Full text: Hessenland (17.1903)

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genommen seine zweifellosen Vorzüge haben mag (ich 
persönlich verstehe auch unter diesem Ehrentitel etwas 
anderes), daß es aber als „Roman" pur exesllknoe ab 
gelehnt werden muß. So anerkennenswert einzelne Partien 
sind — sie beweisen, daß Verfasser auf dem Gebiete der 
Skizze ganz gut seinen Mann zu stellen vermag —, so leer 
und blutlos find die einzelnen Personen, hie den Haupt 
mittelpunkt darstellen. Nirgendswo frisches pulsierendes 
Leben, immer Schablone, nie in die Tiefe dringend, sondern 
an der Oberfläche hängen bleibend. Man löse z. B. die 
Gestalt des Bauern-Dichters Isaak Maus aus der Schilde 
rung heraus, was bleibt von dem kernigen Bauern, der 
auf seine Zeitgenossen doch einen großen Einfluß ausgeübt 
hat, mehr übrig als ein paar schöne Phrasen? Eine Un 
manier möchte ich, da sie mir in der neueren Volksbücher- 
literatpr oft aufgefallen, als typisch also, hier festnageln. 
Es ist das Anbringen aller möglichen Anekdoten usw. in 
der Erzählung, ohne daß diese Zwischenbemerkungen im 
innigen Zusammenhang mit der Erzählung selbst stehen, 
ohne daß sich für ihr Niederschreiben auch nur'die geringste 
innere Notwendigkeit fände. Ein Beispiel aus vorliegen 
dem Buche erläutere, was ich meine: der auf S. 12 erzählte 
unfreiwillige Witz des Taglöhners Balz (NB. unsere Groß 
eltern haben über den schon nicht mehr gelacht) ist, das 
ergibt sich aus der ganzen Erzählungsweise nicht etwa aus 
innerer Notwendigkeit, sondern nur, um eben einen — guten 
Witz anzubringen, abgedruckt. Streicht man die halbe 
Seite und anfangs des nächsten Kapitels noch das Wörtchen 
„doch" aus, entwickelt fich die Handlung ruhig auch ohne 
den Zwischenfall weiter. Ich. bestreite den Herren Ver 
fassern das Recht nicht, derartige Anekdoten zu erzählen, 
aber m. E. muß das dann in solcher Form geschehen, daß 
sich dieselben organisch aus der Handlung entwicklen und 
nicht etwa nur des Zeitvertreibes wegen abgedruckt werden. 
Ich weiß, daß große Epiker, z. B. Hamerling in „Aspasia", 
in gewissem Sinne auch an diesem Übel kranken. Das 
ändert aber nichts an der Sache. Das Zeitkolorit ist 
nicht das schlechteste am Buch; der Roman spielt in den 
Jahren 1808—14, Zeiten also, ip denen gerade das linke 
Rheinufer so Schweres durchmachen muffte. Was mit 
diesen kriegerischen Zeitläuften zusammenhängt, ist ganz 
Mt geschildert; aber auch diese Teile vermögen nicht darüber 
zu täuschen, daß das Buch höheren Ansprüchen nicht zu 
genügen vermag. Immerhin geben, aber diese einzelnen 
guten Partien Veranlassung, die Hoffnung auszusprechen, 
daß dem Herrn Verfasser bei weiterer Ausbildung seines 
Talentes in Zukunft vielleicht Befferes gelingt. 
Alexander Burger. 
Grabein, Paul. In der Philister Land. 
Roman von (A. u. d. T.: Vivat Academia! 
Romane aus dem Universitätsleben. Bd. II.) 8 °. 
Berlin (Richard Bong) o. I. (1903.) 
Im Hochsommer ist dem Seite 210 des laufenden Jahr 
gangs besprochenen Band I (Du mein Jena!) die angekündigte 
Fortsetzung nachgefolgt, welche im großen und ganzen die 
Kehrseite der Medaille zeigt. Sieben Jahre des harten Lebens 
kampfes um eine Stellung, nachdem dem Helden des Romans, 
Hellmrich, der Staatsdienst durch ein Zerwürfnis mit seinem 
Direktor verschlossen war, sind durchlaufen nach dem Auszug 
aus Jena. Auch sein einstiger Schüler und späterer Rivale 
Simmert hat Jena verlassen, nachdem ihn das Glück 
vor der Pistole Rittners rettete, und der flatterhafte Geselle 
entfremdet sich im großen Berlin als Referendar seiner 
Kleinstadt-Verlobten so sehr, daß die endlich notwendige 
Lösung. dieses Bundes nur befreiend wirkt. Nach schwerer 
Prüfung wird dann Lotte Gerting die Braut und Gattin 
Hellmrichs, der als glücklicher Vater nach sieben schweren 
Jahren seine Alemannia. und sein Jena wiedersieht. Zwar 
im raschlebigen Wandel der heutigen Zeiten geändert, aber 
im Innern noch das alte, unvergeßliche Jena, und Gott 
sei Dank seine geliebte Alemannia noch immer lebensfrisch 
und blühend durch jungen Nachwuchs und treue, ulte Herren, 
bei denen auch Hellmrich, der „alte Verstand" noch un 
vergessen bleibt und froh begrüßt wird. Aber wo sind 
sie, die mit ihm jung waren vor sieben Jahren-und mehr? 
Philister geworden oder gar Abstinenzler, wie der ehe 
malige Bier-Pastor Pahlmann, dessen Bekehrung eine gute 
realistische Schilderung erfährt, oder wie es im Liede heißt: 
„Zu den Toten entboten, verdorben, gestorben in Lust und 
im Leid." Wo mag der geächtete Heinz Rittner, dessen 
Geschick uns Grabein ergreifend realistisch aufrollt, jetzt 
weilen im harten Lebenskämpfe, jenseits des Ozeans? Und 
gerade die einst Kräftigsten aus dem Kreise, wie Wehrhahn 
und Buttmann, hat der Tod erbarmungslos ereilt. Doch 
nur der Lebende hat Recht, die Gegenwart lacht ja noch 
günstig über Alemannia und Jena, und verspricht eine 
helle Zukunft ihren Söhnen; da müssen die Schatten der 
Vergangenheit zurücktreten vor dem Zauber der Erinnerung 
an das doch schöne Einst von „Du mein Jena", welcher 
bleiben wird bis zum Ende im Alltage des Lebens. So 
klingt der ernste Band 1l von ,, Vivat Academia“ 
wenigstens nach allen herben Bildern noch erträglich und 
versöhnlich aus. Y. 
M ü nchs Hausschatz. Unter diesem Haupttitel sind 
soeben im Verlag von Richard Münch in Charlotten 
burg erschienen: „Deutsche Dichtung der Neu 
zeit" und „Deutsches Skizzenbuch . Der Zweck 
der Veröffentlichung ist, auf möglichst billige Weise dem 
Volk einen großen Teil seiner lebenden Dichter mit einigen 
ausgewählten Liedern und Erzählungen zugänglich zu 
machen. Aus diesem Grund ist der Preis, des Bänd 
chens geheftet auf 50 Pf., gebunden 85 Pf. festgesetzt 
worden. Von hessischen Schriftstellern sind vertreten: 
Alfred Börckel aus Mainz, Gustav Kastropp 
aus'Salmünster, Carl Preser aus Kassel, Her 
rn i o n e v o n Preuschen aus Darmstadt, Iulius 
Rodenberg aus Rodenberg, Wilhelm Walloth 
aus Darmstadt und der Redakteur dieser Zeitschrift. 
Hessische Zeitschriftenschau 
Allgemeine deutsche Biographie, Nachträge, 47. Bd. 
1. Bromeis, August, Maler. Bespr. von L. Katzen 
stein (S. 272/73). 
2. Büchel, Konrad, Jurist. Bespr. von Ernst Lands 
berg (S. 314). 
3. Bähr, Otto, Jurist. Bespr. von A. Teichmann 
(S. 747/48). 
4. Cornicelius, Georg, Maler. Bespr. von Ludwig 
Fränkel (S. 527—29). 
5. Des Coudres, Ludwig, Maler. Bespr. von 
V. Weech (S. 666/67). 
Allgemeine Zeitung (München), Beilage. Nr. 248. 
Oskar Bulle: Wilhelm Weigand.
	        

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