Full text: Hessenland (24.1910)

229 r*«L, 
Ein Besuch der „tzenschelei" im Jahre 1839. 
Im Sommer 1839 kam der durch seine militärischen und 
anderen Schriften bekannte preußische Oberst C. v. Decker 
in Königsberg mit seinem Sohn, der als Leutnant bei 
seiner Brigade stand, auf einer Urlaubsreise nach Süd 
deutschland und Oberitalien auch nach Kaffel, wo er u. a. 
auch der Henschelschen Maschinenfabrik einen Besuch ab 
stattete. worüber er wie folgt berichtet: 
»Sehr interestant für uns war der Besuch der Maschinen 
fabrik der Herren Gebrüder Henschel, von denen der 
ältere die Stelle eines Oberbergraths bekleidet und der 
jüngere den Titel Profestor führt. Die Fabrik kann sich 
freilich an Größe mit der berühmten der Herren Cockerill 
zu Seraing nicht mesten, dafür wird sie aber hoffentlich 
auch nicht bankerott machen. In seiner Art ist das Eta 
blissement großartig zu nennen. Unten im Hauptgebäude 
befinden fich die Schmieden, oben die Holzarbeiter, und eine 
höchst vereinfachte Dampfmaschine mit Hochdruck setzt alle 
Dreh-, Bohr- und Schneidewerke in Bewegung. Der Keffel 
besteht wie bei allen neuen Dampfmaschinen aus einzelnen 
Röhren, hat aber mittelst eines Hebelgewichts eine solche 
Vorrichtung, daß. wenn die Dämpfe eine zu starke Spannung 
bekommen, der Rost, auf dem die Feuerung ruht, fich 
umklappt, wodurch das Feuer erlischt. Außer dieser hat 
die Maschine auch noch andere recht sinnreiche Vorfichts 
einrichtungen. 
Auf der großen horizontalen) Drehbank war so eben 
ein Hannoverscher SechSpfünder fertig geworden. Es muß 
befremden, daß Hannover Geschütze auswärts in Bestellung 
giebt, da es sich doch wahrscheinlich selbst im Besitz einer 
Stückgießrrei befindet; man sagte uns aber, das dortige 
Bohrwerk hätte nicht die Einrichtung, vorwärts und rückwärts 
abdrehen zu können, und deshalb wäre das Rohr hier in 
Kastel gegosten worden. Es war sehr glatt gebohrt und 
höchst elegant abgedreht, was ich selbst in Wien nicht schöner 
gesehen habe. 
Zu den intereffantern Maschinen gehört auch eine Eisen- 
Hobelbank, d. h. eine Maschine, aus welcher Eisenplatten 
glatt gehobelt werden, und welche sehr genau arbeitet. 
Die Fabrik verfertigt Maschinen aller Art, meistens aber 
Dampfmaschinen; die hiesige soll 1800 Preußische Thaler 
gekostet haben, was bei der Schönheit der Arbeit eben nicht 
zu hoch erscheint. 
In der Mitte des HofeS steht ein Gebäude in Form 
einer großen Rotunde, das Haupt-Atelier für das Formen 
und Gießen, mit einer Kuppel bedeckt, was dadurch 
Aehnlichkeit mit der katholischen Kirche in Berlin hat. Der 
Durchmester dieser Rotunde beträgt polle 60 Fuß. die 
Höhe bis zum Anfang der Kuppel 14 Fuß. Die Kuppel 
ist ein Gewölbe von konischen Topfröhren, das sich 
selber trägt. Im Jahre 1825 habe ich ähnliche Gewölbe 
von Topfröhren in Paris bei den Dächern der sogenannten 
»Weinstadt" gesehen, aber prismatisch, und hier in Kassel 
zum erstenmal in Form einer hohlen Halbkugel. Das 
Profil dieser Kuppel ist ein Halbkreis, aus welchem oben 
ein kleiner Theil herausgenommen ist, um eine stärkere 
Spannung zu bekommen. Die ganze innere Höhe des 
Ateliers beträgt 44 Fuß. Die obere runde Oeffnung der 
Kuppel ist mit Glas ausgefüllt, wodurch das Licht hinein 
fällt und was eine sehr gute Beleuchtung giebt. Der ganze 
Bau der Kuppel ist kühn zu nennen und auch erst nach 
mehren vergeblichen Versuchen gelungen; einmal ist ein 
förmlicher Einsturz erfolgt, glücklicherweise aber an einem 
Frühmorgen, wo noch Niemand in der Werkstatt sich befand. 
— Im Innern befindet sich ein Flammen- und ein Kuppel 
ofen. 
In der Mitte der Rotunde befand fich die vor Kurzem 
fertiggewordene Statue des heiligen Bonifazius auf 
gestellt. In der Metallmischung hatte man Bronze mit 
einem Zusatz von Zink genommen, um eine glänzende 
Goldfarbe zu erlangen. Die Statue war bereits fertig 
ziseliert. Professor Henschel. der zugleich Bildhauer ist, 
hat nicht sowohl die Zeichnung selbst entworfen, sondern 
auch das Modell gefertigt und den Guß ausgeführt. Der 
Guß ist vollkommen gelungen, und muß ein Meisterstück 
genannt werden, die Zeichnung der Figur ist höchst edel, 
das Gesicht ausdrucksvoll, der Faltenwurf des Gewandes 
ganz vortrefflich. In der linken Hand trägt der heilige 
Mann eine Bibel, der erhobene rechte Arm von kräftiger 
Muskelstruktur hält ein Kreuz, das von Holz seyn soll 
und der Natur täuschend ähnlich nachgebildet ist. Dieses 
riesige Meisterwerk — denn die Figur ohne Fußgestell ist 
12 Fuß hoch — ist nach Fulda bestimmt, wo der heilige 
Mann besonders thätig gewirkt haben soll. Herr Profeffor 
Henschel war so eben beschäftigt, ein Modell im ver 
kleinerten Maßstabe, zwei Fuß hoch, zu formen, wovon 
auch einige Abgüffe in Bronze und die übrigen in Gips 
gemacht werden, und welche jede glyptothekische Sammlung 
mit Ehren zieren dürften. — Man scheidet mit Achtung 
von dem Etabliffement und hat die Artigkeit und Höflichkeit 
zu rühmen, mit der man aufgenommen und herumgeführt 
wird; denn so angenehm es auf der einen Seite den Fabrik 
herren sehn mag, ihre Schöpfungen den Fremden zu zeigen, 
so störend find auf der anderen Seite solche Besuche, wenn 
sie häufig vorkommen für das Geschäft, und man könnte 
es den Künstlern nicht verdenken, wenn sie zuletzt ver 
drießlich werden. — Schließlich ist noch zu erwähnen, daß, 
seitdem die Chursürstliche Gießererei in Kaffel abgebrannt 
ist, die Artillerie ihre Bestellungen bei den Herren Henschel 
macht und fich bis jetzt sehr zufrieden damit erklärt haben 
soll.' 
Hersfeldisches aus dem 
Von Pfarrer Dr. 
m 
HI. 
Blutig find wohl die Kämpfe und Fehden des 
Mittelalters zuweilen gewesen. Aber sie waren 
doch meist nur von örtlicher Bedeutung. In die 
furchtbaren Zeiten des 30 jährigen Krieges lasten 
uns andere Akten einen Blick tun Sie entstammen 
dem Familienarchiv dreier Brüder Volckmar in 
Alsfelder 'Stadtarchiv. 
Becke r-Aliseld. 
iß.) 
Lauterbach, von denen der Überlebende, Stamm, 
sein Vermögen dem Alsfelder Hospital und der 
Wiederaufbauung der Augustinerkirche widmete. 
Durch dieses Vermächtnis kam das Volckmarsche 
Archiv in den Besitz der Stadt Alsfeld. 
Die Volckmar besaßen u. a. auch Güter in 
Hersfeld, die sie 1652 dem Armenhaus in Lauter
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.