Full text: Hessenland (16.1902)

80 
Eine kleine Abwechselung gab es nur, als der 
Gensdarm, welcher in Rauhfrost wohnte und kürzlich 
pensioniert worden war, mit einem großen Wagen 
kam und sich nach alter Observanz — „Obselvarz" 
sagte er — beim Bürgermeister sein Holz holen 
wollte, wohingegen früher die Fuchslocher am Abend 
keine Laterne am Fuhrwerk zu haben brauchten, 
in der „ewigen Lampe" bis über Mitternacht 
karten und sich sonst allerlei Seitensprünge erlauben 
durften. 
Diesmal aber zog er betrübt und allein ans dem 
Wäglein ab. Traurig drückte er mir die Hand: 
„Herr Lehrer, hätte ich meinen Säbel noch!" 
Eines Tages mußte ich wegen einer unliebsamen 
Sache zu dem Pfarrer. Ich hatte einen Jungen 
verhauen, der mir, als ich ihm ein schönes Zimmer 
röschen, das ich mit Mühe gepflegt hatte, zeigte, 
nicht sagen konnte oder wollte, was es für eine 
Blume wäre. 
„Wenn er auch keine Blumen mit bcu Namen 
kennt, wenn er sie nur lieb hat", sagte der kluge 
Mann mit weicher Stimme. „Tie Einsamkeit ist 
Ihnen nicht gut. Kommen Sie zu uns." 
Und so kam ich denn öfter und saß dann auch 
neben der helläugigen Else und studierte Latein. 
Und das Latein machte mein Herz kalt und warm. 
Kalt, daß es ohne Gefühl für die Dvrsschönen, 
warm, daß es mit Glut für die „Solidaten" alle 
die notwendigen Korrespondenzen besorgte, kalt für 
die Gegenwart, warm für die Zukunft. Mit den 
Fuchslochern kam ich immer bester aus und der 
Bürgermeister schasste sogar für die Schule, „obgleich 
er nichts vor so große Städte iwrig hätt'" eine 
Karte von Europa an . . . Wie freute ich mich 
mit dem Psarrhause, als Else konfirmiert wurde! 
Nicht nur das Mädchen, auch Vater, Mutter und 
Geschwister sahen mich glücklich an. — Er ist der 
fühlende Philosoph, sie die sorgliche Hausfrau und 
die Kinder sind die jubelnden Heidevögel . . . Else 
lernte bei mir Klavier, ich mit ihr Latein und wir 
machten riesige Fortschritte. Wir gingen auch zu 
sammen durch Feld und Hag und im Winter saß 
ich bei ihr am Spinnrad und wir lasen die 
lateinischen Dichter und pflanzten still im Herzen 
ein zartes Kräutlein. Als aber die Knospen der 
Sonnentriebe aufbrechen wollte, wurde ich ans 
Betreiben des Pfarrers versetzt. Gleich in die große 
Hauptstadt. — Ob? — Es war im Juni. 
Als ich mich von meinem alten Freunde, dem 
Waldläufer, verabschiedete, zog ein schweres Wetter 
über die Wipfel. Der Regen klatschte an die 
Scheiben, der Sturm heulte, der Donner rollte 
unaufhörlich. Ter Alte saß mit geschlossenen Augen 
in seinem Lehnstuhl. Da wurden auf einmal die Vögel 
in den Käfigen unruhig, die Hunde sprangen um, 
der Sturm schwieg einen Augenblick . . . „Jetzt 
kommt's!" rief der Granbart . . . Und da zuckte 
auch ein furchtbarer Blitz hernieder und zerschmetterte 
die Eiche, welche dem Forsthaus gegenüber stand. 
Wie eine Riesenfackel flammte sie auf. 
„So muß es kommen, wenn's besser werde' soll 
im Bolk. Seht Euch die Fackel an, — — ! Sv 
werdet eine!" 
Das war der Abschied. 
Ter Bürgermeister machte es einfacher. „Mer 
krije g'wiß wieder 'n Annere. Wann net — dann." 
Und er schnappte mit dem Daumen. 
Ter Pfarrer aber begleitete mich bis zur Kreis 
stadt, von wo ab ich mit der Bahn fahren konnte. 
Else war nicht zu sehen gewesen. 
„Weiter, weiter, junger Freund!" ries mir der 
alte Herr noch in den Eisenbahnwagen nach. „Es 
ist gut für uns alle." 
Das war der schönste Abschiedslaut und Geleits 
brief. 
In dem Gewühl der Stadt bekam ich zunächst 
ein großes Heimweh nach den rauhen Bergen, deren 
Dust ich in meinen freien Stunden in Verse goß 
und durch die Handlungen meiner Erzählungen 
säuseln ließ. Die Leute in der Stadt hatten bald 
auch etwas für mich übrig und einige sogar soviel, 
daß ich meinen Beruf, die Kleinen zu lehren, mit 
dem, durch das gedruckte Wort zu wirken, ver 
tauschen konnte. Die Fuchslocher waren das zu- 
srieden, und die hatten doch auch ein Urteil! 
Überhaupt so — das unwirtliche Nest ... Es 
zieht mich an . . . - 
Fast in jedem Sommer steh ich wieder ans der 
Höhe vor dem Dörflein Dann duftet es in den 
Hecken, die Wasser rauschen, die Blumen plaudern 
leise, in den Feldern wandelt es hin und her . . 
Rastlos webt Leben und Liebe. 
Weit hinter dem Walde kommt dann der Geist 
der Nacht heraus und sendet Träume ins Land 
und segnet die Kinder der Erde und streift mit 
mildem Finger das Haupt meiner Else und dann 
auch meines. ' 
Und ernt Abend droht das Mütterchen von der 
Hausthür her: „Aber Kinder, es ist schon spät! Es 
ist Eulennacht!"
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.