Volltext: Hessenland (16.1902)

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und, was das Schlimmste war, warf seinen Schatten 
in mein Heim und fing an mich stumpf zu machen 
gegen seinen Reiz. Vergebens versuchte meine Frau 
mir die Häuslichkeit so behaglich wie möglich zu 
machen, versuchte mich aufzurichten und anzuspornen 
zu neuer Arbeit. Gerade der Frau gegenüber 
empfand ich es wie Beschämung, daß ich nicht mit 
einem befriedigenden Ergebnis meiner Thätigkeit 
vor sie hintreten konnte, und sie glaubte doch un 
verbrüchlich an mich und an meinen endlichen Er 
folg. Wir wohnten eine Zeit in Rom, meine 
Frau betrieb mit Eifer ihre Studien, und immer 
erfreulicher entwickelte sich ihr Talent. Bei dem 
Besuche der Museen und Privatsammlungen mußte 
ich staunen über ihr seines Verständnis der Werke 
der großen Maler und Bildhauer. 
Die sinnigen Bemerkungen, die sie daran knüpfte, 
sind mir unvergeßlich. Ihr besonderer Liebling 
war Ghirlandajo, von dessen Kreuztragung sie sich 
kaum trennen konnte. Die Energie und der Fleiß, 
mit dem er sich vom Gvldschmiedsgesellen zur Höhe 
der Kunst emporgeschwungen, der wunderbare Aus 
druck in seinen Köpfen und die liebevolle Ausführung 
seiner Bilder, das alles erfüllte sie mit Entzücken. 
.Welche Summe von Arbeit, von Studium und 
von Fleiß muß es gekostet haben', rief sie aus, 
,um das alles beim Betrachten des vollendeten 
Werkes vergessen zu machen. Ist es nicht, als ob 
die Blumen unter den Füßen des Heilands aus 
dem Boden hervor sprießen? Aus die Dauer 
wollte es ihr hier in Rom nicht behagen, ihr fein 
fühliges Wesen hatte bald begriffen, daß es die 
Atmosphäre nicht war, in der ich zu stetiger Ar 
beit angespornt würde. Wir verkehrten zumeist 
mit Künstlern, besuchten Ateliers und Sammlungen 
und verbrachten Stunden unter den Trümmern ver 
gangener Herrlichkeit und Größe im alten Teile 
der Stadt und in der Campagna. Das Hotel, in 
dem wir wohnten, lag am spanischen Platze, und 
wir konnten früh morgens das malerische Gewühl 
auf der spanischen Treppe, welche nach dem Monte 
Pincio hinaufführt, mit aller Muße betrachten. 
.Dies Rom', meinte meine Frau, .kommt mir 
vor wie ein großes Buch, in dem man fort und 
fort studieren kann, aber es scheint mir, als ob von 
den Vielen, die des Studiums wegen hergekommen, 
nur Wenige darin zu lesen verstünden. Oder ist 
es die Wucht einer ungeheuren Vergangenheit, die 
auf den Menschen lastet, gegen die sie sich nicht 
aufraffen mögen — die Epigonen! Ladet nicht alles 
zu träumerischem Genießen ein, giebt es einen Ort, 
wo das Faulenzen so reizvoll ist, das äoleo far niente!‘ 
Wir kamen überein, unsern Aufenthalt hier ab 
zubrechen und nach Florenz zu gehen. Die liebliche 
Natur des Ortes, seine Kunstschätze und geschicht 
lichen Erinnerungen zogen unsI mächtig an, und 
meine Frau schien glücklich, mich in anderer Um 
gebung zu^wissen. In einer'Villa am Arno schlugen 
wir unser neues Heim aus. Meine Frau war be 
sonders erfreut, ein so ergiebiges Feld für ihre 
Studien so zu sagen vor der Thüre zu haben. Mit 
Vorliebe machte sie Skizzen zu ihren Bildern an 
den malerischen Userpflanzen und pflegte in ihrer 
Gondel sitzend zu zeichnen. Ich selber wollte die 
floreutiuischeu Archive benutzen, um Material zu 
einem Drama aus der Zeit derMedizäer zu bekommen. 
Ich besuchte oft ein Cafö in der Nähe der 
Uffizien, in welchem vorzugsweise Künstler und 
Litteraten verkehrten, und lernte da einen deutschen 
Schriftsteller kennen, der längst zu Ruf und Ansehen 
gelangt war. Sein Äußeres verriet freilich nichts 
von dem Dichter. Von kräftigem Körperbau, gesund 
heitstrotzendem Gesicht und von unverwüstlich heiterer 
Laune, zu harmlosem Spott und Ironie geneigt, 
in der Vollkraft seines Talentes, erschien er mir 
ein wahrhaft beneidenswerter Mensch. Er hatte 
sich nach harter Arbeit durchgerungen, seinem Namen 
einen guten Klang verschafft und durfte nun in 
Seelenruhe weiter schaffen. Kein Wunder, daß er 
unserm kleinen Kreise als Autorität galt. 
Ich hatte ihn mit meinem Leben bekannt gemacht, 
ebenso mit meinen bisher erfolglosen dichterischen 
Versuchen. Ich bat ihn um ein freimütiges Ur 
teil, und er versprach mir meine Arbeiten zu lesen. 
Als wir an einem der folgenden Tage aus dem 
Heimwege waren, erinnerte ich ihn an sein Ver 
sprechen. .Ich bin', sagte er endlich, .weit ent 
fernt, ein maßgebendes Urteil über Ihre Begabung 
als Dichter abgeben zu wollen; es steckt sicher 
Talent in Ihnen, nur muß es ausreisen, und 
lassen Sie mich das offen sagen, Sie stehen zu sehr 
aus der Sonnenseite des Lebens, um Erfahrungen 
zu sammeln, kennen zu wenig dessen Ernst. Sie 
wollen Menschen schildern und haben zu wenig vom 
Leben kennen gelernt, zu wenig Ahnung von der 
Not des Daseins. Goethe macht eine Ausnahme. 
Schmerzenskinder sind viele, vielleicht die schönsten 
Dichtungen. Da ist Ihr besonderer Liebling Byron, 
hat er nicht seine schönsten Verse gemacht, als er 
sich von seinem Weibe, seiner Ada, trennen mußte V" — 
Hier hielt der Erzähler iune, stützte den Kopf 
wie gramversunken in die Hand, dann stand er 
rasch auf und machte eine Bewegung, als wollte 
er gehen. Ich war im Begriff ihm zu folgen, als 
er mich wieder auf meinen Sitz zog und, mehr wie 
zu sich selber sprechend, sagte: „Ich bin noch nicht 
zu Ende, — das Ende fehlt noch! Mußte mich 
schon der sich unwillkürlich aufdrängende Vergleich 
meiner Person mit der kerngesunden Natur dieses 
Mannes verstimmen, so thaten diese Worte das
	        

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