Full text: Hessenland (17.1903)

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bei Frankfurt a. M; ich war zum Schulbesuch in die 
Obhut meines Schwagers Hillebrand gegeben, der 
Professor an der Universität Gießen war. Dort 
wuchs ich mit den Kindern aus. In ihrer Achtung 
vor „Onkelchen" überließen sie und ihre Kameraden 
mir gleich die führende Rolle. 
Ich brachte auch merkwürdige Fähigkeiten mit, 
konnte sie lehren, wie man Vögel sängt und aus 
stopft. Zwar kam es nicht sehr häufig zum Aus 
stopfen, denn die Vögel waren nicht so gutmütig 
sich von uns fangen zu lassen. Aber mit uner 
müdlicher Ausdauer stellten wir immer von neuem 
Fallen und Meisenkörbe, die wir mühsam selbst 
flochten, strickten Netze zum Vogelfang und schlichen 
dann viel zu häufig hinzu, um nachzusehn. Auch 
schossen wir mit Blasrohren nach den Vögeln. 
Damals, um das Jahr 1830, war noch Vögelsangen 
und -Schießen sehr an der Tagesordnung und nicht 
zu schwer. In der jetzigen vogelarmen Zeit kann 
man das kaum mehr verstehen. 
Ich hatte diesen schönen Sport von Engländern 
gelernt. Mein Vater hatte ein Institut für Aus 
länder, die sich stets gern mit dem hoffnungsvollen 
Jüngsten beschäftigten. Aber was sie so meister 
haft verstanden, die Fallen unbemerkt zu stellen, 
das war für meine Freunde und mich unmöglich. 
Schon wenn wir über den Zaun in den fremden 
Garten, den Schauplatz unserer Taten, einstiegen 
mit unserm ganzen Geräte, hatten wir einander 
so viel vorzuprahlen, die Vögel hätten ja taub und 
blind sein müssen, wenn sie unser wichtiges Treiben 
nicht bemerken sollten. Sie folgten uns auch neu 
gierig bis an die Fangplätze, und während wir 
da eifrig schafften, saßen immer welche aus den 
nahen Bäumen und unterhielten sich über uns hinweg, 
wahrscheinlich machten sie sich über uns lustig. 
Die vielen munteren Bewohner einer großen Vogel 
hecke, die ich lange Zeit eifrig versorgte und hütete, 
waren zum größten Teil geschenkt, eingetauscht oder 
gekauft. 
Eine schöne Kindheit verlebten wir in jenem 
herrlichen verwilderten Garten, wir hausten dort, 
als gehöre er uns. Der Besitzer betrat ihn nur 
selten. Stundenlang lagen wir im Gras und sahen 
in die hohen Baumkronen hinaus oder nach den 
ziehenden Wölkchen, umweht von dem Duft der zu 
dichten Hecken verwachsenen Syringen, Geisblatt 
und Jasmin, in diesem Reich der Vögel, dieser 
wunderbaren Ruhe, anscheinend so fern von dem 
Treiben der Welt. Dann spielten wir auch Indianer- 
oder Raubritter-Spiele, und wer in dieser Wildnis 
versteckt war, den konnte man nicht finden. Die 
Wege waren verwachsen durch überhängendes Ge 
büsch und mit dichtem Graswuchs bedeckt. Lebhaft 
steht auch noch in meiner Erinnerung, wenn früh 
morgens der Tau in den Gräsern funkelte, wie 
wir mit Eifer den weißleuchtenden Heiligenschein 
beobachteten, der um die Köpfe unsrer Schatten 
erglänzte. Ich hatte in dem Garten auch die 
beste Gelegenheit zur Herstellung einer großen Käser 
und Schmetterling-Sammlung und eines stattlichen 
Herbariums. Mit Hülse guter Bücher ordnete ich 
alle diese Sammlungen mit Liebe und verglich 
und bestimmte jedes Exemplar genau. 
Jahrelang verbrachten wir dort jede freie Zeit. 
Auch der Winter konnte nirgend so schön sein, wie 
in dieser Wildnis, wenn der unberührte Schnee 
den Boden bedeckte und schwer aus den Bäumen 
1111b Büschen lastete. Dann fütterten wir unsere 
Vögel mit Beeren und Samen, die wir im Herbst 
gesammelt hatten, bauten Schneehäuser und lieferten 
große Schneeball-Schlachten. Wir hatten viel Frei 
heit, vielleicht etwas zu viel, aber merkwürdiger 
Weise hat sie keinem von uns geschadet. 
Mein Schwager war viel zu harmlos und heiter, 
um für uns ein strenger Pädagoge sein zu können. 
Er war ein bedeutender Professor, höchst anregender 
Gesellschafter, doch zugleich eins der zerstreuten 
Originale, die in Prosessorenkreisen ja vorkommen. 
Uns war seine Zerstreutheit das tägliche Brot. 
So kam er zum Beispiel einmal etwas verspätet 
zu Tisch: „ich bin heute absichtlich später," sagte 
er, „denn es ist ja Mittwoch und Ihr müßt nicht 
zur Schule". Wir lachten, denn es war Freitag, 
und wir erreichten nur knapp den Nachmittags 
unterricht. Damals gehörte 1 Uhr entschiedener 
zum Nachmittag als jetzt, der Unterricht dauerte 
von 1 bis 3. 
Unübertrefflich ist, daß mein Schwager in Ge 
danken vertieft aus dem Kolleg nach Hause ging, 
vor seiner eigenen Tür angekommen aufschaute und 
angeschrieben las „Zu sprechen von 3 bis 4 Uhr"; 
da sah er nach seiner Uhr, murmelte mit bedauerndem 
Kopsschütteln: „dann ist er jetzt nicht zu Hause" 
und ging wieder von dannen. Wiesen wir ihm 
dergleichen nach, so lachte er so herzlich mit, als 
ob ein anderer dieser drollige Gelehrte sei. 
Daß meine Schwester unsern Schritten folgte, war 
unmöglich, der große Haushalt und die ganz bedeutenden 
Ansprüche, die ihr Mann in geistiger und geselliger 
Beziehung an sie stellte, waren für ihre Kräfte 
schon fast zuviel. So kam sie auch nur selten die 
hohen Treppen hinaus in unser Schlafzimmer in 
der Mansarde, und es blieb dort manches unbemerkt, 
was Strafe verdient hätte. Wir hatten in unserin 
Übermut eine barbarische Methode, einen Gegen 
stand aus seine Haltbarkeit zu prüfen, wir faßten 
einander bei den Köpfen und schlugen mit diesem 
herzhaften Werkzeug tüchtig draus los. Einmal 
war in unsrer Mansarde ein Fenster zufällig zer-
	        

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