Full text: Hessenland (16.1902)

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mit welch freudestrahlendem Blicke die Augen der 
Mutter auf mir ruhten. Ich war überhaupt ihr 
Abgott, und als ich schon früh mich geistig entwickelte 
und mit Leichtigkeit lernte, sah sie mich im Geiste 
den Namen unserer Familie mit den höchsten Ehren 
schmücken. 
Ich hatte mich für das Studium der Philologie 
entschieden, als am meisten meinem Hang zur Poesie 
entsprechend. Meine ersten dichterischen Versuche 
reichen in meine Knabenzeit zurück und hatten bei 
den Meinen und bei den Freunden unseres Hauses 
beifällige Ausnahme gefunden. Mein älterer Bruder, 
eine kühle, praktische Natur, bildete sich unter den 
Augen des Vaters zum künftigen Chef des großen 
Hauses aus. Mit den Mitteln, die mir zu Ge 
bote standen, konnte ich als Student ganz nach 
meiner Neigung leben, was mir leider nicht zum 
Segen gereichte. Ein Brotstudium brauchte ich uicht 
zu treiben; ich begeisterte mich an den Schätzen 
der Poesie, schwärmte bald für diesen, bald für 
jenen Dichter und versäumte darüber — arbeiten 
zll lernen. Nur neuere Sprachen trieb ich mit 
Eifer, ganz besonders die englische. Vor allem 
fand ich mich zn Byron hingezogen, dessen wunder 
volle Sprache — Sie wissen es ja — noch heute 
das Höchste für mich ist. Eben so sehr wie seine 
Dichtungen interessierte mich die Person des Dichters, 
sein häusliches Drama, seine glühende Freiheitsliebe 
und nicht am wenigsten der Akut, mit welchem er 
den tief eingewurzelten Vorurteilen seines Volkes 
trotzte und seinen eigenen Weg ging. 
Mein Kopf war erfüllt von Plänen zu großen 
Dichtungen. Ja, wenn ich von meinen großen Vor 
bildern gelernt hätte zu arbeiten, die Zeit zu Rate 
zu halten, anstatt zu glauben, daß meinem Talente 
die Früchte mühelos in den Schoß fallen müßten, 
vielleicht hätte ich etwas geschaffen, was würdig ge 
wesen nach mir zu leben. So aber bin ich über Pläne 
und Bruchstücke nicht hinausgekommen, immer mir 
mit dem Gedanken schmeichelnd, daß die Vollendung 
mit der Reife der Jahre von selber kommen würde. 
Sie sehen, ich entwerfe kein geschmeicheltes Bild 
von mir selbst, wer könnte aber auch", rief er aus, 
aus die Trümmer um uns deutend, „an dieser Stelle 
lügen. Drei Jahre hatte ich an der Universität 
zugebracht, als ich in die Heimat zurückkehrte, von 
den Meinen mit der alten Liebe und Herzlichkeit 
empfangen. Es hatte sich dort wenig verändert, 
nur die Schwester hatte sich zur Jungfrau entwickelt. 
Man hatte, wie ich schon aus Briefen wußte, eine 
junge Deutsche als Erzieherin und Gesellschafterin 
für sie angenommen. Es war eine Pfarrerstochter, 
früh verwaist, vortrefflich erzogen, aber mittellos 
und aus die Verwertung ihrer Kenntnisse und Talente 
angewiesen. Meine Schwester sprach mit Enthusias 
mus von ihr und wußte mir ihren Geist und ihre 
seine Bildung nicht genug zu rühmen. 
Überrascht war ich von dem ungewöhnlichen Talent, 
welches die Aquarellbilder, deren einige die Wände 
zierten, bekundeten. ,Und das ist alles', wie die 
Schwester mit Stolz versicherte, ,ihre eigene Er 
findung.' Ich hatte bald Gelegenheit mich zu über 
zeugen, daß man nicht zu viel zum Lobe der jungen 
Fremden gesagt. Ich lernte ein liebenswürdiges 
Wesen kennen, keine blendende Schönheit, aber von 
einer Anmut, von einem Liebreiz und begabt mit 
einem bezaubernden Organ, daß ich wohl begriff, 
wie sie der Liebling des Hauses geworden. Mir 
kam sie, von dem sie sich, wie sie mir später gestand, 
aus den begeisterten Schilderungen von Mutter 
und Schwester eine ganz falsche Idee gebildet hatte, 
schüchtern und besangen entgegen und schien froh 
zu sein, als sie sich nach der Zeremonie der 
Vorstellung entfernen konnte. 
Wie ich nach und nach den ganzen Wert des 
herrlichen Mädchens erkennen lernte, wie mich ihre 
Bescheidenheit und ihr geistvolles Urteil bezauberten 
und einen Einfluß aus mich ausübten, dem ich mich 
nur zu willig unterwarf, das sind lichtvolle 
Erinnerungen, die die Öde meines jetzigen Daseins 
doppelt traurig machen. Die eigentümliche Schön 
heit und die Poesie unserer nordischen Natur lernte 
ich damals erst recht schätzen, als ich sie in den 
Skizzenbüchern der jungen Künstlerin — denn das 
war sie — wiedergegeben fand. Ich habe Ihnen schon 
gesagt, daß meine Eltern keinen höhern Wunsch 
hatten, als ihre Kinder glücklich zu sehn, und so 
konnte ich ihrer Einwilligung sicher sein, als ich, 
im beglückenden Bewußtsein geliebt zu sein, dem 
trefflichen Mädchen Herz und Hand bot. 
Das Leben schien für mich erst recht zu beginnen 
bei der Aussicht, es an der Seite eines so fein 
fühligen und verständnisvollen Wesens zu genießen, 
und ich ging mit neuem Eifer an meine dichterischen 
Arbeiten, gehoben von neuer Anregung, von neuem 
Ehrgeize, denn der zu hoffende Erfolg und der 
Ruhm hatten nun noch höheren Wert für mich. 
Glücklichste, unvergeßlichste Zeit meines Lebens! 
Ich ging mit meiner jungen Frau aus Reisen, 
wir besuchten die deutschen Hauptstädte und be 
absichtigten dann längere Zeit in Italien zu leben. 
Da wollte ich endlich, getragen und begeistert von 
der klassischen Atmosphäre, ernstlich schaffen, wollte 
ringen um Anerkennung, wollte mich meines Glückes 
würdig machen. Aber die Anerkennung blieb aus, 
die Arbeiten, welche ich anbot, fanden keinen An 
klang, man sandte sie mir mit höflichen Phrasen 
zurück, sprach von beachtenswertem Talent, welches 
die Zeit reifen würde, und ähnlichen Dingen. Das 
verbitterte meine Stimmung, machte mich verdrossen
	        

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