauernd, was in den Herzen anderer 
fortlebt." Auch Dieterich versuchte das. was er seinen 
Schülern gab, so eindringlich zu gestalten, daß es 
wirklich zu Herzen ging. Und nicht nur eindringlich, 
sondern auch wissenschaftlich ehrlich wollte er seinen 
Vortrag. Darum bereitete er sich für Kollegia und 
Übungen stets sorgfältig vor lieber kürzte er den 
Schlaf, als daß er sich mit dem Schein einer Lösung 
zufrieden gegeben hätte. 
Die Begeisterung, mit der Dieterich seine Auf 
fassung von der Ausgabe des Lehrers vertrat, ist 
vielleicht das Beste gewesen, was er den Philologen, 
die durch seine Schule gingen, mitgegeben hat, wer 
dafür offenes Gehör hatte, der ist auch seinen Schülern 
wieder ein guter Lehrer geworden. Was fie Dieterich 
verdankten, wußten die Heidelberger Studenten wohl. 
„Es ist, als wäre uns der Vater gestorben", war 
ihre Stimmung in jenen Maitagen, für einen Lehrer 
die schönste Grabschrist. 
Wo Albrecht Dieterich hinkam, erwarb er sich 
Freunde aus der Schule, als Student, im Süden, 
unter den Dozenten, deren Kollege er war. Seine 
freundliche, ungezwungene Art, sein sonniges Lachen 
gewann sofort die Herzen. Die heitere, humorvolle 
Überlegenheit über die Kleinlichkeiten des Daseins, 
seine starke Lebensfreude machten den Gleichgesinnten 
bald mit ihm vertraut. Seine Begeisterung für 
alles Schöne und Große riß mit sich fort, sein 
Ringen mit den höchsten und letzten Problemen der 
Menschenseele erweckte den Drang zu gleichgerichteter 
Mitarbeit. Wo Dieterich solche Empfindungen fand, 
hat er sie reich erwidert; es war ihm Bedürfnis, 
Freunde zu haben. Wer sich Dieterichs Freund 
nennen durfte, wird nie vergeffen, was er ihm verdankt 
für wiffenschastliche Erkenntnis und Durchbildung 
des inneren Menschen. Am herrlichsten aber waren 
die Stunden, wenn Albrecht Dieterich in vertraulicher 
Zwiesprache, über Raum und Zeit erhaben, sein 
Inneres erschloß und alles, was dort webte und wogte,
	        

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