Full text: Hessenland (16.1902)

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— so hieß der Schatnllkassierer — soll den Gehalt 
alsbald nochmals zahlen", und von Stund an 
hatte sich der Jäger besonders gnädiger Behand 
lung zu erfreuen. — 
Das Städtchen Frankenau war im Jahr 1864 
säst vollständig niedergebrannt. Der Wieder 
aufbau sollte nach einem neuen, eine wesentliche 
Verbesserung der Straßen vorsehenden Bebauungs 
plan erfolgen und zur endgültigen Feststellung 
des letzteren bedurfte es Allerhöchster Geneh 
migung. Die Vorarbeiten hatten den ganzen 
Winter 1864/65 in Anspruch genommen und 
die Vorlage des Plans im Ministerium des 
Innern, von wo aus die Entschließung des Kur 
fürsten einzuholen war, konnte erst im Mai 1865 
erfolgen. Bis zum Wiederaufbau der zerstörten 
Stadtteile waren die Abgebrannten sehr notdürftig 
untergebracht, eine Beschleunigung der Inangriff 
nahme der Neubauten war daher dringend wünschens 
wert. Der Kurfürst pflegte Bauangelegenheiten 
besonders eingehend zu prüfen und die Entschließung 
über solche nicht eher zu fassen, als bis er sich 
ein klares Bild von dem durch vorgelegte Pläne 
veranschaulichten Unternehmen hatte machen können. 
So geschah es denn auch, daß er die vom Minister 
des Innern beantragte Genehmigung des Franken- 
auer Bebauungsplans in der Ministerialsitzung, 
in welcher ihm der erste Vortrag über die Sache 
gehalten wurde, nicht sofort erteilte. Bald nach 
dieser Sitzung konnte man schon böswillige Äuße 
rungen darüber hören, daß die Frankenauer Bau 
angelegenheit vom Kurfürsten verschleppt werde. 
Es dauerte auch nur wenige Tage, da erschien 
ohne vorherige Anmeldung auf Schloß Wilhelms 
höhe, wo sich das Sommerhoslager befand, eine 
Deputation der Frankenauer Bürger, um dem 
Kurfürsten die Bitte um baldige Genehmigung 
des Bebauungsplans vorzutragen. Ich kam, um 
mich zum Vortrag zu melden, in dem Augenblick 
in das Wartezimmer, als der dienstthuende Flügel 
adjutant der dort auf Vorlassung harrenden 
Deputation den Bescheid überbrachte: Se. König 
liche Hoheit seien heute so sehr anderweit in 
Anspruch genommen, daß sie bedauerten, die Herren 
nicht empfangen zu können. Ich versuchte die 
verblüfft dreinschauenden Männer, die eine herz 
bewegende Schilderung von den in ihrer Heimat 
herrschenden Zustünden machten, zu beruhigen, 
indem ich ihnen vorstellte, daß die schwierigen 
Arbeiten für die Feststellung des neuen Bebauungs 
plans von den Behörden unmöglich rascher hätten 
beendigt werden können, daß ihre Sache erst vor 
wenigen Tagen dem Kurfürsten unterbreitet worden 
sei, daß dieser bei seinen vielen andern Regiernngs- 
geschüften noch nicht Zeit zu einer der Wichtigkeit 
der Angelegenheit entsprechenden eingehenden Prü 
fung habe finden und besonders deshalb sie — die 
Deputation — auch nicht habe empfangen können, 
daß sie aber versichert sein dürften, die Allerhöchste 
Entscheidung werde baldigst erfolgen. Die Männer 
verließen, durch die Abweisung bitter enttäuscht, 
in niedergedrückter Stimmung das Schloß. Bald 
darauf wurde ich zum Vortrag befohlen. Der 
Kurfürst, sichtlich erregt, kam alsbald auf die 
Bitte der Deputation um Audienz zu sprechen 
und erklärte, es sei sehr unpassend, ohne vorherige 
schriftliche Anmeldung zu kommen und ihn drängen 
zu wollen. Ich suchte die Leute mit ihrer Un- 
erfahrenheit und mit der Bedrängnis, in der sie 
sich befänden, zu entschuldigen und gab dabei mit 
einiger Lebhaftigkeit die Schilderungen wieder, 
die ich im Wartezimmer gehört hatte. Der Kur 
fürst wurde ruhiger, wiederholte aber, es sei trotz 
alle dem ganz ungehörig, daß die Leute gekommen, 
er wolle und könne sich auf solche Versuche, zu 
Entschließungen zu drängen, nicht einlassen. Dann 
setzte er aber hinzu: „Sie sind ebenso wie mein 
Adjutant ganz bewegt durch das, was Ihnen die 
Leute erzählt haben, mir würde es doch ebenso 
gehen, wenn ich sie anhörte, es paßt sich aber 
nicht für mich, mich bewegt zu zeigen." Auf 
meine Bitte, die Sache bald vortragen zu dürfen, 
gab er keine Antwort, forderte mich vielmehr aus, 
mit den für den heutigen Vortrag bestimmten 
Sachen — zu denen die Frankenauer noch nicht 
gehörte — zu beginnen. Nach Beendigung meiner 
Vortrüge entließ er mich in ganz gnädiger Stim 
mung, ohne jedoch die oben genannte Angelegen 
heit weiter zu erwähnen. 
Ich fuhr ziemlich niedergeschlagen nach Haus, 
indem ich mich in Betrachtungen darüber vertiefte, 
wie die Begebenheit des heutigen Tags wieder zu 
entstellten Schilderungen der Hartherzigkeit des 
Kurfürsten werde ausgebeutet werden! 
Am andern Morgen erschien in aller Frühe 
in meiner Wohnung in Kassel ein berittener 
Leibgendarm von Wilhelmshöhe, der mir den 
Allerhöchsten Befehl überbrachte, Sr. Königlichen 
Hoheit um 10 Uhr — also zu einer ganz un 
gewöhnlichen Stunde — im Stadtschloß über die 
Frankenauer Angelegenheit Vortrag zu halten. 
Der Kurfürst kam präzis 10 Uhr direkt von 
Wilhelmshöhe angefahren, ließ mich alsbald vor 
und empfing mich mit der Aufforderung, die 
Frankenauer Sache sogleich vorzutragen, er habe 
den Wunsch, dieselbe noch heute zu erledigen. 
Ich legte die bereit gehaltenen Pläne vor, erläuterte 
sie ausführlich und schloß mit dem Antrag auf 
allergnädigste Genehmigung der zu keinerlei Be 
denken Anlaß bietenden Vorlage. Der Kurfürst
	        

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