Full text: Hessenland (16.1902)

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Beitrag zur Charakteristik öes letzten Kurfürsten 
von Hessen. 
Vortrag, gehalten von dem Wirkl. Geheimen Rat v. Weyrauch in der Sitzung des Hessischen 
Geschichtsvereins zu Marburg am 24. Januar d. I. 
(Schluß.) 
R ach kurhessischem Recht bedurfte es zur Voll 
streckung der Todesstrafe landesherrlicher Geneh 
migung, und nach älterem Recht durfte auf Grund 
eines nur indirekten Beweises zum Tod überhaupt 
nicht verurteilt werden. Erst mit Einführung 
der Geschworenengerichte wurde dieser letztere 
Rechtszustand geändert. Der Kurfürst hielt jenes 
ältere Recht für das richtigere und war zur Be 
stätigung eines Todesurteils außer im Fall eines 
Geständnisses oder direkten Beweises nur dann 
zu bewegen, wenn er persönlich von der Richtig 
keit des Wahrspruchs der Geschworenen überzeugt 
worden war. Das letzte während seiner Regierung 
gefüllte Todesurteil war das gegen den am 
14. Oktober 1864 hier am Rabenstein Hingerichteten 
Schuhmacher Hilberg von Ockershausen, der im 
Marburger Dammelsberg ein Ockershüuser Mädchen 
auf scheußliche Art ermordet hatte. Der Vorstand 
des Justizministeriums beantragte in einer unter 
dem Vorsitz des Kurfürsten gehaltenen Sitzung 
des Gesamt-Staatsministeriums in längerem Vor 
trag die Genehmigung zur Vollziehung des ans 
einstimmigen Wahrspruch der Geschworenen er 
gangenen Todesurteils. Der Kurfürst, der dem 
Vortrag aufmerksam gefolgt war, wendete ein, es 
liege doch kein Geständnis oder sonstiger direkter 
Beweis vor, die Geschworenen konnten trotz aller 
Indizien geirrt haben, er könne sich deshalb noch 
nicht entschließen, dem Antrag stattzugeben. Die 
Sache blieb also zunächst unerledigt und mußte 
nach der bestehenden Geschäftsordnung zur nach 
träglichen Einholung der allerhöchsten Entschließung 
llvch einmal vom Kabinetsrat ohne Gegenwart 
der Minister vorgetragen werden. Ich wieder 
holte bei diesem Vortrag die Ausführungen des 
Justizministers, gab meiner persönlichen Über 
zeugung von der Schuld des Verurteilten Ausdruck 
und bat um Genehmigung der Vollstreckung des 
Urteils. Der Kurfürst hatte abermals mit großer 
Aufmerksamkeit zugehört, zeigte sich mehr als in 
der Staatsministerialsitzung geneigt, sich im Sinne 
meiner Bitte zu entschließen, erklärte aber zuletzt, 
er sei immer noch nicht vollständig überzeugt, und 
schloß mit dem Befehl, der Justizminister solle 
ihm mit den Prozeßakten, aus denen bis jetzt 
nur ein Auszug vorlag, in meiner Gegenwart 
die Sache nochmals vortragen. Das geschah mit 
großer Klarheit und Ausführlichkeit — das Justiz 
ministerium wurde damals von Staatsrat Pfeiffer 
verwaltet —, und nun erst erklärte der Monarch 
sich auch von der Schuld des Verurteilten über 
zeugt und erteilte die beantragte Genehmigung 
der Hinrichtung. Als deren Vollstreckung mit 
dem Zusatz gemeldet wurde, Hilberg habe dem 
ihn zum Tod vorbereitenden Geistlichen gegenüber 
noch in seiner letzten Stunde ein Geständnis ab 
gelegt, nahm der Kurfürst diese letztere Meldung 
mit besonderer Befriedigung entgegen und sprach 
aus, jetzt erst sei er vollständig beruhigt. — 
Eines Tages führt der Kurfürst in offener 
Kalesche, nur von einem Leibjäger begleitet, von 
Kassel nach Schloß Wilhelmshöhe. In der 
Wilhelmshöher Allee steht ein sehr elend aus 
sehender Bettler in demütiger Haltung am Straßen 
rand. Der Kurfürst läßt halten, ruft dem hinter 
ihm sitzenden Leibjäger in seiner bekannten lako 
nischen Art zu: „etwas geben!" und erwidert 
auf des Leibjägers Frage: „wieviel befehlen 
Königliche Hoheit?" kurz: „was Sie in der 
Tasche haben." Der Leibjäger zieht seinen Geld- 
belltel und wirft ihn dem Bettler in den Hut. 
Beim Aussteigen fragt der Kurfürst den Jäger: 
„wie viel ausgelegt?", dieser erwidert: „König 
liche Hoheit haben befohlen, zu geben, was ich 
in der Tasche hatte; heut' ist der 1. d. Mts., ich 
hatte in Kassel meinen Monatsgehalt empfangen 
und noch nichts davon ausgegeben, ich hatte also 
16 Thlr. 20 Slbgr. im Geldbeutel." Der Kur 
fürst, der nicht gedacht hatte, daß der Jäger mehr 
als die übliche Almosengabe von 2 Thalern in 
der Tasche haben würde, bleibt überrascht mit 
der Frage stehen: „so viel?" Als aber der 
formgewandte Jäger erwidert: „am Befehl meines 
allergnädigsten Herrn durfte ich nicht deuteln", 
entläßt ihn der Fürst in freundlichster Weise mit 
den Worten: „haben sehr recht gethan; Strnbe
	        

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