Full text: Hessenland (16.1902)

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folgte aufmerksam, betrachtete die Zeichnungen 
mit prüfendem Interesse und schrieb nach einigen 
Zwischenfragen, die ich zu seiner Befriedigung 
beantworten konnte, sein „genehmigt" in das ihm 
vorliegende, den schriftlichen Antrag des Ministers 
des Innern enthaltende Hanptprotokoll sowie auf 
den neuen Stadtplan. Dann entließ er mich in 
sichtlich guter Stimmung mit den Worten: „recht 
gut, daß ich gleich habe genehmigen können, sorgen 
Sie nun, daß meine Entschließung sofort weiter 
gegeben wird und womöglich, wenn die Deputation 
nach Haus kommt, dort schon bekannt ist." So 
geschah's denn auch, und Denen, die ans der 
Abweisung der Deputation Kapital zu schlagen 
gedachten, war die Freude verdorben! Dem 
Kurfürsten selbst lag übrigens diese letztere Be 
trachtung bei seiner souveränen Verachtung der 
öffentlichen Meinung absolut fern. 
Es war nur meine Absicht, einen Beitrag 
zur Charakteristik des letzten Kurfürsten von Hessen 
zu geben, nicht etwa ein vollständiges Charakter 
bild oder eine eigentliche Geschichte desselben; ich 
schließe meine kurze Skizze mit dem Wunsche, 
daß es mir gelungen sein möge, wenigstens aus 
unserem Kreis den immer noch nicht überall 
überwundenen Irrtum ein für allemal zu ver 
bannen, als seien dem hochseligen Kurfürsten 
Friedrich Wilhelm Regungen menschlichen Mit 
gefühls und Wohlwollens vollständig fremd ge 
wesen. 
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Richard Jordan als Übersetzer 
nläßlich des am 6. Januar d. I. zu Charcas in 
Mexico erfolgten Todes des erst im 44. Lebens 
jahre stehenden, durch seine eigenen Dichtungen wie 
durch seine Übertragungen aus dem Spanischen 
bekannten hessischen Dichters und Schriftstellers 
Richard Jordan verdient erwähnt zu werden, 
daß Richard Jordan es war, der im Jahre 1893 
bei Otto Hendel in Halle a. d. Saale unter dem 
Titel „Sp a nis ch e Li ede r" eine als mustergiltig 
anerkannte deutsche Übersetzung der durch die Höhe 
des in ihnen zu Tage tretenden Dichter-Ideales 
besonders bemerkenswerten „Rimas“ des Spaniers 
Gustavo Adolfo Becquer lieferte. Ein im gleichen 
Jahre in der „Beilage" der „Münchener All 
gemeinen Zeitung" aus der Feder Jordans er 
schienener Aufsatz brachte den deutschen Lesern 
eingehende Kunde von drei anderen ausländischen, 
ebenfalls in ihrer Heimat bereits seit Langem ge 
feierten Dichtern. Es waren dies die drei mexi- 
canischen Poeten Diaz Miron, Manuel Acuna und 
Juan de Dios Peza. Tie Charakteristik, welche 
Richard Jordan von denselben auf Grund seines 
eigenen langjährigen Aufenthaltes in Mexico lieferte, 
rechtfertigte, ebenso wie die von ihm im genannten 
Aussatz getroffene Auswahl aus deren Dichtungen, 
den Ruf, welchen dieselben zufolge des Zeugnisses 
spanischer Autoren (vergl. Francisco Blanco Garcia 
in seinem dreibändigen Werke „Ra Literatura 
Espanola en el siglo XIX.“) auch in Spanien 
und zum Teil in Frankreich seit Langem genießen. 
Die letzte der in jenem Aussatze verdeutschten Gedicht 
proben, welche Pezas Gedicht „Fusiles y munecas“ 
(„Puppen und Gewehre") betraf, eine für die Pezasche 
Borliebe, das Leben und Treiben seiner eigenen 
Kinder zu verklären, bezeichnende Dichtung, fand 
im Jahre 1894 Aufnahme in jenem für die Ver 
ehrer tropenländischer Poesieen besonders wertvollen 
Gedichtbuche Richard Jordans, das unter dem Titel 
„Lieder vom Stillen Ocean" bei Hendel in 
Halle a. d. Saale erschien und den Verfasser, der 
bis dahin vorwiegend in seiner engeren hessischen 
Heimat und unter den Deutschen seines Adoptiv 
vaterlandes Mexico bekannt war, in die Reihe der 
erster: lebenden deutschen Dichter erhob. Unter den 
drei am Schluffe der „Lieder vom Stillen Ocean" 
veröffentlichten Übertragungen ist besonders be 
merkenswert die Wiedergabe jenes Madrigals „Yo 
pienso en tl“ („Ich denke dein"), welches nach 
dem Urteile des namhaften centralamerikanischen 
Litteraturhistorikers Ram6n Uriarte (vergl. dessen 
in Guatemala erschienenes dreibändiges Werk 
„Galeria Poetica Centro-Americana“) eine der 
hervorragendsten americo-hispanischen Poesieen dar 
stellt. Wir können uns nicht versagen, dieses Gedicht, 
das von dem 1844 im 35. Lebensjahre gestorbenen 
Guatemalteker Jose Batrbs Montüsar herrührt 
und das zufolge einer dem Verfasser dieser Zeilen 
zur Verfügung stehenden schriftlichen Aufzeichnung 
Richard Jordans „in der Akademie zu Paris in 
Goldlettern gedruckt und als unübertrefflich aus 
gestellt" ward, sowohl in seinem durch Uriarte in 
dessen erwähntem Werke veröffentlichten Wortlaut, 
als in der deutschen Übersetzung Jordans mit 
zuteilen. 
Yo pienso en ti. 
Yo pienso en ti, tu vives en mi mente, 
sola, fija, sin tregua, ä toda hora; 
aunque talvez el rostro indiferente 
no deje refiejar sobre mi Rente 
la llama que en silencio me devora.
	        

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