Full text: Hessenland (24.1910)

SUHL 232 9*tib 
Mittelalterliche Landwehren im sogenannten sächsischen Hestengau 
Von fr Psafs- 
(Fortsetzung.) 
Die Städte schufen nicht nur geschlossene Grenz 
wehren, zuweilen zwei hinter einander, sondern 
unterließen auch sonst nichts, um sich zu sichern. 
In Zeiten der Gefahr schickten sie Trupps zur 
Beobachtung mehrere Meilen weit vor die Grenze 
der Stadtmark, auch verbanden sich öfters benach 
barte Städte zum Zweck der gegenseitigen Siche 
rung. So versprachen sich im Jahre 1358 die 
Städte Marburg, Hofgeismar, Volkmarsen, Wolf 
hagen und Niedermarsberg Hilfe bei der Landhute 
an bestimmten Punkten, Aufnahme in die Schläge 
und Landwehren*), unter Umständen sogar in 
die Städte selbst, falls eine befreundete Partei 
bei der Nachreise gedrängt -würde. Von den ge 
nannten Städten waren Volkmarsen und Nieder 
marsberg kölnisch, Wolfhagen hessisch, Hofgeismar 
mainzisch, während Marburg zum Bistum Pader 
born gehörte, sie lagen sämtlich an den Grenzen. 
Obgleich die Stadtherren sich oft genug feindlich 
gegenüber standen, vereinigten sich die Städte zum 
gegenseitigen Schutz und zur Aufrechterhaltung 
des Landfriedens, natürlich mit Genehmigung 
ihrer Herren und unbeschadet der Pflichten gegen 
sie. Dies Verhältnis beruhte übrigens nicht nur 
auf einer etwas älteren Grundlage, sondern schon 
im Jahre 1294 hatte der Bischof Simon von 
Paderborn Marsberg, Marburg, Hofgeismar, 
Wolfhagen und dazu noch Höxter, Fritzlar und 
Naumburg zu einem Landfriedensbund vereinigt.**) 
Die Landwehren konnten nur mit Genehmigung 
der Landesfürsten, denen das Befestigungsrecht seit 
dem Anfang des 13. Jahrhunderts zustand, er 
richtet werden, öfters, und zwar nicht nur bei der 
Anlegung von Gebietssperren, sondern auch bei 
städtischen Grenzwehren, wird die Anregung oder 
das Gebot von diesen ausgegangen sein. Eine 
Reihe von Urkunden, die erhalten sind, bezeugt 
dies Verhältnis, in anderen Fällen sind sie ver 
loren gegangen oder die Genehmigung ist nicht 
schriftlich erteilt worden. Bei der Errichtung der 
Landwehren konnten dann noch insofern Schwierig 
keiten entstehen, als die Städte über die Land 
streifen, deren sie benötigten, nicht immer frei 
verfügen konnten. Wenn die Länderei auswärtigen 
Eigentümern, Klöstern, Stiftern oder Rittern, ge 
hörte, so mußten diese zustimmen, daß die Wehr 
durch ihren Grund und Boden geführt wurde und 
man etwa auch darin Steine zum Bau der 
*) slaghe vnde in de tuone. Falckenheiner, Gesch. 
Hess. Städte u. Stifter II. 2 Urk. 25. 
**) Wests. Urkundenbuch IV Nr. 2307. 
Warten brechen durfte. Im allgemeinen lag es 
ja in ihrem Interesse, eine Schutzwehr für ihr 
Eigentum zu erhalten, so daß einzelne zum Bau 
beisteuerten, andere aber gaben ihre Zustimmung 
nur gegen eine Geldentschädigung. 
Nachdem endlich um die Wende des Mittel 
alters der Landfriede bis zu einem gewissen Grade 
durchgeführt werden konnte, war die eigentliche 
Zeit der Landwehren vorbei, und man begann, 
sie eingehen zu lassen, doch ist der Vorgang nicht 
allenthalben gleichmäßig und erst während eines 
längeren Zeitraumes erfolgt. Es verdient bemerkt 
zu werden, daß viele weltliche Fürsten, darunter auch 
die hessischen, in der Handhabung des Landfriedens 
einen Eifer zeigten, der ihnen die Dankbarkeit 
und Liebe des Volkes einbrachte, während es in 
den Hochstiftern, wo die Ritterschaft das Heft in 
den Händen behielt, oft an dem nötigen Nachdruck 
fehlte. Wo die Landwehren durch gute Länderei, 
besonders durch Wiesen, führten, legte man die 
Wälle nieder, und das Land wurde Gemeinde 
eigentum j aus trieschem Land, an steinigen und 
abschüssigen Stellen erhielten sich hingegen lange 
Züge, ebenso auch da, wo das Eigentum an den 
Anlagen zwischen verschiedenen Gemeinden geteilt 
war. 
In der Zeit des dreißigjährigen Krieges machte 
sich zuweilen das Bedürfnis nach dem Schutz, den 
Landwehren bieten konnten, wieder geltend, besonders 
gegenüber Streifparteien, Marodeuren und ^Mause 
köpfen". Als Tilly mit dem Heer der Liga im 
Jahre 1623 in Westfalen focht und das Korps 
des Generals Anholt die nordwestliche Grenze 
Hessens bedrohte, versammelte der Landgraf Moritz 
am 3. Juni einige Landsassen und Abgeordnete 
in Trendelburg und schlug vor, auf den Spuren 
der alten Landwehren rasch einen neuen Land 
graben herzustellen und zu besetzen. Die Ver 
sammelten hielten das aber für zu umständlich 
und kostspielig, zumal auch 1000 Mann zur 
Besatzung nötig seien, und machten den Gegen 
vorschlag, einfach die alten Gräben zu reinigen 
und sich dadurch gegen Überfälle zu sichern. Nach 
der Lage der Sache kann es sich wohl nur um 
die Gebietslandwehr an der Diemel handeln, von 
der noch die Rede sein wird; es mag schließlich 
gar nichts geschehen sein, denn der rastlose Land 
graf machte oft genug Pläne, von denen er wieder 
absprang. Im Herbst des Jahres hielt Tilly 
seinen Einzug in Niederhefsen und setzte sich hier 
dauernd fest. Einzelne Städte waren auch von
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.